Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat
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15.04.2019, 03:19

Warum Ferrari in Schanghai die Büchse der Pandora geöffnet hat und die Psycho-Spielchen zwischen Sebastian Vettel und Charles Leclerc langsam beginnen

Liebe Leser,

ganz ehrlich: Nach diesem Grand Prix von China möchte ich nicht in der Haut von Mattia Binotto stecken. Das mit dem Osterfrieden in Maranello scheint jedenfalls nichts zu werden. Auch wenn es in der Kommunikation nach außen noch ganz gut gemanagt wurde: Zwischen Superstar Sebastian Vettel und Charles Leclerc ist Feuer am Dach.

Während in Bahrain noch einigermaßen locker darüber hinweggeschaut wurde, dass sich Leclerc der Teamorder, er möge doch bitte zumindest noch zwei Runden hinter Vettel bleiben, widersetzt hat, wurde das Thema Teamorder gestern in China erstmals richtig heiß diskutiert.

So begann Leclerc mit seinem Renningenieur zu verhandeln, er ziehe doch gerade erst das Tempo an, als er die Aufforderung erhielt, Vettel durchzulassen. Und als sich Vettel rundenlang mühsam abstrampelte, ohne sich nennenswert absetzen zu können, funkte Leclerc genervt: "Und was jetzt?"

Es spricht für den Mindset eines (Formel-1-)Killers, als Newcomer bei Ferrari schon im dritten Rennen mit einer solchen Selbstverständlichkeit am Nummer-1-Status eines viermaligen Weltmeisters zu rütteln.

Was Leclerc von Massa unterscheidet

Genau das ist es, was Leclerc von den Felipe Massa dieser Welt unterscheidet. Massa, damals 24, wurde von Jean Todt 2006 ebenfalls als Nummer 2 deklariert, als er zur Scuderia kam. Er sollte ein Jahr vom großen Michael Schumacher lernen, um dann aus dessen Schatten zu treten.

So ähnlich hat man sich das wohl auch mit Vettel und Leclerc vorgestellt. Leclerc kommt zufälligerweise aus dem gleichen Team wie damals Massa (Sauber) zu Ferrari. Der Unterschied ist: Er hat den Killerinstinkt, der ihn eines Tages zum Weltmeister machen wird.

Den hatte Massa nicht. Ein Grund, warum er 2008 nur für ein paar Sekunden Champion war und nicht für ein ganzes Jahr.

 

Doch für Binotto ist das Ausnahmetalent Leclerc nicht nur Segen, sondern es wird ihm auch schlaflose Nächte bereiten. Die Idee, 2019 auf Vettel zu setzen, bringt, das zeigt sich schon im dritten Rennen, Komplikationen mit sich. Denn Vettel ist teamintern nicht so überlegen, wie das einige erwartet hatten. Und Leclerc nicht so nett und harmlos, wie er mit seinem "Babyface" aussieht.

"Good Kid": Was schwingt da als Subtext mit?

Die Psycho-Spielchen zwischen den beiden Alphatieren bei Ferrari zu beobachten, ist faszinierend. Auf der einen Seite Vettel, der Leclerc immer als "good Kid" bezeichnet, damit die gönnerhafte Vaterfigur gibt, in Wahrheit aber klare Hierarchien zwischen dem etablierten Mehrfach-Weltmeister und dem jungen Newcomer andeuten möchte. Vielleicht, das nehme ich ihm sogar ab, nur unterbewusst.

Auf der anderen Seite Leclerc, der Vettel in Schanghai zwar vorbeigelassen hat, danach aber rundenlang Vollgas gab, nur um den Ferrari-Oberen zu zeigen, dass sie einen Fehler machen, wenn sie eine Teamorder gegen ihn aussprechen.   

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Zuerst war es Vettel, der sich in der Haarnadel unter Leclercs Druck verbremste. Ein Zeichen dafür, dass die beiden kein Bummeltempo eingeschlagen haben, sondern auf der letzten Rille unterwegs waren. Wenig später verbremste sich auch Leclerc einmal. Die beiden pushen sich an ihre Limits. Das kann befruchtend sein. Aber auch gefährlich.

Vettel und Leclerc tragen diese Spielchen auf der Rennstrecke aus, überbieten sich dort gegenseitig mit Höchstleistungen. Das ist ganz im Sinne des Erfinders. Nach dem Rennen in Schanghai konnten sie sich trotzdem noch in die Augen schauen und traten gemeinsam mit Teamchef Binotto zum Pressetermin an. Von einem menschlichen Riss ist nichts zu erkennen.

Vettel ist einer, der gegnerische Leistungen gut anerkennen kann. Er sieht in Leclerc bestimmt eine Gefahr; aber womöglich auch die Chance, sich als Routinier im Kampf Alt gegen Jung durchzusetzen und somit seinen Status in der Formel-1-Geschichte weiter zu festigen.

Sind wir mal ehrlich: Der erste Ferrari-Titel gegen einen Teamkollegen Leclerc wäre sportlich um einiges mehr wert als gegen einen Teamkollegen Räikkönen. Kimi ist ein mega Typ. Aber einer, der sich im Spätherbst seiner Karriere befindet.

Erinnerungen an Prost vs. Senna bei McLaren 1988/89

Die große Herausforderung für Binotto wird nun sein, zwischen Vettel und Leclerc eine positive Stimmung aufrechtzuerhalten und die Rivalität auf der Rennstrecke zu belassen.

 

Ron Dennis gelang es bei McLaren 1988 ein ganzes Jahr lang, den Frieden zwischen Altstar Alain Prost und Newcomer Ayrton Senna zu wahren. Aber das Pulverfass explodierte, als es in Imola 1989 zu einem kleinen Missverständnis über die Vorfahrt in der ersten Kurve kam, beziehungsweise ein Gentlemen's Agreement angeblich nicht eingehalten wurde.

Die Situation damals ist jener heute bei Ferrari nicht komplett unähnlich.

Wenn sich die beiden gegenseitig anstacheln und dadurch immer schneller werden, ist das positiv. Wenn sie ihre Set-up-Daten nicht mehr teilen, wenn eine Lagerbildung unter den Mechanikern einsetzt, wenn Neid und Missgunst Überhand nehmen, dann wird die Situation kontraproduktiv.

Toto Wolff glaubt, dass Ferrari gestern in Schanghai die Büchse der Pandora geöffnet hat.

Ich befürchte das auch.

Christian Nimmervoll

P.S.: "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" fand jahrelang jeden Montag auf unseren Portalen Formel1.de und Motorsport-Total.com statt. 2019 ist sie umgezogen zu de.motorsport.com. Auf unseren Schwesterportalen erfahren Sie stattdessen, "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat". Das war diesmal, so befindet zumindest mein Kollege Norman Fischer, Lewis Hamilton.

 

 

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