Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Sergio Perez

Wieso Sergio Perez nach seinem Sensationssieg in Sachir auch ohne Formel-1-Cockpit für die Saison 2021 eine sehr ruhige Nacht verbracht haben könnte

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Sergio Perez

Liebe Leser,

jetzt ist Sergio Perez ein Formel-1-Sieger und obendrein WM-Vierter, aber ein Cockpit für die Formel-1-Saison 2021, das hat er nicht. Finde den Fehler!

Und da stelle ich gleich zu Beginn die Frage (wie bereits gestern Abend auf meiner Facebook-Seite): Was muss Perez eigentlich noch tun, damit ihn ein Team unter Vertrag nimmt? Ich weiß es beim besten Willen nicht. Denn für meine Begriffe fährt Perez die Saison seines Lebens, und das unter erschwerten Umständen.

Es liegt ja – wie passend – fast auf den Tag genau drei Monate zurück, da hat Racing Point seinen langjährigen Fahrer Perez vor die Türe gesetzt. Um Platz zu machen für Sebastian Vettel, der 2021 zum Team stößt, wenn aus Racing Point Aston Martin wird. Und natürlich muss Perez auch gehen, damit Lance Stroll als Inhaber-Sohn weitermachen kann.

Und jetzt gewinnt Perez ein Rennen!

Ich empfinde diesen Sieg als völlig verdient. Besonders, weil sich Perez nie hat hängen lassen. Nicht in Sachir, nach der Berührung und dem letzten Platz in der Startrunde, und auch nicht seit der Bekanntgabe, dass er ab 2021 eben nicht mehr für Racing Point wird fahren können. Danach ist er noch umso mehr aufgeblüht, mit einer Jetzt-erst-recht-Mentalität, die ihresgleichen sucht.

Sergio Perez: Wie beliebt er ist im Team, das zeigt auch dieses Bild

Sergio Perez: Wie beliebt er ist im Team, das zeigt auch dieses Bild

Foto: Motorsport Images

Beispiele dafür gibt es zuhauf: In den ersten acht Saisonrennen hat Perez einen fünften Platz erzielt, in Barcelona, bei seinem Comeback-Grand-Prix nach der Coronavirus-Zwangspause. Seit seiner Kündigung aber hat er in ebenfalls acht Rennen gleich fünf Mal als Fünfter oder noch besser abgeschnitten, zuletzt als Zweiter in Istanbul oder jetzt als Sieger in Sachir.

Diese Bilanz ist einfach nur beeindruckend! Vor allem vor dem Hintergrund, dass Perez weiterhin vor einer ungewissen Zukunft steht. Das scheint ihn auf der Rennstrecke aber überhaupt nicht abzulenken, sondern noch zusätzlich anzuspornen. Und jetzt steht Perez ohne Cockpit da, aber auf WM-Platz vier hinter Hamilton, Bottas und Verstappen!

Perez' Werdegang in der Formel 1

Dass er ein potenzieller Siegfahrer ist, das hat Perez schon früh in seiner Karriere gezeigt. Ich verweise an dieser Stelle auf seine drei Podestplätze im Sauber in der Saison 2012, als Perez sein zweites Formel-1-Jahr bestritt. Oder auf seine diversen Podestplätze für Force India und neuerdings Racing Point, wie bei Sauber meist mit unterlegenem Material erzielt.

Schon früh in seiner Formel-1-Zeit galt er auch als "Reifenschmeichler", als sehr konstant und überaus zuverlässig. Nur seine Chance bei McLaren in der Saison, die konnte er nicht nutzen. Dafür wurde er ab 2014 bei Force India zum gelegentlichen Favoritenschreck, und zu einer tragenden Säule des Teams.

Es ist schon verrückt: Perez hat das Team über Jahre mitgetragen, den Übergang von Force India zu Racing Point sogar mit angestoßen, jetzt den ersten Sieg für das neue Team erzielt, und doch hat er dort keine Zukunft mehr.

