Rennvorschau Suzuka: "Mega-Druck" bei Mercedes - hilft Taifun Vettel?

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Rennvorschau Suzuka:
Autor: Sven Haidinger
03.10.2018, 10:18

Warum Mercedes die WM nur noch verlieren kann, wie man in Suzuka mit dem Thema Stallorder umgeht und wieso ein Taifun Ferrari Momentum geben könnte

Lewis Hamilton reist fünf Rennen vor Schluss mit einem Vorsprung von 50 WM-Punkten nach Suzuka. Somit müsste sein WM-Widersacher Sebastian Vettel, der in den vergangenen sechs Rennen nur einmal siegte, an jedem Wochenende zehn Punkte aufholen. Kann der Ferrari-Pilot noch einmal zurückschlagen? Nicht, wenn es nach Helmut Marko geht. Der WM-Kampf sei "leider für Mercedes entschieden", ist der Red-Bull-Motorsportkonsulent gegenüber 'auto motor und sport' überzeugt. "Es ist schon erstaunlich, wie Ferrari zuletzt abgebaut hat."

Hamiltons Ex-Teamkollege Nico Rosberg ist übrigens der Ansicht, dass der WM-Vorsprung des Briten den Druck nun "richtig groß" mache. "Er kann und muss es nach Hause fahren", sagt er gegenüber 'Sport1'. "Vettel hat nichts mehr zu verlieren, und wird voll attackieren. Das ist schon noch mal ein Mega-Druck. Aber er kann damit umgehen."

Zumal es für die Scuderia wichtig wäre, überhaupt wieder einmal ein Rennen zu gewinnen. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff rechnet in Suzuka mit einer starken Ferrari-Truppe und schiebt Vettel & Co. sogar leicht die Favoritenrolle zu. "Die Strecke besitzt ähnliche Züge wie Silverstone, wo wir in diesem Jahr nicht so stark waren wie in den Vorjahren", sagt der Österreicher. "Wir reisen also in dem Wissen nach Japan, dass wir alle in Topform sein müssen, wenn wir erneut einen Sieg einfahren möchten."

Ferraris Powertrick von FIA entlarvt?

Abgesehen vom Triumph in Spa-Francorchamps war Silverstone übrigens der letzte Vettel-Sieg vor dem Beginn der Hamilton-Festspiele. Doch die Vorzeichen haben sich seitdem geändert: Ferrari scheint seinen Power-Vorteil gegen die Silberpfeile verloren zu haben - was möglicherweise auf eine veränderte FIA-Testmethode der Batterie-Energieabgabe durch einen zweiten Sensor zurückzuführen ist. Im Gegensatz zu Silverstone kann man nun offenbar bei Höchstgeschwindigkeit nicht mehr so viel Zusatz-Power abrufen.

Aber Ferrari habe "nicht nur von der Power her" abgebaut, meint Marko. Im dritten Sektor in Sotschi sei die Scuderia "klar langsamer" gewesen, analysiert er. "Und da kommt es auf das Handling an. Das hat sich schon in Singapur angedeutet." Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass auch das mit dem Motor zu tun hat, denn weniger Leistung zwingt einen auch dazu, das Auto zum Beispiel über flachere Flügel anders einzustellen.

Apropos: Ist Suzuka eigentlich eine Motorenstrecke? "Man braucht dort einen guten Speed", meint Red-Bull-Pilot Max Verstappen. "Der erste Sektor wird uns sicher liegen, aber danach gibt es ein paar sehr lange Geraden, wo wir im Nachteil sind. Vielleicht können wir Vierter oder Fünfter werden, mehr nicht."

Welche Rolle spielen Hamiltons Motorenprobleme?

Man darf gespannt sein, ob auch Hamilton in Suzuka Probleme mit seiner Antriebseinheit haben wird. Der WM-Leader beschwerte sich in Sotschi während des Rennens über eine unberechenbare Gasannahme. Steht eventuell sogar ein unerwünschter Motorwechsel auf dem Programm? "Nein, wir machen uns definitiv keine Sorgen um die Hardware", schüttelt der leitende Renningenieur Andrew Shovlin den Kopf. "Solche Dinge kommen normalerweise von Kleinigkeiten in Zusammenhang mit dem Motorenmapping." Man werde sich das vor Suzuka ansehen und rechne nicht damit, dass sich das weiter auswirken wird.

