Technische Analyse: Das McLaren-Lenkrad

Matt Somerfield schaut sich das Lenkrad des McLaren F1 mit all seinen Funktionen, das immer komplexer wird, genauer an, da die Elektronik im Sport eine immer größere Rolle spielt.

Am Montag postete Honda einige Bilder des McLaren-Lenkrads auf Twitter. Und auch, wenn es das Lenkrad vom MP4-30 des vergangenen Jahres ist, lohnt sich ein genauer Blick darauf.

Denn das Design des aktuellen Lenkrads ist dem seines Vorgängers sehr ähnlich. Die größte Änderung ist aber, dass es niedriger ist, weil die leere Fläche unter den Drehknöpfen weggefallen ist.

Die leere Fläche mag den Anschein erwecken, Platzverschwendung zu sein. Jedoch waren darunter zweifelsohne Komponenten verborgen, die nun verlegt oder zusammengefasst wurden, um die Höhe des Lenkrads zu reduzieren.

 

McLaren Honda MP4­-30 steering wheel
McLaren Honda MP4­-30, Lenkrad

Foto: Honda Racing

McLaren verwendet schon seit ein paar Jahren ein Lenkrad in Form eines Halbmonds. Während die Komplexität der Antriebseinheit immer mehr anstieg, wurde das Lenkrad etwas größer. Das war zum Teil auf den PCU8-D-LCD-Screen zurückzuführen, den McLaren zu den Änderungen im Reglement 2014 einführte, um dem Fahrer ein besseres Verständnis der Funktionen zu ermöglichen.

 

McLaren Honda MP4­-31 steering wheel illustration
McLaren Honda MP4­-31, Illustration des Lenkrads

Foto: Matthew Somerfield

Das LCD-Display kann den Fahrer mit bis zu 100 Seiten spezieller Informationen versorgen, was es etwas schwierig machen kann, durch diesen Wust an Informationen zu schauen. Der Fahrer kann mit den +/- Knöpfen am unteren Ende des Lenkrads durch die Seiten blättern. Das kann auch in Verbindung mit dem rechten unteren Drehknopf gemacht werden, um mehrere Seiten zu überspringen.

Der mittlere Drehknopf ist voreingestellt und ermöglicht es dem Fahrer, auf Grundeinstellungen zurückzugreifen, die auf der Reifenwahl basieren. Nach einem Boxenstopp wird dieser Knopf mitunter verstellt. Je nachdem, ob eine andere Reifenmischung am Auto montiert wurde. Dabei geht es nicht nur um die Performance. Regenreifen haben beispielsweise auch einen anderen Umfang.

Das Programm, das der Fahrer wählen kann, wenn ein Reifenschaden auftritt, ist nicht nur nur ein Weg, die Box über den Schaden zu informieren. Es ist auch dazu da, die Motorleistung zu limitieren, während das Auto an die Box zurückfährt.

Der linke Drehknopf ist multi-funktionell und kann in Verbindung mit den zwei + Knöpfen am oberen Ende des Lenkrads benutzt werden, um unterschiedliche Einstellungen zu ändern.

In den oberen Ecken des Lenkrads gibt es zwei weitere Drehknöpfe, deren Design sich von 2015 auf 2016 geändert hat. Der linke Knopf ist für das ERS, bei dem jede Ziffer für eine bestimmte Menge der Energierückgewinnung durch die MGU-K-Einheit steht. Das hat einen Einfluss auf die Balance des Autos beim Bremsen, je nachdem, wie viel Energie gewonnen wird.

Der Fahrer kann diese Einstellung je nach der Art der Kurve ändern, da das MGU-K anfängt, Energie zu speichern, sobald der Fahrer vom Gas geht. Das hat dann eine kaskadenartige Auswirkung darauf, wie viel Energie später auf der Runde zur Verfügung steht.

Der rechte obere Drehknopf ist für die Bremsbalance, mit dem der Fahrer genau einstellen kann, wie die Bremskraft zwischen vorne und hinten aufgeteilt wird. Durch das seit 2014 eingeführte Brake-by-Wire-System wird diese Einstellung auch durch das ERS beeinflusst. Das System muss dabei das Level des MGU-K überprüfen, bevor die Bremskraft verteilt wird.

