Rennvorschau Abu Dhabi: Gewinnt Bottas dank Hamiltons Motor?

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Rennvorschau Abu Dhabi: Gewinnt Bottas dank Hamiltons Motor?
Autor: Sven Haidinger
21.11.2018, 12:03

Warum Valtteri Bottas in Abu Dhabi die große Chance hat, der Schmach einer sieglosen Mercedes-Saison zu entgehen, und gegen welchen Fluch Vettel kämpft

Beim Brasilien-Grand-Prix hat Mercedes auch die Konstrukteurs-WM für sich entschieden, doch nun reisen die Silberpfeile mit Bauchweh zum Saisonfinale in Abu Dhabi. Der Grund: Lewis Hamiltons Antriebseinheit wäre bei dessen Sieg in Interlagos beinahe hochgegangen und wurde beschädigt. "Der Motor hat ein bestimmtes Maß an Schaden davongetragen", bestätigt Chefstratege James Vowles. "Wir wissen nur noch nicht genau, wie viel."

Hamilton steht nun vor einem Dilemma: Entweder er behält die aktuelle Antriebseinheit im Auto, die bereits sechs Rennwochenenden auf dem Buckel hat und bei der jederzeit ein weiteres Problem auftreten kann, wenn sie überhaupt noch einsatzfähig ist. Oder er wechselt auf eine der zwei alten Triebwerke zurück, die allerdings auch schon sieben Wochenenden eingesetzt werden und ein Leistungsdefizit haben. Oder er riskiert eine Grid-Strafe und startet bestenfalls von Platz elf, aber mit einer frischen Antriebseinheit.

Die mögliche Schwäche Hamiltons könnte die große Chance für seinen Teamkollegen Valtteri Bottas sein. "Unser Silberpfeil hat in dieser Saison bislang zehn Rennen gewonnen und wir möchten dieser Bilanz noch einen weiteren Erfolg hinzufügen, was ganz besonders für Valtteri gilt, dem in dieser Saison ein Sieg durch Pech und Stallregie verwehrt geblieben ist", weiß auch Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, dass der Finne besonders motiviert ist.

Mercedes dank Spa-Fortschritten Favorit

Schon im Vorjahr gelang es ihm von der Pole-Position, die Saison mit einem Sieg zu beenden, wenn auch Hamilton im Rennen die stärkere Figur machte. Der Stop-and-Go-Charakter des Kurses liegt Bottas, der auch auf Strecken wie Sotschi oder auf dem Red-Bull-Ring immer wieder aufzeigt.

Neben den Bremsen kommt es auf dem Yas-Marina-Bay-Circuit vor allem auf die Traktion an. Und auch in diesem Bereich hat Mercedes durch die Analyse der Schwäche in der La-Source-Haarnadel von Spa-Francorchamps große Fortschritte erzielt, wie schon in Singapur offensichtlich wurde.

"Zuletzt haben wir bei der Performance unseres Autos auf ähnlichen Strecken gute Fortschritte erzielt", bestätigt Wolff. "Deshalb sind wir zuversichtlich, dass wir auch in Abu Dhabi eine starke Leistung zeigen können, um diese unglaubliche Saison positiv abzuschließen."

Jubilar Ricciardo: Abu Dhabi liegt uns besser als Interlagos

Das wollen allerdings auch Red Bull und Ferrari. Vor allem Max Verstappen pocht nach seiner bitteren Kollision mit dem Überrundeten Esteban Ocon in Führung liegend auf Rehabilitation. "Es gibt dort lange Geraden, die uns nicht entgegenkommen, aber wir wollen das in den winkeligen Passagen wettmachen", sagt der Niederländer, den auch die lange Vollgaspassage in Brasilien nicht einbremsen konnte.

Und auch Teamkollege Daniel Ricciardo, der in Abu Dhabi seinen 150. und vorläufig letzten Grand Prix für Red Bull bestreitet - es ist sein 100. Rennen für die Truppe aus Milton Keynes -, hat durch Verstappens hohes Tempo in Interlagos Blut geleckt. "Das macht mich wirklich optimistisch, da uns die Strecke dort eigentlich mehr liegt. Was trinkt man dort? Rosenwasser. Das ist gut für die Hydrierung", möchte er sich zumindest mit einem Podestplatz von seinem langjährigen Arbeitgeber verabschieden, ehe er zu Renault wechselt.

Ferraris schwarze Abu-Dhabi-Serie

Und was ist mit Ferrari? Für die Scuderia wird es darum gehen, das Auf und Ab der zweiten Saisonhälfte und die Korrelationsprobleme zwischen Windkanal und Strecke endgültig zu durchschauen. Ein Sieg Sebastian Vettels wäre wichtig für die Moral, denn der Vizweltmeister hat seit sieben Rennen keinen Sieg mehr gefeiert.

