Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat
Autor: Dominik Sharaf
01.10.2018, 06:45

Redakteur Dominik Sharaf glaubt, dass Sebastian Vettel sich einen Gefallen damit getan hätte, Lewis Hamilton in Sotschi nicht in die Mauer zu schicken – auch wenn die Einsicht erst spät kam und die "Bad Boys" in der Formel-1-Historie oft belohnt wurden

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin mir seit Sonntagnachmittag sicher: Sebastian Vettel wird nicht Formel-1-Weltmeister 2018. Mercedes ist einfach zu schnell und vergeudet keine WM-Punkte mit Valtteri Bottas mehr, während Ferrari und auch seinem deutschen Chefpiloten zunehmend die Nerven flattern. Dazu ist Kimi Räikkönen nicht in der Lage, den Silberpfeilen regelmäßig Punkte abzunehmen, sondern reif für den Ruhestand – und nicht für ein Gnadenbrot bei Sauber, aber das ist ein ganz anderes Thema. 

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Zurück zu Vettel: Er hat trotzdem prima geschlafen, weil er seinen Frust nicht zu Verzweiflung werden ließ. Als er Hamilton im Duell um Platz zwei die Türe zuwarf, sah ich die beiden schon in der Mauer. Es wäre nur logisch und sinnvoll für Vettel gewesen, den Titelrivalen aus dem Rennen zu nehmen. Ihm muss klar gewesen sein: Wenn Hamilton überholt, dann gibt es auf dem Kurs in Sotschi keinen Weg zurück mehr, dann mimt Bottas den Wasserträger und weitere Punkte gehen flöten.

Genauso agierte Vettel dann am Ende der Start- und Zielgeraden. Ich glaube seine Aussage, dass er Hamilton nicht gesehen hätte, nicht. Wieso fuhr er so dicht an die Mauer innen und durch den Dreck, wenn er den Mercedes doch angeblich auf der Außenbahn wähnte? Dann wäre es sinnvoller gewesen, so weit wie möglich in der Mitte zu bleiben, um Kurve 2 gescheit anbremsen zu können.

 

Dass es nicht krachte, war Hamilton zu verdanken. Im Alter von 33 Jahren fällt er durch nicht für möglich gehaltene Reife auf. Der Lewis von 2007 hätte reingehalten und die Trümmerteile seines Silberpfeils mit der Hand aufsammeln können. Auch wenn er gern mit dem Image des bedingungslosen Racers kokettiert, ist er längst ein Taktiker. Bester Beweis war das Qualifying in Sotschi, bei dem er absichtlich auf Platz zwei fuhr, um sich für den Start einen Windschatten zu besorgen.

Einige Sekunden später schien bei Vettel das Testosteron dem Grips gewichen zu sein. Wie er selbst sagte, hätte er Hamilton bei dessen zweiter Attacke in die Mauer schicken können. Dass er es nicht tat, hatte entweder mit sportlicher Fairness oder mit dem enormen Risiko einer Rambo-Aktion zu tun. Strafen durch die Sportkommissare, ein angeknackstes Image und das Szenario, als Einziger auszuscheiden und Hamilton mit 25 Punkte in den Sonnenuntergang reiten zu sehen – alles drin.

Dabei hat die Formel-1-Geschichte gezeigt, dass es sich lohnt, den Bösen zu spielen – zumindest, wenn man selbst die WM anführt. Alain Prost ließ es 1989 im Duell mit Ayrton Senna krachen und wurde Champion. Ein Jahr später tat es ihm der Brasilianer gleich und wurde ebenfalls belohnt. Vettels großes Vorbild Michael Schumacher trieb es 1994 auf die Spitze, als er Damon Hill abschoss. Er bekam die Quittung erst drei Saisons später gegen Jacques Villeneuve. Dachte Vettel daran?

 

Wir werden es wohl nie erfahren. Vielleicht war es wirklich der Sportsgeist, der ihn antrieb, es gut sein zu lassen. Vielleicht auch nicht. Ich wage zu behaupten: Auch der Vettel von 2010 wäre als Sozius auf einem Motoroller zurück ins Fahrerlager gedüst. Damals ritt er Aktionen wie gegen seinen Teamkollegen Mark Webber in Istanbul oder gegen Jenson Button in Spa-Francorchamps.

Er lernte aber daraus, dass es sich nicht lohnt, sich zum "Bad Boy" zu machen – bis ihm 2017 in Baku die Sicherungen durchbrannten und ihn daran erinnerten, dass es sich als guter Verlierer besser schläft als als schlechter Verlierer. Der Klügere gibt eben nach, nicht nur bei Zahnbürsten. Vettel machte alles richtig, weil nur so die WM-Chancen zumindest auf dem Papier weiterleben konnten.

Heißt aber auch, dass Vettel einen aussichtslosen Kampf kämpft. Zwar hatte er in der Saison 2012 auch 44 Punkte Rückstand, was mancher als Argument dafür versteht, noch Hoffnung zu verbreiten. Doch damals war Ferrari Vettels Gegner und nicht sein Verbündeter. Wenn es um die Wurst geht, flattern den Roten eben immer wieder die Nerven. Ihrem Chefpiloten aber nicht (mehr). Gut so. 

 

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