Doch wie wird es Mercedes im Titelkampf weiter anlegen? Die Mannschaft liegt nicht nur in der Fahrer-WM mit Hamilton klar voran, sondern auch in der Konstrukteurs-WM, in der man einen Vorsprung von 53 Punkten auf Ferrari hat. Muss man in Anbetracht der aktuellen Lage überhaupt - wie in Sotschi - auf Stallorder zurückgreifen?

Trotz Hamilton-Vorsprung: Stallorder nicht ausgeschlossen

Mercedes habe seinen Vorsprung zwar in Russland in beiden Weltmeisterschaften ausgebaut, meint Motorsportchef Wolff, "wir sind uns aber bewusst, dass dies nichts bedeutet, weil unser Kampf mit Ferrari noch lange nicht vorbei ist. Wir dürfen nichts als selbstverständlich ansehen, und wir werden in den kommenden Rennen weiter in jedem Bereich voll attackieren." Zu präsent scheint Hamiltons Motorschaden in Malaysia fünf Rennen vor Saisonende 2016 immer noch zu sein.

Auch eine Stallorder schließt er nicht aus: "Valtteri war in Sotschi bereit, seinen Sieg aufzugeben, um unseren Doppelsieg abzusichern und dadurch unsere Führung in beiden Weltmeisterschaften auszubauen. Und er hat gesagt, dass er bereit sei, dies morgen zu wiederholen." Die wahre Stärke eines Teams zeige sich schließlich darin, "was die Einzelnen bereit sind für den Erfolg der Gruppe zu opfern".

Das Thema Stallorder ist übrigens auch das bestimmende Thema im Formel-1-Podcast 'Starting Grid' von 'meinsportradio.de', in dem die Moderatoren Kevin Scheuren und Ole Waschkau im Gespräch mit unserem Chefredakteur Christian Nimmervoll die Ereignisse in Sotschi analysieren.

Entwicklungsrennen als Gratwanderung

Für Mercedes und Ferrari ist es nun eine Gratwanderung, wie viel man noch in die Entwicklung der aktuellen Autos investiert, denn in der kommenden Saison stehen umfangreiche Regeländerungen auf dem Programm. "Es ist ganz schwierig, da die richtige Balance zu finden", bestätigt der leitende Mercedes-Renningenieur Shovlin, dessen Rennstall wie Ferrari in Sotschi ein umfangreiches Update brachte.

Wie viel die Änderungen wert seien? "Das sage ich nicht, denn da würden wir zu viele Informationen preisgeben", gibt sich Shovlin zurückhaltend. "Sie haben sich aber bezahlt gemacht, denn man sieht, dass wir im Qualifying in den vergangenen Rennen einen kleinen Vorteil auf Ferrari herausgeholt haben. Den wollen wir jetzt bis zum Saisonende verteidigen."

Tatsächlich hat Vettel seit Hockenheim keine Pole mehr geholt, während für Ferrari in Monza immerhin Kimi Räikkönen in die Bresche sprang. In Suzuka könnte sich der Silberpfeil-Vorteil tatsächlich bezahlt machen, denn Überholmanöver sind auf der schmalen Strecke, die aber den Piloten viel abverlangt, alles andere als einfach.

Sorgt Taifun für Set-up-Chaos?

Doch möglicherweise kommt alles anders - wenn der Taifun "Kong Rey" im Süden Japans wütet und sich auch in Suzuka bemerkbar macht. Derzeit gehen die Meteorologen am Freitag und am Samstag von einer Regenwahrscheinlichkeit von 60 Prozent aus, am Sonntag geht diese dann auf 40 Prozent zurück.

Selbst wenn Qualifying und Rennen nicht beeinträchtigt werden, könnte sich das Schlechtwetter zumindest auf die Abstimmungsarbeit in den Freien Trainings auswirken und so für ein spannendes Rennen sorgen, denn ein nicht optimales Set-up sorgt schnell mal für einen Fahrfehler. Ferrari muss hoffen, dass dies der Mercedes-Mannschaft einen Strich durch die Rechnung macht, auch wenn diese bislang in schwierigen Situationen meist clever agierte.

