Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Helmut Marko

Warum die Titelchancen von Red Bull beim Formel-1-Rennen in Austin deutlich gestiegen sind und weshalb Helmut Marko sehr zufrieden sein kann

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Helmut Marko

Liebe Leser,

auf Twitter haben mich nach dem USA-Grand-Prix 2021 in Austin wieder viele Zuschriften erreicht, wer Protagonist in dieser Montagskolumne sein könnte. Vielen Dank dafür!

Es waren ein paar würdige Kandidaten dabei. Mick Schumacher zum Beispiel, der seinen Haas-Teamkollegen Nikita Masepin so richtig in den Schatten gestellt hat. Oder Sebastian Vettel für ein solides Comeback im Rennen mit P10 und einem WM-Punkt am Ende.

 

Daniel Ricciardo wurde genannt, für ein richtig starkes Wochenende in Austin, bei dem er in Qualifying und Rennen vor Lando Norris geblieben ist. Und selbst Lewis Hamilton ist nominiert worden, weil er den "Schaden" mit der schnellsten Rennrunde und P2 hinter Max Verstappen möglichst klein gehalten hat.

Alles gute Kandidaten, aber ...

Ja, natürlich: Jeder der Genannten hat sicherlich einen Grund, zufrieden aus Austin abzureisen. Wer aber verbringt die ruhigste Nacht? Und um den Superlativ geht es ja in dieser Kolumne. Deshalb kann die Antwort auf diese Frage nur lauten: Helmut Marko.

Denn eigentlich war Red Bull pessimistisch ins Wochenende gegangen: Der Circuit of The Americas gilt als klassische Mercedes-Strecke. Seit 2014 hatte nie ein anderes Auto die Polesposition erobert, von 2014 bis 2017 hat Hamilton dort alleine vier Mal in Folge gewonnen. Wem die Favoritenrolle gebührte, das lag also auf der Hand.

Und dann fährt Verstappen auf die Poleposition. Das war schon mal ein Ausrufezeichen. Und im Rennen hat Red Bull nachgelegt, mit einer mutigen Strategie, ohne sich von Mercedes in einen anderen Rennverlauf hineinzwingen zu lassen. Verstappen hat den Sieg dann im letzten Stint meisterhaft gegen Hamilton verteidigt.

Was uns das Rennen in Austin gezeigt hat

Der USA-Grand-Prix mag kein absoluter Kracher gewesen sein, aber das Duell um Platz eins war höchstspannend. Und es war eine strategische Glanztat von Red Bull, nachdem das Team dieses Jahr schon ganz anderes erlebt hat. Jetzt, im Endspurt der WM, auf einer Mercedes-Strecke, da hat man die richtigen Register gezogen und agiert statt reagiert.

Mehr noch: Auch Sergio Perez hat mitgespielt in der Spitzengruppe, zumindest im Qualifying – und das war bisher seine größte Schwäche gewesen. Nicht so in Austin. Mit Startplatz drei hat er am Red-Bull-Erfolg mitgebaut und im Rennen – bei 30 Grad Celsius praktisch von Anfang an ohne Trinkmöglichkeit – den zweiten dritten Platz in Folge sichergestellt, am Ende mit letzter Kraft.

Und so hat Red Bull erstmals seit Spa vor vielen Wochen wieder mehr Punkte erzielt als Mercedes und damit den Rückstand in der Konstrukteurswertung um 13 Zähler verkürzt.

Doch das ist eigentlich nur eine Nebenerscheinung. Denn die Hauptsache ist: Nach dem Mercedes-Aufschwung der jüngsten Rennen scheint nun Red Bull wieder am Drücker zu sein.

Wenn Red Bull jetzt dran bleibt ...

Der Zeitpunkt könnte passender nicht sein: Mit Mexiko und Brasilien kommen jetzt gleich zwei Grands Prix, die dem RB16B besser liegen dürften als dem W12. Und sollte sich das bewahrheiten, dann stünde es ausgezeichnet um die Titelchancen für Verstappen und Red Bull im weiteren Saisonverlauf.

So weit ist es noch nicht, aber die Vorzeichen stehen gut: In der entscheidenden Phase der Meisterschaft tritt Red Bull mehr denn je als perfektes Team auf. Das Auto passt. Der Antrieb passt. Die Strategie sitzt. Verstappen fährt in Bestform. Und Perez ist endlich auf dem Niveau angekommen, auf dem er etwas zum Gesamterfolg beitragen kann. Das Timing für all das könnte wahrlich schlechter sein.

Max Verstappen und Sergio Perez in Austin

Max Verstappen und Sergio Perez in Austin

Foto: Steven Tee / Motorsport Images

Zumal Perez schon in Austin aufgeblüht ist, wo ihm viele Fans von den Tribünen zugejubelt haben. Wie mag es da erst in zwei Wochen in Mexiko-Stadt zugehen, wenn das gesamte Publikum hinter dem Red-Bull-Fahrer steht? Ich glaube: Das wird ihn und das Team nur noch mehr beflügeln.

Die Chance, Mercedes im Titelkampf zu biegen, sie ist nach Austin wieder größer geworden. Red Bull hat den Mercedes-Aufschwung ausgebremst und selbst neuen Schwung geholt. Und deshalb dürfte Helmut Marko nach dem USA-Grand-Prix eine sehr ruhige Nacht verbracht haben.

Und dann wäre da noch ...

Letzteres gilt übrigens auch für die Formel 1 und deren Besitzer Liberty Media. Schon seit geraumer Zeit spricht man davon, den "Kernmarkt Amerika" für die Rennserie erobern zu wollen, ein drittes Rennen nach Austin und Miami ist im Gespräch. Und dann fährt die Formel 1 ihren US-Grand-Prix vor vollem Haus.

Keine Frage: So viel Euphorie gab es dort lange nicht, die Bilder sprechen für sich – und dafür, dass die Formel 1 mit ihrer "US-Politik" offenbar vieles richtig macht. Da spielt gewiss auch "Drive to Survive" auf Netflix eine Rolle. Aber wie auch immer: Stefano Domenicali und Greg Maffei werden darüber keine schlaflosen Nächte verbringen. Im Gegenteil.

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Und wer nach dem Rennen in Austin gar nicht gut geschlafen hat? Das erfahren Sie wie immer in der Schwesterkolumne von Chefredakteur Christian Nimmervoll auf Motorsport-Total.com.

Ihr
Stefan Ehlen

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