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Warum sich die Formel 1 weiterhin klar zum Hybrid-Motorenkonzept bekennt

Obwohl die Welt im Elektro- und Wasserstoffwahn ist, rückt die Formel 1 nicht vom Verbrennungsmotor ab: Strategiechef Yath Gangakumaran erklärt die Hintergründe

Warum sich die Formel 1 weiterhin klar zum Hybrid-Motorenkonzept bekennt

Von Yath Gangakumaran dürften viele Formel-1-Fans noch nicht gehört haben, dabei ist er eine einflussreiche Person für die Zukunft des Sports. Als Leiter für Strategie und Business-Entwicklung legt er in seiner Rolle die langfristige Richtung der Formel 1 fest und arbeitet dabei mit Chase Carey zusammen - und ab Januar mit dem neuen Formel-1-Boss Stefano Domenicali.

Das umfasst dabei alles von der Unterstützung bei kommerziellen und sportlichen Entscheidungen, wie Rennformaten und Austragungsorten, bis zur Leitung breiterer Formel-1-Projekte mit langfristigem Einfluss - etwa wie man in China wächst und wie man einen Verbrennersport positioniert, wenn Klimawandel zum großen Thema wird.

Im Herzen der Strategie steht die langfristige Bindung der Formel 1 zum Verbrennungsmotor. "Wir intensivieren den Hybrid", sagt Gangakumaran.

Während Regierungen wie in Großbritannien den Verkauf von benzin- und dieselbetriebenen Fahrzeugen ab 2030 verbieten, hat die Formel 1 entschieden, bei Verbrennungsmotoren zu bleiben. Stattdessen will man neue Wege beim Benzin gehen, um eine praktikablere Lösung für 99 Prozent der aktuellen Autobesitzer weltweit zu demonstrieren, die kein Elektroauto besitzen.

"Wir glauben, dass es unterschiedliche Wege gibt, um eine Automobilbranche mit weniger CO2 zu erreichen. Wir wollen mit einem in Verbindung gebracht werden, der nicht nur einen immensen positiven Einfluss auf die Automobilbranche hat, sondern auch unsere Ziele als Sport unterstützen wird, der Fans auf der ganzen Welt unterhalten möchte."

Lieber neuer Sprit als Elektro

"Ja, alle reden über Elektro und Wasserstoff. Und wir haben uns das für unseren Motor der nächsten Generation angesehen, der in fünf Jahren kommen wird. Aber sie haben nicht diese Performance-Charakteristiken, die wir als Spitze des Motorsports brauchen, die unseren Autos erlaubt, die Geschwindigkeiten zu fahren, die wir wollen, und die Distanz zu erreichen, die wir benötigen."

Formel-1-Motoren sind bereits die effizientesten Hybride dieser Welt, doch die Formel 1 möchte mit Ölgiganten zusammenarbeiten, um Kraftstoffe zu entwickeln, die 100 Prozent nachhaltig sind. "Diese können entweder synthetisch sein oder Biotreibstoffe der zweiten Generation", sagt er.

"Wir glauben, dass wir als globale Plattform mit hunderten Millionen Zuschauern zeigen können, dass es möglich ist, einen sehr effizienten Verbrennungsmotor mit nachhaltigen Kraftstoffen zu haben."

"Warum wir glauben, dass das bei der Automobilindustrie ankommen wird: Wenn man auf die über eine Milliarde Autos auf diesem Planeten schaut, dann haben 99 Prozent von ihnen einen Verbrennungsmotor. Und die meisten Autos sind normalerweise mindestens 15 Jahre auf der Straße, manche sogar über Jahrzehnte. Sie werden nicht so bald verschwinden."

Von Nachhaltigkeit und Vielfalt

Der Schlüssel dieser Strategie ist, dass die in der Formel 1 entwickelten nachhaltigen Kraftstoffe auch in den Straßenautos landen, wo sie jeder Autofahrer benutzt. "Das wird nicht nur einen positiven Einfluss auf unsere CO2-Emissionen haben, sondern auch auf die breitere Automobilbranche", sagt Gangakumaran.

Da die Extreme E derzeit für Schlagzeilen sorgt und die Formel E den Platz der elektrischen Prototypen besetzt hat, muss die Formel 1 schnell in Bewegung kommen, um sich zukunftssicher zu machen. Zusammen mit dem Thema Nachhaltigkeit setzt man aktuell verstärkt auf Vielfalt und Inklusion, was vom Engagement des siebenmaligen Weltmeisters Lewis Hamilton enorm unterstützt wird.

"Lewis ist für uns ein fantastischer Botschafter", sagt Gangakumaran. "Wir sind vollkommen auf einer Linie in dem, was wir beide für Vielfalt und Inklusion erreichen wollen - aber auch für Nachhaltigkeit, das ein weiteres Thema ist, für das er sehr brennt."

"Seit dem Tod von George Floyd haben wir in diesem Jahr einen größeren Impuls von der Öffentlichkeit und von den Fans in Richtung der Regierungen und Organisationen gesehen, mehr zu tun. Wir werden an unserem Weg arbeiten, weil wir nicht nur denken, dass es das Richtige ist, sondern auch weil es eine gute Übung ist, wenn du kommerziell und im Umgang mit Fans erfolgreicher sein möchtest."

Fanzuspruch in Coronazeiten

Seit Liberty Media die Formel 1 übernommen hat, wurde daran gearbeitet, die Altersstruktur der Fans zu senken. Mit Erfolg: 62 Prozent der neuen Formel-1-Fans in den vergangenen drei Jahren sind jünger als 35.

"Wir haben in diesem Jahr etwas Interessantes beobachtet bei unseren kommerziellen Innovationen wie den virtuellen Rennen, als wir keine Rennen fahren konnten: Wir waren seit dem Lockdown im März die Nummer-1-Sportart, wenn es um Follower-Zuwachs und -Engagement in den sozialen Medien geht."

"Das stellt unsere geleistete Arbeit heraus - nicht nur in den vergangenen Jahren. Vor allem in dieser besonders schweren Zeit, die sich der Sport ausgesetzt sah, konnte man anfangen, die Früchte in Sachen Fan-Engagement zu ernten", sagt er.

Alle in einem Boot

Aber der vielleicht größte Erfolg der aktuellen Formel-1-Verantwortlichen, zu denen Gangakumaran zählt, ist die Einigkeit mit allen Teams und der FIA bezüglich einer Budgetgrenze und weiteren Maßnahmen im neuen Concorde-Agreement.

In der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche Versuche, die jedoch alle an den Eigeninteressen der Topteams scheiterten. Es hat erst eine weltweite Pandemie und einen enormen Einbruch der Einnahmen benötigt, um die Sinne zu schärfen. Jetzt können die strategischen Denker der Formel 1 den Weg in eine Zukunft mit einem konkurrenzfähigeren Sport planen.

"Es hilft natürlich, dass wir einige dieser großen Themen, die wir schon in den vergangenen Jahren durchbringen wollten, jetzt endlich abgesegnet haben. Jetzt können wir uns mehr auf das langfristige Wachstum konzentrieren. Ich glaube, dass es auch weiterhin in der Seifenoper Formel 1 'konstruktive Gespräche' und Meinungsverschiedenheiten zu großen Themen geben wird, die wir anschieben wollen", sagt er.

"Aber ich bin vorsichtig optimistisch. Es gibt so viele Wachstumsmöglichkeiten in der Formel 1. Und ich glaube wirklich, dass wir erst an der Oberfläche gekratzt haben."

Mit Bildmaterial von Motorsport.com.

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