Die Formel 1 braucht Helden wie Perez

Und wirklich niemand sonst will ihn haben? Ernsthaft? Nicht mal, obwohl Perez sogar über ein nicht unerhebliches Sponsorenpaket verfügt, das er bei einem etwaigen neuen Team einbringen könnte? Das ist schon bitter, und wie ich finde, kein Ruhmesblatt für die Formel 1.

Man will die Königsklasse sein, in der die besten Fahrer sind, und lässt dann zu, dass ein wirklich guter Mann kein Cockpit kriegt. Wo sich gleichzeitig andere Fahrer in prominenter Position nicht gerade mit Ruhm bekleckern. Und wo man doch dringend auf der Suche ist nach neuen Helden, um einen Gegenpol zu schaffen für die anhaltende Dominanz von Hamilton und Mercedes.

Sergio Perez bei der Zieldurchfahrt in Sachir

Sergio Perez bei der Zieldurchfahrt in Sachir

Foto: Andy Hone / Motorsport Images

Perez wäre so ein neuer Held. Nein, eigentlich ist er es schon lange, war es schon vor seinem Sieg in Sachir. Seine Würdigung erfährt er kurioserweise aber erst jetzt, wo sein Abschied beschlossene Sache ist und er trotz negativer Aussichten besser auftritt denn je.

"Langeweile" gewinnt Titel, aber ...

Und damit bin ich wieder bei meiner Eingangsfrage angekommen: Was bitteschön muss Perez eigentlich noch beweisen, dass er für 2021 ein Cockpit kriegt? Ich meine: gar nichts. Rein in den Red Bull mit ihm! Oder worauf wartet Helmut Marko denn bei Alexander Albon noch?

Würde sich Red Bull Perez holen, das wäre ein für die Formel 1 wichtiges Signal nach außen. Nach dem Motto: Schaut her, Leistung setzt sich eben durch und wird belohnt. Und neben der offensichtlichen Verstärkung für die Konstrukteurswertung ginge damit gewiss für Red Bull auch ein Zugewinn bei den Sympathiewerten einher, und nicht nur in Mexiko.

Das ist doch eines der Probleme der modernen Formel 1: Sie ist (technisch) zu perfekt, sie begeistert zu wenig – auch durch vermeintlich "langweilige" Fahrerpaarungen. Das Thema wird ja gerade bei Mercedes ebenfalls sehr aktuell.

Wie leicht könnte die Formel 1 in der Gunst der Fans punkten, wenn Teams wie Red Bull und Mercedes das Populäre tun und Perez beziehungsweise Russell eine Chance geben würden. Ich bin mir sicher: Der Abstrahleffekt auf das Marketing wäre gewaltig. Und man müsste nicht mehr erklären, warum ein Siegfahrer wie Perez ohne Cockpit dasteht.

Wer sonst noch gut geschlafen hat

Und wo ich gerade auch George Russell erwähnt habe, abschließend noch ein schnelles Wort zu ihm: Ich wollte noch den Beweis sehen, dass er es auch im Rennen kann. Den habe ich im Sachir-Grand-Prix gekriegt. Was er im für ihn unbekannten Auto gezeigt hat, am Start, im Rennen, gegen Bottas, das war außergewöhnlich. Keine Fragen mehr!

Außer …

Wie will man es nach dem zweiten Bahrain-Rennen noch rechtfertigen, dass Russell nächstes Jahr wieder im Williams sitzen und Perez komplett zuschauen muss?

Beide dürften letzte Nacht gut geschlafen haben, denn sie haben bewiesen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Und wenn das schon nicht mit einem Topauto belohnt wird, dann doch wenigstens mit der Gewissheit, es allen gezeigt zu haben. Dafür kann man sich nichts kaufen, ein Cockpit schon zweimal nicht, aber mit sich selbst im Reinen sein. Immerhin.

Ihr
Stefan Ehlen

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Wer in der Nacht von Sonntag auf Montag gar nicht gut geschlafen hat, das erfahren Sie wie immer in der Schwesterkolumne meines Kollegen Christian Nimmervoll auf Motorsport-Total.com. Folgen sie einfach diesem Link und erfahren Sie dort, wer der große Verlierer in Sachir war!

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