Vettel gesteht vor Sotschi-Pflichtsieg: "Nicht mehr ganz in unserer Hand"

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Vettel gesteht vor Sotschi-Pflichtsieg:
Autor: Sven Haidinger
Co-Autor: Roberto Chinchero
27.09.2018, 16:24

Wieso Sebastian Vettel daran glaubt, Mercedes 2018 die erste Sotschi-Niederlage zuzufügen, wie er es im WM-Kampf anlegt und wie er mit den Rückschlägen umgeht

 Sechs Rennen vor Schluss steht Ferrari-Pilot Sebastian Vettel in Sotschi unter enormem Druck: Er muss einen Rückstand von 40 WM-Punkten auf Leader Lewis Hamilton aufholen. Und das auf einem Kurs, auf dem Mercedes die bisherigen vier Rennen gewonnen hat. "Es ist nicht mehr ganz in unserer Hand", gibt der viermalige Weltmeister nach vier Hamilton-Siegen in den vergangenen fünf Rennen und einigen Fehlern seines Teams zu. "Der Abstand ist da, und Ausfälle können wir uns nicht mehr leisten."

Von der bisherigen Mercedes-Dominanz in Sotschi will er sich aber keinesfalls entmutigen lassen, zumal er 2017 immerhin die Pole holte, dann aber beim Start von Valtteri Bottas überholt wurde. "Im Vorjahr war es eine Überraschung, dass wir so konkurrenzfähig waren. Dieses Jahr erwarten wir, dass wir stark sind", sagt Vettel. "Unser Auto ist dieses Jahr anders. Wir peilen den Sieg an."

Damit spielt er darauf an, dass der SF71H mit seinem starken Motor und der auf Effizienz ausgerichteten Aerodynamik für den Kurs am Schwarzen Meer deutlich besser geeignet sein sollte als das auf Abtrieb ausgerichtete Vorjahresauto. "Wenn wir von Höchstgeschwindigkeit reden, geht es ja nicht nur um die Motorleistung, sondern auch um die Flügeleinstellung und den Anpressdruck", erklärt er. " Der Nachteil von Anpressdruck ist, dass er dich auf Geraden bremst. Und Sotschi ist eine schnelle Strecke mit langen Geraden. Da müssen wir die richtige Balance finden."

Reifenschwäche: Hamilton glaubt nicht an Wiederholung

Wichtig sei aber auch, dass die Ferrari-Truppe nach den vergangenen Rückschlägen mental geschlossen auftritt. "Wir waren in den vergangenen Rennen im Renntempo aus verschiedenen Gründen nicht schnell genug", gibt Vettel zu. "Da dürfen wir uns nicht von den letzten Ergebnissen runterziehen lassen."

Zumal Sotschi einige Herausforderungen biete: "Auf dieser Strecke kommt es sehr auf das richtige Timing und den richtigen Rhythmus an. Es sieht nämlich alles gleich aus, und man tut sich schwer dabei, Referenzpunkte zu finden. Hoffentlich finden wir ein gutes Set-up. Mit einem guten Set-up anzufangen, wäre wichtig."

Genau das war im Vorjahr Hamiltons Problem: Der Brite fand im Gegensatz zum Teamkollegen Bottas keine optimale Abstimmung, brachte die Reifen nicht auf die richtige Temperatur und wurde nur Vierter. Eine weitere Chance für Vettel? "Ich glaube wirklich, dass wir dieses Jahr hier stärker sein werden als im Vorjahr", verneint Hamilton. "Wir verstehen die Reifen jetzt viel besser als damals. Klar ist es immer noch eine Herausforderung, und das Auto und die Reifen sind anders - wir werden also vor anderen Herausforderungen stehen."

 

Vettel gibt Titel nicht auf: "Man weiß nie ..."

Apropos Reifen: Vettel setzt dieses Jahr voll auf Risiko und hat gleich neun Sätze der weichsten Mischung Hypersoft nominiert. Zum Vergleich: Bei Teamkollege Kimi Räikkönen sind es acht, bei Hamilton gar nur sieben. Auch in Singapur setzte Vettel übrigens auf diese Strategie, musste sich aber mit Rang drei begnügen. Lag es an den Reifen? "Ich glaube, der Sonntag war mehr eine Konsequenz des Samstags", sieht Vettel den Fehler darin, dass man das Potenzial im Qualifying nicht nutzte. "Auch, weil die anderen sehr schnell waren und uns das Tempo ein bisschen gefehlt hat."

