Ursachenforschung bei Ferrari: Liegt es am Frontflügel-Konzept?

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Ursachenforschung bei Ferrari: Liegt es am Frontflügel-Konzept?
Autor:
Co-Autor: Scott Mitchell
21.03.2019, 06:49

Ist der Ferrari ein "Reifenfresser"? Der Motor nicht mehr so gut wie 2018? Oder liegt es am Frontflügel? Eine Analyse des ersten Ferrari-Auftritts ...

Ferrari ist nach den Wintertests in Barcelona als erklärter Favorit in den Saisonauftakt in Melbourne gestartet, letztendlich war die Scuderia beim Grand Prix von Australien hinter Mercedes und Red Bull aber nur die Nummer 3 im Feld. Und ein Funkspruch von Sebastian Vettel wurde in der Nachbetrachtung des Rennens zum Symbol für Ferraris Ratlosigkeit: "Warum sind wir so langsam?", wollte er wissen - und bekam vom Renningenieur die Antwort: "Wir wissen es nicht."

Die Plätze vier (Vettel) und fünf waren nicht das, "was wir uns erwartet hatten. Die Wintertests sind mit Sicherheit anders verlaufen", räumt Teamchef Mattia Binotto ein. Er vermutet: "Wir haben nie die richtige Balance gefunden und hatten Probleme mit den Reifen. Wir haben am Wochenende unterschiedliche Set-up-Richtungen versucht, sind aber nie auf einen grünen Zweig gekommen."

"Das hat schon im Qualifying nicht gepasst, und mit den Parc-ferme-Regeln schleppst du das dann ins Rennen mit. Wie gesagt: Wir haben nicht die richtige Balance gefunden. Uns hat Grip gefehlt. Verstehen wir warum? Wahrscheinlich nicht. Wir müssen jetzt alle Daten sorgfältig analysieren und verstehen, was passiert ist."

Erste Erklärungsansätze existieren bereits. Zum Beispiel das Frontflügel-Konzept. Ferrari hat hier einen anderen Weg eingeschlagen als Mercedes und Red Bull. Möglich, dass die nach außen hin abfallenden Flaps am Ferrari-Flügel zwar auf der relativ eben asphaltierten Strecke in Barcelona perfekt funktioniert haben, auf den Bodenwellen im Albert Park aber nicht. Das berichtet zumindest 'Auto Bild motorsport'.

War Melbourne nur ein Ausreißer?

"Die Bedingungen in Melbourne", räumt Binotto ein, "waren sicher ganz anders als in Barcelona. Der Asphalt ist welliger, es hatte mehr Wind, die Temperaturen waren höher, das Wetter anders. Es gibt sicher externe Faktoren, die sich auf die Performance unseres Autos ausgewirkt haben."

Für die Frontflügel-Theorie spricht, dass Vettel eher mit Unter- als mit Übersteuern zu kämpfen hatte. Das bedeutet, der Grip hat mehr an der Vorder- als an der Hinterachse gefehlt. Ganz anders als in Melbourne 2018: "Da hatten wir ein sehr loses Heck. Das fühlte sich nicht so toll an", erinnert sich der Deutsche. "Unser Renntempo war in Ordnung. Aber im Qualifying waren wir abgeschlagen."

Ferrari fuhr, so eine Paddock-Theorie, in Melbourne mit steil angestellten Frontflügeln, um die Defizite zu kompensieren. Was durch die Topspeed-Tabelle untermauert wird: Im Rennen fehlten 18,2 km/h auf das Red-Bull-Honda-Paket (möglicherweise verzerrt durch Windschatten und DRS), im Qualifying immer noch 6,6 km/h auf die Spitze.

Das kann am Frontflügel liegen, muss aber nicht. Hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt, dass der 2018 so starke Ferrari-Motor im Konkurrenzvergleich zurückgefallen ist. Konkrete Belege dafür gibt es nicht. Und auch die Behauptung des einen oder anderen Konkurrenten, dass die FIA Ferrari die 2018 genutzten Grauzonen abgedreht hat (Ölverbrennung, Energiemanagement) und sich das jetzt auswirkt, ist Stand heute nur eine Behauptung.

