Toro Rosso: Pascal Wehrlein "wäre einen Versuch wert"

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Toro Rosso: Pascal Wehrlein
Autor: Christian Nimmervoll
13.10.2018, 05:00

Sein Ex-Chef und ein Experte finden, dass Toro Rosso Pascal Wehrlein verpflichten sollte - Brendon Hartley im Rennen in Suzuka im Rückwärtsgang

Am Samstagabend in Suzuka deutete alles darauf hin, dass Brendon Hartley gerade sein Ticket für das zweite Toro-Rosso-Cockpit 2019 (neben Daniil Kwjat) gelöst hatte. Der 28-Jährige fuhr im Qualifying, ausgerechnet beim so wichtigen Honda-Heimspiel, auf den sechsten Platz, sieben Hundertstelsekunden vor seinem Teamkollegen Pierre Gasly.

"Eine fantastische Leistung" sei das gewesen, jubelte Teamchef Franz Tost im Interview mit 'Motorsport.com'. Und: "Er war hier vom ersten Moment an schnell. Ich glaube, für ihn ist am wichtigsten, dass er inzwischen viel besser versteht, wie er die Reifen nutzen muss. Wenn Hartley so weiterfährt und so eine gute Performance zeigt, gibt's keinen Grund, ihn auszutauschen."

Bereits rund um das Sotschi-Wochenende hatten sich die Anzeichen dafür, dass Hartley eine weitere Saison bekommen könnte, verdichtet. Der Neuseeländer bringt seine Leistung zwar nicht regelmäßig auf den Boden, aber er zeigt immerhin gute Ansätze. So wie im Qualifying in Suzuka, wo sein Potenzial aufgeblitzt hat: "Brendon macht einen guten Job. Warum sollten wir ihn austauschen?", fragt sich Tost.

Aber Hartley wusste Stand Samstagabend genau: "Ich muss morgen Leistung abliefern und Punkte holen." Und das gelang ihm nicht. Stattdessen erinnerte er Tost und Helmut Marko daran, warum sie ihn noch nicht offiziell als zweiten Fahrer bestätigt haben. Zwar fiel auch Gasly vom siebten auf den elften Platz zurück. Aber Hartley verlor auf den Teamkollegen bis Rennende 21,8 Sekunden.

Das ging schon am Start los: "Ich hatte schlechte Traktion und Wheelspin. Und durch die durchdrehenden Räder habe ich die Reifen für die ersten fünf, sechs Runden überhitzt. Das hat die Traktion enorm beeinträchtigt. Ich habe schon vor der ersten Kurve drei oder vier Plätze verloren."

Es waren drei. Später im Rennen wurde er auch noch von Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel überholt (verzeihlich) sowie von Carlos Sainz und Fernando Alonso (vermeidbar). "Meine Startprozedur", rechtfertigt sich Hartley, "war gar nicht so schlecht. Aber die überhitzten Reifen haben meinen kompletten ersten Stint kaputt gemacht."

Dann kam er nach dem Boxenstopp hinter einem Williams raus, später steckte er hinter dem Ericsson-Sauber fest. Beim letzten Rennen in Sotschi war eine Stallorder pro Gasly daran schuld, dass er nicht besser abschnitt. Eine schwierige Situation, denn Motorsportkonsulent Marko hat ihm für die restlichen Rennen genau einen Auftrag erteilt: Gasly schlagen.

 

Hartleys Glück ist, dass Red Bull in Sachen Junioren momentan nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Am ehesten wäre noch Daniel Ticktum ein Ersatzkandidat, aber der wird 2019 wegen der fehlenden Superlizenzpunkte für ein Jahr in die Super Formula nach Japan geschickt. Und die Honda-Japaner sind noch lange nicht so weit.

Dann ist da noch Mick Schumacher. Dessen Formel-1-Debüt würde einen Riesenhype verursachen, der für Red Bull nur positiv sein kann. Aber Marko sagt im Interview mit 'Motorsport.com', die Königsklasse komme noch "zu früh" für den 19-Jährigen. Wobei auch Max Verstappen einst direkt aus der Formel 3 in die Formel 1 aufgestiegen ist. Aber: "Das kann man nicht vergleichen."

Alexander Albon, derzeit hinter George Russell Gesamtzweiter in der Formel 2, bringt sich bei Toro Rosso selbst ins Spiel. Wie groß seine Chancen wirklich sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Und theoretisch käme nach der Auflösung seines Mercedes-Vertrags auch Pascal Wehrlein in Frage: "Es ist jetzt eine andere Geschichte, ja", sagt Marko. "Wir haben uns aber noch nicht entschieden. Wehrlein steht auf einer langen Liste."

