Rätselhafte Vettel-Strategie: Alles nach Plan oder verkorkster Poker?

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Rätselhafte Vettel-Strategie: Alles nach Plan oder verkorkster Poker?
Autor: Dominik Sharaf
13.05.2018, 17:19

Sebastian Vettel betont, dass Ferrari einen zweiten Stopp fest eingeplant hätte, weil der Reifenverschleiß so hoch war – Mercedes vermutet aber, dass die Roten zockten

Sebastian Vettel hat sich nach einem vermeintlichen Taktikfehler beim Spanien-Grand-Prix hinter seine Ferrari-Mannschaft gestellt. Der Deutsche ist überzeugt, dass die Scuderia richtig gehandelt hätte, als sie ihn als einzigen Spitzenpiloten zu einem zweiten Boxenstopp beorderte – was ihn von Rang zwei auf vier zurückfallen ließ. "Es war einfach keine Option, so weiterzufahren", sagt Vettel.

Das Problem: Nachdem er in Runde 20 als erster Topfahrer die Pneus getauscht hatte, baute selbst die härteste Mischung – der Medium-Reifen – am Ferrari zügig ab. "Wir haben die Reifen schneller verschliessen als andere", stellt Vettel mit Blick auf die Konkurrenz von Mercedes und Red Bull, die scheinbar locker mit einem Stopp durchkam, fest. Die Zeiten sprechen eine andere Sprache.

Vor dem zweiten Reifenwechsel in Runde 42 drehte Vettel konstant 1:21.3er-Zeiten. Damit war er eine halbe Sekunde langsamer als Lewis Hamilton, der ohnehin längst enteilt war. Sein Tempo fiel im Vergleich dem zu Beginn des Stints ab, doch das betraf nicht nur Ferrari. Zu diesem Zeitpunkt waren Vettels Pneus auch "nur" 24 Runden alt – andere fuhren bis zu 47 Umläufe mit einem Satz.

Noch wichtiger: Vettel war auf dem Niveau seines direkten Widersachers Valtteri Bottas und nur 0,2 Sekunden pro Runde langsamer als Max Verstappen auf Platz vier. Zudem hatte der Red-Bull-Mann neun Sekunden Rückstand. Hinzu kommt, dass die Hürden für einen Notstopp auf einem Kurs, auf dem es für ein Überholmanöver massive Geschwindigkeitsunterschiede braucht, hoch sind.

 

Vettel verteidigt seine Strategen: "Natürlich sieht es anders und falsch aus, aber wenn man die Hintergründe kennt, ist klar, dass es richtig war." Dass der Deutsche in einer Virtuellen Safety-Car-Phase an die Box kam, mag ein glücklicher Zufall gewesen sein. So verlor er weniger Zeit als unter Rennbedingungen und blieb vor dem fünftplatzierten Daniel Ricciardo im zweiten Red Bull.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff glaubt aber, dass Ferrari die Gelegenheit für einen Poker nutzen wollte: "Sie haben wahrscheinlich gedacht, dass der frischere Reifen besser ist als die Track-Position. Das ist ein bisschen ein Gamble in diesem Jahr. Wir haben den Fehler auch schon gemacht."

Bedeutet konkret, dass die Scuderia laut Wolff "kostengünstig" während der Neutralisation frische Pneus fassen wollte, um anschließend mit frischen Gummis eine Aufholjagd zu starten – also das Manöver zu fahren, was Ricciardo und Red Bull beim China-Grand-Prix zum Sieg verhalf.

Dafür spricht, dass Ferrari nicht befürchten musste, hinter Verstappen zurückzufallen. Der zweite Reifenwechsel dauerte mit 5,6 Sekunden Standzeit lange, weil in der Boxengasse Verkehr war und die Mechaniker Vettel nicht sicher losfahren lassen konnten. Drei Sekunden schneller und er wäre Dritter geblieben. "Der Stopp an sich war vielleicht gar nicht schlecht", meint 'RTL'-Experte Timo Glock. "Er war der Erste, der an der Box war. So wurde es für ihn hinten raus ein langer Stint."

 

Vielmehr hätte er Probleme gehabt, mit frischen Medium-Reifen so zügig zu fahren, dass das Manöver klappt. Daraus macht Vettel keinen Hehl: "Wir waren einfach nicht schnell genug", hadert er und sucht die Gründe in der von Pirelli nach Barcelona gelieferten Spezialmischung mit schmalerer Lauffläche. "Man hat im ersten Stint gesehen, dass Speed gefehlt hat. Bis zu einer halben Sekunde pro Runde. Ich habe mich das Rennen über schwergetan, mit dem Auto die Balance zu finden."

Sollte Ferrari entgegen Vettels Aussagen gepokert haben, fragt sich: Warum das Risiko? Mehr als der zweite Platz, den er vor dem zweiten Stopp innehatte, war nicht drin. Auf die Frage, ob er mit einer anderen Taktik vielleicht auf das Podium gekommen wäre, antwortet Vettel: "Das mag sein." Hinter Verstappen war in der Schlussphase nichts mehr auszurichten. "Wir waren insgesamt schneller, aber nicht schnell genug. Sogar als meine Reifen am Ende die neuesten waren, sahen sie nicht mehr gut aus."

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