Binotto erklärte am Sonntagabend, er habe noch keine Gelegenheit gehabt, sich die Topspeeds genauer anzuschauen. Ein Erklärungsansatz könnte seiner Meinung nach sein: "Wenn die Balance in der Kurve nicht stimmt, kommst du mit niedrigerer Geschwindigkeit aus der Kurve raus. Das werden wir im zweiten Schritt analysieren. Jetzt müssen wir erst einmal die Fakten sammeln."

Binotto sicher: Da kommt noch was!

In einem Punkt ist sich Binotto sicher: "Wir haben in Melbourne nicht das wahre Potenzial unseres Autos gesehen. Wir sind uns ziemlich sicher, dass das Potenzial viel größer ist." Eine Einschätzung, die Vettel teilt: "Hier und da ist aufgeblitzt, dass wir eigentlich wirklich stark sind. In einigen Kurven war die Performance ganz gut. In den meisten aber nicht."

Mut schöpft er aus der Erinnerung an 2018. Auch da habe Ferrari nach der (trotz des Sieges) mäßigen Leistung in Melbourne Hausaufgaben zu lösen gehabt, "aber in Bahrain war dann plötzlich mehr Performance da. Und die ganzen Zahlen, die wir sehen, ergeben ja Sinn. Ja, es fehlt uns was, eindeutig. Momentan haben wir keine Antwort drauf. Aber ich bin mir sicher, dass wir eine finden werden. Unser Auto ist besser als das, was wir gesehen haben."

Auch Christian Klien warnt davor, Ferrari zu früh abzuschreiben: "Ich würde das zweite Rennen in Bahrain abwarten", sagt der ehemalige Red-Bull-Pilot im Interview mit 'ServusTV'. "Das ist eine Rennstrecke, die wieder normal ist. Das wird schon eher eine Standortbestimmung für diese Saison sein."

Vettel klagt darüber, dass er das ganze Wochenende "nie das gleiche Gefühl wie in Barcelona" gehabt habe: "Das war kein Auto, mit dem ich rumspielen konnte. Es hat nicht gemacht, was ich wollte." Vielleicht ein Grund dafür, dass seine Reifen im zweiten Stint stark abgebaut haben.

Ist der neue Ferrari ein "Reifenfresser"?

Der Performance-Unterschied zwischen Vettels erstem und zweiten Stint ist ein weiteres Thema für eine tiefergehende Analyse. Bis zu seinem ersten Boxenstopp in Runde 14 verlor er (auf Soft) durchschnittlich 0,6 Sekunden pro Runde auf den späteren Sieger Valtteri Bottas. Im zweiten Stint (auf Medium) dann deutlich über eine Sekunde.

Er sei sich "nicht sicher", warum das so war, räumt Vettel ein und erklärt: "Ja, stimmt schon, dass wir relativ früh an der Box waren." Dadurch wurde der zweite Stint extrem lang - vielleicht zu viel für die Pirelli-Pneus. "Andererseits sind andere genauso früh reingekommen, und die hatten nicht solche Probleme. Ich glaube nicht, dass man der Strategie die Schuld geben kann."

Allerdings sind erste Tendenzen zu beobachten, dass der Ferrari SF90 ein "Reifenfresser" sein könnte. Bereits bei den Wintertests in Barcelona gaben die Rundenzeiten von Vettel und Teamkollege Charles Leclerc gegen Ende der Longruns stärker nach als jene der Mercedes-Piloten. Jetzt in Melbourne wieder. Das muss noch kein Trend sein. Kann aber.

Lewis Hamilton kam in Melbourne nur eine Runde nach Vettel an die Box. Nach dem ersten Stint (14 Runden) betrug der Abstand zwischen den beiden 4,1, nach dem zweiten (44 Runden) 36,2 Sekunden. Auch der Mercedes-Fahrer beschwerte sich am Boxenfunk darüber, dass er es mit dem zweiten Reifensatz nicht ins Ziel schaffen würde.

Aber Vettel glaubt eher, dass Hamilton im zweiten Stint gar nicht so sehr kämpfen musste: "Vielleicht war er gelangweilt und verärgert über den verlorenen Start. Wäre nicht das erste Mal, dass er nur das Nötigste tut. Ich weiß, dass er sich am Funk über die Reifen beschwert hat, aber ich glaube, da hat er sich nur gespielt. Er ist ja sicher ins Ziel gekommen."

Mit Bildmaterial von LAT.

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