Für Marc Surer ist der Fall klar: "Bei Hartley haben wir gesehen, dass er nichts bringt. Auch wenn es jetzt in der Qualifikation in Suzuka ein Highlight gab, das im Rennen dann wieder verpuffte. Deshalb würde ich sagen, dass Pascal Wehrlein einen Versuch wert wäre", erklärt der ehemalige Formel-1-Fahrer in der aktuellen Ausgabe des Podcasts 'Starting Grid', der in Kooperation mit 'meinsportradio.de' gestaltet wird.

"Irgendwie hat er noch eine Chance verdient, finde ich. Bei Toro Rosso würde er von Franz Tost sicherlich auch anders geführt, als das in der Vergangenheit der Fall war", glaubt Surer und ergänzt: "Bei Sauber, wo ich ja wirklich hinter die Kulissen sehen kann, ist mir aufgefallen: Er war halt wirklich nur mit einem top Auto schnell. Sobald das Auto kleine Macken hatte, brach er ein."

So beeindruckend Wehrleins Tests mit dem Mercedes auch gewesen seien: "Mit dem nicht so perfekten Sauber ist er sehr schnell verunsichert gewesen. Wenn das Heck beim Anbremsen instabil war, bremste er früher", analysiert Surer, sagt aber: "Das sind Dinge, die kann man ihm sicherlich austreiben. Ein Franz Tost würde da schon auf ihn einreden, damit er lernt, damit umzugehen. Deshalb meine ich, dass er dort sicherlich eine bessere Führung als in der Vergangenheit hätte."

Wehrleins Mercedes-Teamchef in der DTM, Ulrich Fritz, schwärmt in den höchsten Tönen: "Ich habe Pascal als extrem willensstarken Fahrer kennengelernt, extrem fokussiert. Was mich nach wie vor beeindruckt, ist, wie er mit Druck umgeht. Er kennt keinen Druck, er kann das ausblenden und mit schwierigen Situationen klarkommen. Abgesehen davon hat er ein tolles fahrerisches Talent. Das ist unbestritten", sagt er im Interview mit 'Motorsport.com'.

Doch Red-Bull-Teamchef Christian Horner glaubt: "Soweit ich weiß, fährt er nächstes Jahr Formel E." Was nicht korrekt ist: Wehrlein war zwar Wunschfahrer von Mercedes für das HWA-Cockpit, das nun Stoffel Vandoorne erhalten soll; hat aber einen Dreijahres-Werksvertrag ausgeschlagen. Weil er alles auf die Karte Formel 1 setzt. Mit der Königsklasse ist der 23-Jährige noch nicht fertig.

Toro Rosso und Red Bull stehen jedenfalls nicht unter Zeitdruck. Es gibt keinen Fahrer, den man unbedingt haben möchte und der von einem anderen Team weggeschnappt werden könnte. Und Hartley, Wehrlein, Albon und Co. kann man auch noch ein paar Wochen zappeln lassen. Solange ist jedes Rennen für Hartley eine Chance, sein Ticket mit starken Leistungen zu lösen.

"Wir haben Zeit. Ich glaube nicht, dass wir uns beeilen müssen", unterstreicht Horner. Tost nickt: "Red Bull hat überhaupt kein Zeitfenster, das eingehalten werden muss. Wir haben ja einen Vertrag. Alles andere wird sicherlich in der nahen Zukunft entschieden."

Zumal Hartley ohnehin an Red Bull gebunden ist: "In der Formel 1 ist nichts in Stein gemeißelt. Aber ja, ich habe einen langfristigen Vertrag", bestätigt der Neuseeländer. "Sie haben mich für nächstes Jahr noch nicht hundertprozentig bestätigt. Es liegt jetzt an ihnen, wie sie diesen Vertrag für die Zukunft interpretieren wollen."

Im Grunde genommen ist die Situation einfach: Toro Rosso kann es sich erlauben, noch ein paar Rennen abzuwarten. Gelingt es Hartley dann, mit Leistung zu überzeugen, darf er bleiben. Gelingt es ihm nicht, wäre Wehrlein der logische Kandidat. Für Hartley mental eine Herausforderung, aber Tost lacht: "Druck ist immer gut! Der ist leistungsfördernd."

Der Glaube an Hartleys Fähigkeiten ist dem Österreicher nicht abhandengekommen: "Man darf nicht vergessen, dass Brendon die letzten Jahre LMP1 gefahren ist. Er ist auf Porsche Weltmeister geworden und hat die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Der weiß schon, wie es geht", sagt Tost.

"Nur: Die Formel 1 ist natürlich ein anderes Level. Die größte Schwierigkeit hatte er sicherlich damit, die Reifen richtig zu verstehen und zu nutzen, das optimale Reifenmanagement im Rennen einzuhalten. Das hat er in der Zwischenzeit sehr gut gelernt. Ich denke, dass wir im Rest der Saison noch einige gute Qualifyings und Rennen sehen werden von ihm."

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