Auch das Layout verzeiht in Suzuka keine Fehler. "Das ist definitiv eine Fahrerstrecke", bestätigt Haas-Pilot Romain Grosjean. Während die S-Kurven, in denen sich ein Fehler üblicherweise auch auf die kommenden Kurven auswirkt, gemeinsam mit der 130R-Mutkurve lange als größte Herausforderungen galten, haben sich diese durch die schnelleren Autos mit mehr Grip etwas verschoben.

Suzuka: Neue Herausforderungen durch schnellere Autos?

"Ich finde die Degner-Kurve ziemlich knifflig", spielt Renault-Pilot Nico Hülkenberg auf die Passage vor der Unterführung an. "Der Scheitelpunkt sticht heraus. Wenn man ihn zu sehr berührt, rutscht man nach außen, und ehe man sich versieht, landet man im Kies und in der Mauer. Man hat kaum Zeit, das Auto abzufangen." Aber auch die langgezogene Spoon-Kurve hat es in sich: "Sie hängt nach außen, und das Auto wird sehr leicht."

Setzt sich auf der "Fahrerstrecke" in der Regel auch der beste Fahrer durch? "Es geht darum, bei der Fahrzeugabstimmung die richtige Balance zu finden", relativiert Grosjean. "Denn die Performance des Autos bestimmt auch deine eigene Performance. Es ist dort aber einfacher möglich, durch das Fahrkönnen Probleme zu umfahren."

Bei einem Trockenrennen darf man gespannt sein, ob die Piloten wie im Vorjahr - durch eine Safety-Car-Phase begünstigt - mit einer Einstoppstrategie über die Runden kommen. Zweifel sind berechtigt, denn Pirelli bringt zwar wie 2017 die Mischungen Supersoft, Soft und Medium, diese sind aber 2018 um einen Grad weicher - außerdem werden am Sonntag Temperaturen an die 30 Grad erwartet.

Ein Stopp als Risikostrategie

"Es wird interessant sein zu beobachten, ob die weicheren Reifen und die noch schnelleren Autos zu einer anderen Taktik führen", rätselt auch Pirelli-Manager Mario Isola. "Die Teams werden nach Möglichkeit eine Einstoppstrategie fahren, aber das muss natürlich im richtigen Verhältnis zum Reifenmanagement stehen. Abhängig von der für einen Boxenstopp benötigten Zeit kann eine Zweistoppstrategie schneller sein." Zumal die Belastungen für die Reifen in Suzuka zu den höchsten im Kalender zählen.

Bei einem Trockenrennen darf man gespannt sein, ob die Piloten wie im Vorjahr - durch eine Safety-Car-Phase begünstigt - mit einer Einstoppstrategie über die Runden kommen. Zweifel sind berechtigt, denn Pirelli bringt zwar wie 2017 die Mischungen Supersoft, Soft und Medium, diese sind aber 2018 um einen Grad weicher - außerdem werden am Sonntag Temperaturen an die 30 Grad erwartet.

Was kann der neue Honda-Antrieb?

Beim Kampf im Verfolgerfeld um Platz vier hat sich in den vergangenen Rennen nicht viel getan. Seit der Stallkollision in Singapur scheint der Force-India-Aufwärtstrend gestoppt, weshalb Otmar Szafnauers Truppe 56 Punkte hinter Renault auf Platz sieben liegt. Der erste Renault-Verfolger ist aber Haas mit elf Zählern Rückstand auf die französische Werkstruppe - und den US-Amerikanern sollte der Kurs mit seinen schnellen Kurven liegen.

Außerdem darf man gespannt sein, ob Honda beim Heimrennen die in Sotschi bereits erstmals ausprobierte dritte Ausbaustufe einsetzen wird, von der man sich so viel erwartet. In Russland zeigte man sich zwar ermutigt, sah sich aber zu Nachbesserungen gezwungen: Der neue Honda-Motor produzierte im STR13 höhere Schwingungen als auf dem Prüfstand. Eine mögliche Ursache dafür ist, dass Motor und Fahrzeug nicht gut genug aufeinander abgestimmt wurden. Das wollte man auf dem Prüfstand nachholen.

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Autor Sven Haidinger
Artikelsorte News