 

Darunter gibt es zwei weitere Drehknöpfe. Der linke (rot) für verschiedene Einstellungen, die die hydraulischen Systeme kontrollieren, der rechte (grün) für die Motoreinstellung.

Diese sind voreingestellt und können vom Fahrer fein abgestimmt werden, geben ihm aber auch eine Basisreferenz, je nach den aktuellen Streckenbedingungen. Hinter dem Safety-Car soll beispielsweise der Spritverbrauch so niedrig wie möglich sein, bei einem Rad-an-Rad-Duell muss das Auto aber alles hergeben, was da ist.

Mit den Drehknöpfen in der Mitte des Lenkrads können Veränderungen am Differenzial gemacht werden, die eine entscheidende Auswirkung auf das Kurvenverhalten haben können. Man kann damit das Unter- oder Übersteuern reduzieren, und das wird während eines Stints oft genutzt. Es hat einen Einfluss auf den Reifenabbau und darauf, wie sich das Auto verhält, wenn es durch den Benzinverbrauch leichter wird.

Bildergalerie: Designstudien von Giorgio Piola

Die Knöpfe auf beiden Seiten des Lenkrads können nur für eine Aufgabe genutzt werden, bieten dem Fahrer aber wichtige Funktionen.

• Der weiße Schalter oben links ist für den Boxenfunk. Er könnte als wichtiger denn je angesehen werden, seitdem der Funkverkehr zwischen Fahrer und Box für 2016 eingeschränkt wurde.

• Der ,N‘-Knopf bedeutet Neutral (Leerlauf), wird aber auch vor dem Einlegen des Rückwärtsgangs benutzt.

•,OT‘ bedeutet Überholen (aus dem Englischen: overtake) und wird betätigt, um alle Energie-Einstellungen kurzfristig auf das Maximum zu stellen, und kann vom Fahrer sowohl zum Angreifen als auch zum Verteidigen genutzt werden. Natürlich werden dadurch aber auch der Sprit- und Energieverbrauch beeinflusst, was später zu Komplikationen führen kann.

•,X‘ kann sowohl dazu genutzt werden, eine Antwort an die Boxenmauer zu senden, um einen Funkspruch zu bestätigen, als auch, um ein Lesezeichen in den Telemetriedaten zu setzen. Das macht der Fahrer zum Beispiel, wenn er bemerkt, dass irgendetwas Einfluss auf das Verhalten des Autos hat, er aber keine Zeit hat, die Information über Funk an die Box zu melden. Durch das Lesezeichen kann er es dann später mit den Ingenieuren besprechen.

 

• Der blaue Schalter hat mehrere Funktionen bezüglich der Starteinstellung.

• PLS (aus dem Englischen: pit lane speed) ist der Tempobegrenzer für die Boxengasse, der die gewünschte Höchstgeschwindigkeit einstellt, solange das Auto in der Boxengasse ist.

• DRS (drag reduction system) ist für den Heckflügel während der Aktivierung in der DRS-Zone im Qualifying oder Rennen, wenn das Auto am Messpunkt innerhalb einer Sekunde hinter dem Vordermann ist. Per Knopfdruck kann der Flügel flachgestellt werden, was mehr Topspeed ergibt.

• ,D‘ steht für Trinken (aus dem Englischen: drink). Denn die Versorgung mit Flüssigkeit ist wichtig für die Leistung des Fahrers, besonders bei den heißeren Rennen im Kalender.

Die Verringerung der Höhe des Lenkrads hat auch an der Rückseite des Lenkrads Auswirkungen, da die Schaltwippen in einem anderen Abstand montiert werden müssen. Die unteren Wippen für die Kupplung sind nun näher an den oberen Wippen.

Das Team könnte weitere Änderungen vornehmen, nachdem die Kupplung nur noch mit einer Wippe betätigt werden darf. Etwas, was Ferrari bereits getan hat (unten).

Ferrari SF15T and Ferrari SF16H steering wheels comparison
Ferrari SF15T und Ferrari SF16H, Vergleich der Lenkräder

Foto: Giorgio Piola

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