Tatsächlich ist es dieses Jahr nicht so einfach, aus den Vorjahresergebnissen die richtige Tendenz abzuleiten. Das weiß auch Vettel, der neben Singapur auch in Monaco und Ungarn als haushoher Favorit gegolten hatte, aber keines der drei Rennen gewann. "Es gab ein paar Rennen, die wir hätten gewinnen sollen. Haben wir aber nicht. Andere hätten wir eher nicht gewinnen sollen, aber wir haben sie gewonnen", sagt Vettel, der aber den Titel nicht aufgibt. "Wir haben eine Chance. Man weiß nie. Alles ist möglich."

Gleichzeitig ist er darum bemüht, sich nicht zu stark unter Druck zu setzen: "Ich setze mir nicht das Ziel, alle Rennen zu gewinnen. Erst einmal ist das Ziel, hier zu gewinnen." Auch die Behauptung, der Ferrari sei das beste Auto im Feld, hält er für eine Mär: "Das mag von außen so aussehen, dass unser Auto so überlegen ist, aber da muss man auch sehen, dass wir weder die Fahrer noch die Konstrukteursmeisterschaft anführen. Das geht also ein bisschen auseinander."

Kein Mentaltrainer: Vettel bleibt seiner Linie trotz Rückschlägen treu

Kritiker führen das darauf zurück, dass Ferrari und Vettel im Gegensatz zu Mercedes und Hamilton Fehler gemacht haben. Ob Vettel, der in manchen Rennsituation übermotiviert und verbissen wirkte, bereits an den Einsatz eines Mentaltrainers gedacht habe? "Mir ist nicht zu helfen", grinst er gegenüber 'Auto Bild motorsport'. "Ich finde den Aspekt sehr interessant, aber ich habe die Person noch nicht getroffen, von der ich der Meinung bin, dass sie mir helfen kann."

Er habe sich zwar schon damit auseinandergesetzt und recherchiert, denn "wenn man Stress hat, braucht man einen Ausgleich". Er werde aber vorerst weiterhin auf seine eigenen Methoden setzen: "Ich habe für mich Dinge entwickelt, die für mich funktionieren. Und ich habe genug Selbstdisziplin, um mich nicht beirren zu lassen."

Das gilt auch für den Vorwurf, Vettel wolle den Sieg zu oft erzwingen anstatt einfach in heiklen Situationen nachzugeben. "In der Formel 1 geht es ja auch darum, ein Puzzle zusammenzusetzen", erklärt Vettel seine Herangehensweise, der er treu bleiben möchte. "Es ist wichtig, dass man vom fertigen Puzzle träumt und das als Ziel hat, aber man darf sich nicht davon ablenken lassen, erst einmal die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen. Also das Beste aus jedem Rennen rauszuholen. Das ist maximal förderlich für die WM."

Vettel will nichts von Ferrari-Krise wissen

Auch eine andere Strategie will er beibehalten: so wenig wie möglich über sich selbst in der Zeitung zu lesen. "Ich lasse öffentliche Kritik so gar nicht an mich ran und spare mir deshalb den Umgang damit", meint der Ferrari-Pilot, der laut eigenen Angaben in seiner Freizeit "kaum Artikel über die Formel 1", sondern "eher über Fußball" lese. Zudem helfe ihm der Leitsatz: "Man ist nie so gut, wie die Leute sagen, und man ist auch nicht so schlecht, wie sie sagen."

"Das Team muntert mich auf und hilft mir, die Rückschläge wegzustecken."Sebastian Vettel
Kritik musste auch immer wieder sein Ferrari-Team aushalten, dem vor allem in Monza vorgeworfen wurde, nicht alles auf Vettel zu setzen. Hat der Heppenheimer diesmal im Qualifying das Vorrecht, Kimi Räikkönens Windschatten zu nutzen, obwohl eigentlich der Finne wieder an der Reihe wäre? Die prädestinierteste Strecke, was das angeht, ist Monza. Auf anderen Strecken kann man drüber streiten, ob es was bringt", gibt Vettel eine ausweichende Antwort. "Wir schauen lieber, dass wir uns im Training ordentlich auf das Qualifying vorbereiten."

Sein Team müsse er nach den Niederlagen der vergangenen Rennen nicht aufbauen. "Ganz im Gegenteil", meint Vettel. "Es hat mich immer aufgemuntert, nach enttäuschenden Rennen wieder in die Box zu kommen und zu sehen, wie motiviert alle sind. Sie muntern mich auf und meinen es auch so. Das hilft mir, diese Rückschläge wegzustecken."

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