Ross Brawn erklärt: Deswegen sind die Budgets in der Formel 1 so explodiert

Warum geben die Topteams in der Formel 1 mehrere 100 Millionen Euro pro Jahr aus? Ross Brawn erklärt, warum sich diese Unsummen für einige noch immer lohnen

Ross Brawn erklärt: Deswegen sind die Budgets in der Formel 1 so explodiert

Die Formel 1 ist - rein auf dem Papier - aktuell für alle zehn Rennställe ein Verlustgeschäft. "Es gibt in der Formel 1 heute kein Team, welches Profit macht" stellt klar Ross Brawn im Gespräch mit 'Sky' klar. Doch wieso sind die Budgets in der Königsklasse so explodiert? Warum braucht es überhaupt eine Budgetobergrenze? Diese Fragen beantwortet der Formel-1-Sportchef.

"Für eine Marke wie Mercedes liegen die Gegenleistungen, wenn man in der Formel 1 erfolgreich ist, um ein Vielfaches über dem, was sie ausgeben", so der heute 65-Jährige, der es wissen muss. Zwischen 2010 und 2013 war er selbst für die Silberpfeile tätig. "Auch wenn das Budget von Mercedes hoch ist, sind ihre Gegenleistungen noch höher", erklärt Brawn.

"Deshalb können sie es sich erlauben, jedes Jahr noch ein bisschen mehr auszugeben", so der Brite. Bereits vor einigen Jahren erklärte Toto Wolff, dass das Mercedes-Formel-1-Projekt einen Werbegegenwert für das Unternehmen in Höhe von drei Milliarden US-Dollar einbringe. Selbst wenn Mercedes wie aktuell also hunderte Millionen in das Projekt steckt, geht die Rechnung noch immer auf.

Auf dem Papier fährt das Team selbst zwar Jahr für Jahr Verluste ein. Rechnet man aber den Werbewert dagegen, lohnt sich das Projekt für den Daimler-Konzern trotzdem. Brawn erklärt, dass ein Mercedes früher ein "Auto für alte Männer" gewesen sei. Mittlerweile werde die Marke dagegen als modern wahrgenommen. "Sie haben die Wahrnehmung von Mercedes geändert", erklärt Brawn.

Immer mehr Geld, Lücke immer größer

"Eine Menge davon verdanken sie der Formel 1. Das ist extrem wertvoll", so der Brite. Deshalb könnten große Formel-1-Teams wie Mercedes - und auch Ferrari - ihre völlig überzogenen Budgets rechtfertigen. "Bei Red Bull ist es auch so. Red Bull kann durch sein Branding ein Vielfaches von dem herausholen, was sie in die Formel 1 investieren", erklärt Brawn.

"Wir sind in vielerlei Hinsicht ein sehr erfolgreicher Sport - besonders kommerziell", erinnert er und erklärt: "Deswegen werden diejenigen, die es rechtfertigen können, ihr Budget immer wieder nach oben schrauben." Genau das passiert seit Jahren. Brawn erklärt: "Dadurch entsteht eine Lücke zu den anderen Teams, die diese Möglichkeit nicht haben."

Das Problem: "Es gibt eigentlich nur drei Teams, die so ein hohes Budget haben. Der Rest versucht ein Modell zu finden, welches nachhaltig ist." Das sei unter dem aktuellen Reglement ohne Kostendeckel aber nicht möglich. Die Folge sei, dass die Lücke zwischen Mercedes, Ferrari und Red Bull und dem Rest des Feldes mittlerweile "zu groß" geworden sei.

Für die kleineren Teams ist das doppelt bitter: Sie geben viel Geld aus und fahren Verluste ein, haben gegen die drei Topteams aber trotzdem keine Chance, weil diese noch deutlich mehr Geld verpulvern. "Das ist eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, wie hoch das Preisgeld ist und wie viel die Sponsoren zahlen", erklärt Brawn im Hinblick darauf, dass aktuell kein Team mit der Formel 1 Geld verdient.

Coronakrise als Chance für Korrektur

"Vielleicht ist das die Zeit für einen Reset", grübelt er angesichts der aktuellen Coronakrise. Mehrere Teams sprechen sich dafür aus, die Budgetobergrenze, die ab 2021 ursprünglich 175 Millionen US-Dollar betragen sollte, noch einmal deutlich zu senken. Einige der großen Teams wehren sich allerdings aktuell noch dagegen, den Deckel zu niedrig anzusetzen.

"Wir versuchen bereits seit Jahrzehnten, die Kosten in der Formel 1 unter Kontrolle zu bekommen. Und ich denke, dass es ohne ein System der Kostenkontrolle nicht möglich sein wird", stellt Brawn klar, der einräumt, dass er mit den ursprünglich geplanten 175 Millionen von Anfang nicht glücklich gewesen sei. Es sei aber die niedrigste Summe gewesen, auf die sich damals alle Teams einigen konnten.

"Ich werde nicht so tun, als sei das ideal gewesen", gesteht er. Nun habe man aber die Möglichkeit, diese Zahl noch einmal nach unten zu korrigieren. "Es wäre unverantwortlich, das zu ignorieren", erklärt er im Hinblick auf die Coronakrise und die möglichen Folgen für die Formel 1. McLaren-Boss Zak Brown warnte beispielsweise davor, dass die Königsklasse bis zu vier Teams verlieren könnte.

Eine niedrigere Budgetobergrenze könnte dabei helfen, ein Teamsterben abzuwenden. "Wir alle müssen uns an diese neuen Verhältnisse gewöhnen. Es wird schmerzhaft sein, aber der Sport wird eine Zukunft haben. Und ich denke sogar, dass wir gestärkt daraus hervorgehen können", gibt sich Brawn optimistisch. Es bleibt abzuwarten, ob in den kommenden Wochen alle Teams einlenken.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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