Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Andreas Seidl

Warum sich McLaren-Teamchef Andreas Seidl und seine Mannschaft nach dem Frankreich-Grand-Prix wie Sieger fühlen dürfen und was das für die Zukunft bedeutet

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Andreas Seidl

Liebe Leser,

bei McLaren läuft derzeit vieles richtig. Der Frankreich-Grand-Prix in Le Castellet hat das noch einmal unterstrichen. Denn mit den Plätzen fünf und sechs für Lando Norris und Daniel Ricciardo hat das britische Traditionsteam genau das erreicht, was realistisch drin war: die erste Verfolgerposition hinter den beiden Topteams Red Bull und Mercedes.

Das bedeutet: 18 Punkte auf einen Schlag. Nur in Imola hat McLaren als Team bisher besser gepunktet (23). Und die Botschaft ist klar: Hier sind die Weichen richtig gestellt, um in diesem Jahr den angestrebten dritten Platz in der WM-Gesamtwertung zu erreichen.

Damit dürfte McLaren-Teamchef Andreas Seidl nach dem siebten Saisonrennen eine sehr ruhige Nacht verbracht haben. Denn er kann für sich festhalten: Läuft!

Wie sehr es läuft bei McLaren in der Saison 2021

Wie sehr es "läuft" bei McLaren, das zeigt ein Blick in die Statistik: Aktuell steht das Team bei 110 Punkten und hat als einziger Rennstall neben Red Bull in diesem Jahr bei jedem Grand Prix zweistellig WM-Zähler eingefahren, war bei sechs von sieben Rennen mit beiden Autos in den Top 10 vertreten. So geht Konstanz.

Und so sieht vor allem auch echter Fortschritt aus, denn im vergangenen Jahr befand sich McLaren nach sieben Saisonrennen – und damals noch mit Renault-Antrieben – zwar ebenfalls auf WM-Rang drei hinter Mercedes und Red Bull, aber nur mit 68 Punkten und mit weitaus weniger prominenten Ergebnissen in den einzelnen Rennen.

Norris fährt auf Topniveau, Ricciardo wird besser

Es hat sich also einiges getan in Woking und es tut sich weiterhin einiges: Lando Norris ist im Team inzwischen zu einer festen Größe geworden und bringt seine Leistung auf den Punkt. Er fährt dieses Jahr extrem zuverlässig und stellt die Resultate sicher, die McLaren eben kriegen kann. Sehr viel besser geht es nicht.

Die beiden McLaren-Fahrer in Le Castellet

Die beiden McLaren-Fahrer in Le Castellet

Foto: Motorsport Images

Und Daniel Ricciardo scheint sich nach den beiden für ihn schwachen Stadtrennen in Monaco und Baku wieder etwas gefangen zu haben. Er schien sich in Le Castellet deutlich leichter zu tun mit dem MCL35M, was ebenfalls als positiv verbucht werden kann. Immerhin folgen im weiteren Saisonverlauf noch etliche permanente Rennstrecken wie der Circuit Paul Ricard.

Was Ricciardo jetzt noch fehlt, ist der Speed im Qualifying. Auch hier ist Norris ein Muster an Konstanz, während sich Ricciardo schwerer tut. Le Castellet brachte hier aber ebenfalls einen Fortschritt: Nur zwei Plätze Unterschied gab es am Samstag zwischen den McLaren-Fahrern, Ricciardo verlor nur etwas mehr als eine Zehntelsekunde auf Norris. Das ist in Ordnung.

Positive Dynamik im Team

Und so sieht sich McLaren-Teamchef Seidl hier mit einer echten Win-Win-Situation konfrontiert: Norris hat einen Lauf und fährt eine ungeheuer konstante Saison mit sehr guten Ergebnissen. Ricciardo kommt nach zuletzt schwierigen Wochenende wieder in Fahrt und besser mit dem MCL35M zurecht.

Davon kann McLaren nur profitieren. Denn beide Fahrer werden sich weiter gegenseitig zu neuen Bestleistungen anspornen, weil keiner von beiden nur die Nummer zwei sein will: Norris nicht als aufstrebendes Formel-1-Talent und Ricciardo nicht als einer der Topfahrer der vergangenen Jahre. Diese Dynamik kann Teamchef Seidl nur recht sein.

McLaren: Wieder P3 in der WM, vor Ferrari

Positiv stimmen dürfte ihn auch, dass Ferrari erstmals dieses Jahr nicht gepunktet hat. Denn der bisherige Saisonverlauf hat gezeigt: Die beiden Formel-1-Traditionsteams Ferrari und McLaren werden es sein, die 2021 den dritten Platz in der Konstrukteurswertung unter sich ausmachen werden. Und eben diesen dritten Platz hat McLaren in Le Castellet wieder von Ferrari zurückerobert, mit einem Puffer von jetzt 16 Punkten.

McLaren hat Ferrari in der Konstrukteurswertung wieder überholt

McLaren hat Ferrari in der Konstrukteurswertung wieder überholt

Foto: Motorsport Images

Für Seidl noch entscheidender aber dürfte sein: McLaren rückt auch dichter an die Spitzenteams Red Bull und Mercedes heran. Noch ist sein Team hier nicht in Schlagdistanz, aber die Fortschritte sind sichtbar, im Qualifying und im Rennen.

Der McLaren-Fortschritt in Zahlen

Zum Beispiel: 2020 qualifizierten sich die McLaren-Fahrer Norris im Schnitt auf Position acht für ein Rennen. 2021 startet er bisher (gerundet) von P7 und fährt in den Rennen praktisch immer auf Top-10-Positionen. Am Rennende steht im Schnitt ein sechster Platz und nicht mehr ein siebter wie noch 2020. All das stellt einen Fortschritt gegenüber der Vorsaison dar.

Noch viel entscheidender ist freilich der Blick auf die Stoppuhr im Qualifying. Und auch hier spricht die Entwicklung für McLaren: 2020 kam das Team durchschnittlich auf 101,956 Prozent der Poleposition-Zeit. 2021 liegt man bisher bei 101,141 Prozent. (Die jeweiligen Saisonstatistiken sind auf der Jahreszahl verlinkt.)

Wenn McLaren-Teamchef Seidl im Frühjahr vor Saisonbeginn also gesagt hat, sein Rennstall solle in diesem Jahr "den nächsten Schritt machen mit der Performance des Autos [und] mit der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten", dann kann man festhalten: Diese Rechnung geht auf. McLaren ist auf Kurs, seine Formkurve weiter ansteigen zu lassen.

Diese Gewissheit dürfte Andreas Seidl nach dem Frankreich-Grand-Prix mit den Plätzen fünf und sechs sehr gut haben schlafen lassen.

Nicht verpassen: "Letzte Nacht" am Montag um 19 Uhr!

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Und nicht vergessen: Um 19:00 Uhr analysieren Christian Nimmervoll und ich auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de den Frankreich-Grand-Prix noch einmal ausführlich. Wir sprechen natürlich über unsere "Letzte-Nacht"-Kolumnen, aber auch über alles weitere, was dieses Formel-1-Rennen ausgemacht hat. Also: Gerne einschalten und live dabei sein!

Ihr
Stefan Ehlen

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