Reifenwechsel-Bluff: FIA ahndet Regelverstoß nicht

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Reifenwechsel-Bluff: FIA ahndet Regelverstoß nicht
Christian Nimmervoll
Autor: Christian Nimmervoll
Co-Autor: Oleg Karpov
22.05.2018, 16:22

2015 wollte FIA-Rennleiter Charlie Whiting Mercedes wegen eines Boxenstopp-Bluffs noch an den Kragen, drei Jahre später sieht er das Thema viel relaxter

Sind Bluff-Boxenstopps in der Formel 1 nun erlaubt oder nicht? Darüber scheiden sich nach einem Zwischenfall beim Grand Prix von Bahrain erneut die Geister. Eigentlich hatte die FIA angekündigt, dagegen vorzugehen, wenn Teams einen Reifenwechsel nur vortäuschen, um Gegner in die Irre zu führen, tatsächlich aber auf der Strecke bleiben. Doch die Praxis beweist das Gegenteil.

Als Sebastian Vettel beim Grand Prix von Bahrain 2018 an die Box kam, stand auch die Mercedes-Crew von Verfolger Valtteri Bottas bereit. Doch kaum war Vettel an der Mercedes-Box vorbei, zogen sich die Mechaniker in die Garage zurück. Es schien ganz offensichtlich, dass sie gar nicht damit gerechnet hatten, gleich Bottas' Reifen wechseln zu müssen.

FIA-Rennleiter Charlie Whiting sieht darin kein Problem: "Wenn wir ihnen einen Bluff vorwerfen, sagen sie nur: 'Wir wollten ihn ja reinholen, aber wir haben unsere Meinung geändert.' Ich denke, das ist Part of the Game." Whiting hält den Zwischenfall in Bahrain sogar für eine "gute Sache, der Interesse generiert hat. Und es hat ja auch niemandem geschadet."

Daher sieht er keinen Bedarf, die Regeln zu straffen: "Ich werde eher gebeten, Regeln abzuschaffen als neue zu erfinden", sagt er im Interview mit 'motorsport.com'.

 

 

Dabei sind die Regeln in dem Fall sonnenklar. In Artikel 28.12 des Sportlichen Reglements heißt es, dass sich Teampersonal nur dann in der Boxengasse aufhalten darf, wenn es anschließend am Auto arbeiten muss. Sobald diese Arbeit abgeschlossen ist, muss das Personal zurück in die Garage.

Auch wenn sich Whiting daran nicht mehr erinnern kann: Der Paragraf wurde nach dem Grand Prix auf dem Nürburgring 2013 eingeführt, als ein Kameramann von einem losen Rad von Mark Webbers Red Bull getroffen wurde. Nebeneffekt: Weil bei einem Boxenstopp-Bluff keine ernsthafte Absicht vorliegt, in der Boxengasse zu arbeiten, sind solche Spielchen durch Artikel 28.12 strenggenommen verboten.

Doch die Auslegung der Regel wird locker gehandhabt: "Manchmal entscheiden sie sich halt spät, nicht an die Box zu kommen. Oder sie sagen: 'Mach das Gegenteil von dem, was der vor dir macht!' Das können wir nicht unterbinden", sagt Whiting. Und das will die FIA eigenen Angaben nach auch gar nicht, schließlich werten Boxenstopp-Bluffs letztendlich die Show auf.

Interessant: 2015 hatte Whiting dazu noch eine ganz andere Meinung. Als Mercedes in Silverstone einen Boxenstopp vortäuschte, um das in Führung liegende Williams-Team zu irritieren, reagierte er mit strenger Hand: "Ich werde darüber mit allen Teams sprechen und sie warnen, dass wir in so einem Fall in Zukunft Beweise dafür sehen wollen, dass sie wirklich vorhatten, an die Box zu kommen."

 

 

Drei Jahre später scheint er seine Meinung geändert zu haben. Allerdings bleibt es dabei, dass die FIA kein unnötig herumstehendes Personal in der Boxengasse haben möchte. Erstens aus Sicherheitsgründen, "weil es gefährlich ist, und zweitens weil die Leute nicht gebraucht werden, aber potenziell andere Teams behindern könnten".

Ob die FIA-Regel in ihrer derzeitigen Formulierung sinnvoll ist, sei dahingestellt. Interpretationssache ist, ob Mercedes in Bahrain dagegen verstoßen hat, jedoch nicht bestraft wurde. Die spannende Frage ist nun, ob die FIA Bedarf sieht, die Regel zu präzisieren, um die Teams in solchen Fällen nicht strafverfolgen zu müssen. Oder ob einfach weiter wie bisher Fingerspitzengefühl angewendet wird.

Denn einem Team nachzuweisen, dass es nur geblufft hat und nie vorhatte, wirklich an die Box zu kommen, ist unmöglich. Genau darauf baut auch die Mercedes-Argumentation beim Fall Bahrain auf. Bottas sagt: "Wir hatten vor, an die Box zu kommen, als auch Sebastian reinkam. Aber als er reinkam, entschieden wir uns dazu, das Gegenteil zu tun und noch ein paar Runden draußen zu bleiben."

Also kein Bluff, sondern eine Planänderung ...

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