Toto Wolff: Wehrlos "wie in einem totalitären Regime"

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff beschreibt seine Gefühle beim Saisonfinale in Abu Dhabi und sucht einen Weg, wieder Vertrauen in den Sport zu finden

Toto Wolff: Wehrlos "wie in einem totalitären Regime"

Der verlorene Formel-1-Titel von Lewis Hamilton steht für Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff "auf jeden Fall auf einer Stufe mit der Hand Gottes von Diego Maradona oder dem Wembley-Tor von 1966", wenn es um die größte Ungerechtigkeit der Sportgeschichte geht. Das hatte der Österreicher vor einigen Tagen gegenüber der 'Bild'-Zeitung gesagt.

Die beiden aus dem Fußball bekannten Beispiele sind fest in der Historie des Sports verankert und haben neben großen Emotionen auch starke Diskussionen ausgelöst. Das ist im Fall des Formel-1-Finales von Abu Dhabi nicht anders, auch wenn Wolff die Bedeutung dieses Titels im Kontext des Weltgeschehens relativiert.

"Das ist nicht Weltpolitik, und das sind nicht die Dramen, die jeden Tag auf der ganzen Welt passieren. Das ist nicht mal messbar, in der Dimension der schlechten Dinge, die jeden Tag passieren", betont er. Und doch: "Es ist Sport, und das ist unser kleiner Mikrokosmos, an den wir glauben, in dem wir uns bewegen und der uns dieser Tage auch selbst bewegt."

Es ist die Welt von Toto Wolff, die ihn vor zwei Wochen ziemlich im Stich gelassen hat und die ihn etwas desillusioniert hat, wie er sagt. Denn was ihm an diesem Sport so gefällt, ist die Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit der Stoppuhr. "Diese Ehrlichkeit war nicht gegeben", sagt er. "Deswegen stellst du natürlich die Dinge in Frage."

"Wie in einem totalitären Regime"

"Niemals" werde er vergessen, was er in der letzten Runde von Abu Dhabi gefühlt hat: "Nämlich die totale Exponiertheit, die Wehrlosigkeit. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie wehrloser, außer als Kind", sagt der Mercedes-Motorsportchef.

"Und plötzlich bist du einer Situation ausgesetzt, die dich fassungslos macht, die du nicht ändern kannst. Wie in einem totalitären Regime. Und dann auch noch gegen jede Regel", kritisiert er.

Mittlerweile ist das Rennen mehr als zwei Wochen her, sodass Wolff wieder etwas gefasster ist. "Es ist nicht so, dass ich jetzt den ganzen Tag mit mir selbst hadere, sondern das Leben geht weiter", so Wolff, der schon wieder nach vorne blickt.

Denn nach dem verlorenen Titel möchte Mercedes 2022 natürlich umso stärker zurückschlagen. "Das motiviert uns als Team", betont er. "Und ich glaube, wir können das auch nutzen, um den Sport generell zu verbessern, und die Entscheidungsfindung zu verbessern."

"Versuche, Glaube an den Sport zurückzugewinnen"

Diesbezüglich blickt der Österreicher recht zuversichtlich in die Zukunft. Ihn freut nicht nur, was er am eigenen Auto sieht, sondern auch welches Feedback er von der FIA bekommt. Die Verantwortlichen um den neuen FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem hatten bereits angekündigt, sich die Vorgänge in Abu Dhabi noch einmal anschauen zu wollen.

Trotzdem: Ganz los wird Wolff das Trauma von Abu Dhabi nicht. "Es wird sicher lange dauern, bis ich diese Ereignisse verarbeitet habe. Vor allem: meine Werte von Recht und Unrecht. Und diese Momente in der letzten Runde, die einfach immer noch surreal erscheinen", meint er.

"Aber wie gesagt: Das muss man relativieren. Die Formel 1 ist die wichtigste Unwichtigkeit der Welt. Interessiert uns jetzt sehr, aber die Welt ist weitermarschiert. Deswegen bin ich jetzt gefasst und versuche auch wieder, meinen Glauben in den Sport zurückzugewinnen."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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