Der Kurs in Abu Dhabi sollte dem SF71H, der auf aerodynamische Effizienz ausgerichtet ist, besser liegen als den Ferrari-Boliden der vergangenen Jahre. Gewinnt Vettel tatsächlich, dann würde er nicht nur im Siegduell mit Hamilton auf vier zu drei stellen, sondern auch vor den Toren des Ferrari-Vergnügungsparks Ferrari World für den ersten Sieg der Scuderia beim zehnten Antreten auf der Yas-Insel sorgen.

Weichere Reifen als 2017: Reicht ein Stopp aus?

Bei den Reifennominierungen gibt es übrigens keine Überraschungen: Alle drei Topteams setzen auf acht Sätze der weichsten Mischung Hypersoft, Red Bull und Mercedes haben abgesehen davon drei Sätze Ultrasoft und zwei Sätze Supersoft ausgewählt, Ferrari geht den umgekehrten Weg und vertraut auf eine um einen Tick härtere Reifenwahl.

Dass Pirelli die weichsten verfügbaren Gummis nach Abu Dhabi bringt, ist nichts Neues - dennoch sind die Pneus um zwei Grad weicher als 2017. Im Vorjahr setzte sich Bottas mit einer Einstopp-Strategie durch. Das ist auch für die kommende Ausgabe die wahrscheinlichste Variante, zumal das Überholen auf dem Kurs aus der Feder von Hermann Tilke schwierig ist.

 

Da das Rennen bei Tageslicht gestartet wird und bei Dunkelheit endet, sehen sich die Teams beim Saisonfinale mit einer zusätzlichen Herausforderung konfrontiert, denn vor allem am Samstag und am Sonntag soll die Quecksilbersäule bei Tageslicht über 30 Grad anzeigen, während bei Nacht zehn Grad weniger prognostiziert werden. Immerhin ist aber Regen laut den aktuellen Prognosen ausgeschlossen.

Kampf um Platz vier: Haas braucht Wunder gegen Renault

Das bedeutet, dass auch die Chancen von Haas, in einem Chaosrennen doch noch irgendwie Renault im Kampf um Platz vier in der Konstrukteurs-WM zu verdrängen, deutlich sinken. Die US-Truppe müsste dafür schon 24 Punkte holen und die Mannschaft von Nico Hülkenberg komplett leer ausgehen. Beinahe hätte es dieses Szenario in dieser Saison bereits gegeben: In Spielberg sackte Haas mit den Plätzen vier und fünf 22 Zähler ein, während Renault keine Punkte holte.

Eine Klassementänderung ist auch im Kampf um Platz sechs zwischen McLaren und Force India noch möglich: Der Truppe von Ocon und Sergio Perez fehlen 14 Punkte auf das Team aus Woking. Um Rang sechs noch zu erreichen, müsste Force India allerdings schon an die Form von Belgien und Italien anschließen, als man sich mit beiden Autos direkt hinter den Topteams platzierte.

Alonso vor Formel-1-Abschied sarkastisch

Vor allem bei McLaren wird an diesem Wochenende etwas Wehmut mitschwingen: Fernando Alonso wird sich ausgerechnet in Abu Dhabi, wo er 2010 seinen Titel an Vettel verlor, mit seinem 311. Rennen von der Formel 1 verabschieden. "Das wird ein Genuss in vollen Zügen", meint der Spanier mit einem ordentlichen Schuss Sarkasmus. "Wir wissen auch schon, auf welchen Plätzen wir landen werden. Erst kommen Mercedes, Red Bull und Ferrari, dann Haas und Force India, die die Top 10 auffüllen. Dann Renault und wahrscheinlich Toro Rosso, McLaren und Williams als Mittelfeld."

Dennoch rechnet der 37-Jährige, der 2005 und 2006 Weltmeister wurde und insgesamt 32 Siege einfuhr, mit einem sentimentalen Wochenende: "Um Ergebnisse geht es für mich ohnehin nicht. Es ist mehr das Emotionale an Abu Dhabi, worauf ich mich freue." Alonso ist übrigens nicht der Einzige, der sich auf der Yas-Insel vom Grand-Prix-Sport verabschieden wird: Auch für Teamkollege Stoffel Vandoorne, Sauber-Pilot Marcus Ericsson, Force-India-Mann Ocon und Toro-Rosso-Fahrer Brendon Hartley könnte es - zumindest vorerst - das letzte Formel-1-Rennen sein.

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Rennserie Formel 1
Event GP Abu Dhabi
Autor Sven Haidinger