Wie AlphaTauri das Tsunoda-"Gewitter" zähmt

Yuki Tsunoda hat in seinen ersten Formel-1-Rennen vor allem mit Schimpftiraden auf sich aufmerksam gemacht, aber auch mit Speed: So sieht es sein Renningenieur

Wie AlphaTauri das Tsunoda-"Gewitter" zähmt

Sein Talent und sein Speed sind unbestritten, doch die ersten vier Rennen der Formel-1-Saison 2021 haben auch gezeigt, dass Yuki Tsunoda noch eine Menge lernen muss. 'Motorsport-Total.com' hat mit Renningenieur Mattia Spini darüber gesprochen, wie AlphaTauri den Japaner zu einem Fahrer machen möchte, "der das erreicht, was sich das Team für ihn wünscht."

Bei seinem Formel-1-Debüt konnte Tsunoda mit seinen ersten Punkten und Platz neun in Bahrain beeindruckend. Danach kamen jedoch aus unterschiedlichen Gründen keine Zähler mehr dazu: ein Qualifying-Crash in Imola, schwierige Bedingungen in Portugal und ein technisches Problem in Barcelona.

Trotzdem sind viele der Meinung, dass Tsunoda ein Star der Zukunft ist. AlphaTauri-Teamchef Franz Tost sieht in ihm sogar einen zukünftigen Weltmeister, wenn er sich weiter so entwickeln sollte wie bisher.

Auf die Frage, wie es ist, mit einem zukünftigen Weltmeister zu arbeiten, lächelt Renningenieur Mattia Spini: "Es ist natürlich eine gute Herausforderung, dieses junge Talent in sein erstes Formel-1-Jahr zu bringen. Sein pures Talent ist für jeden sichtbar. Er ist in der Lage, schnelle Runden zusammenzubekommen."

"In Bahrain hat er ein schönes Überhol-Rennen gezeigt. Er hat also bewiesen, dass er in der Lage ist, sehr schöne Dinge auf der Strecke zu zeigen. Er ist natürlich jung und besitzt nicht die Erfahrung der anderen Fahrer in der Formel 1. Aber es ist unsere Aufgabe, ihn durch diese Reise und den Lernprozess zu bringen."

"Wenn Franz das sagt - und Franz hat eine Menge Erfahrung mit Fahrern -, dann heißt das, dass er etwas in Yuki sieht. Als Ingenieure sehen wir das gleiche. Natürlich hat seine Karriere aber erst begonnen. Es liegt an uns, ihm auf dieser Reise zu helfen, das zu erreichen, was sich das Team für ihn wünscht."

Doch Tsunoda stellt Spini noch vor eine andere Herausforderung als die Fahrer, mit denen er zuvor im Team aus Faenza gearbeitet hat. "Ich habe schon früher mit Rookies gearbeitet. Pierre [Gasly] ist so einer. Mit Yuki ist es aber anders. Zum einen ist er sehr jung, 21 Jahre", sagt er.

"Zum anderen hat er eine Karriere im Schnelldurchgang hingelegt. Er war ein Jahr in der Formel 3, ein Jahr in der Formel 2 und, bang, ist er in der Formel 1. Er hatte daher gar nicht die Zeit, alle verschiedenen Szenarien in den anderen Formelserien zu erleben. Er entdeckt und lernt daher noch, was auf der Strecke passiert."

Nicht die Automatismen der Erfahrenen

"Im vergangenen Jahr habe ich mit Daniil [Kwjat] gearbeitet, der eine Menge Erfahrung in der Formel 1 und bei unterschiedlichen Teams besitzt. Für einen erfahrenen Piloten sind manche Dinge einfach natürlich. Du musst sie ihnen nicht sagen. Sie wissen es. Es ist ihr Leben. Sie haben es so oft gemacht, dass es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen ist."

"Aber bei einem jungen Fahrer wie Yuki kannst du manche Dinge nicht als selbstverständlich erachten, die vielleicht für einen Piloten mit Erfahrung selbstverständlich waren", so Spini.

Yuki Tsunoda, Sebastian Vettel

Der Japaner konnte sich in Bahrain gut in Szene setzen

Foto: Motorsport Images

Im Winter konnte sich Tsunoda in Imola und Misano mit einem Toro Rosso von 2019 auf sein Formel-1-Debüt vorbereiten. "Das war für ihn und für uns hilfreich", sagt Spini. "Wir sind im Vorjahr nur einen Test gefahren, als wir noch nicht wussten, ob er unser Fahrer sein würde. In diesem Jahr kamen ein paar hinzu, und diesmal wussten wir, dass es der Beginn unserer Beziehung ist."

"Wir haben daher versucht, alle Automatismen aufzubauen, die an einem Rennwochenende selbstverständlich sind. Dinge wie die Art der Kommunikation. Wie viel wir reden, wann wir reden, worüber wir reden. All diese Dinge müssen intern geklärt werden. Für die Ingenieure und für den Fahrer, der in eine komplett andere Welt kommt."

Arbeit mit Honda hat geholfen

Dass der italienische Rennstall schon seit einigen Jahren einen japanischen Motorenhersteller hat, habe Spini dabei geholfen, einen guten Start mit Tsunoda zu haben: "Wenn man jahrelang mit ihnen arbeitet, lernt man ihre Kultur ein wenig kennen und weiß, wie man mit ihnen umgehen muss. Das hat mir auch mit Yuki geholfen, weil die japanische Kultur manchmal komplett anders ist als die europäische."

"Das heißt nicht, dass sie gut oder schlecht ist. Sie ist einfach anders, und daran musst du dich anpassen. Wir müssen nämlich die Message übermitteln."

"Zum Beispiel: Sie sind eher der visuelle Typ. Häufig malen oder schreiben wir Dinge auf, damit es für sie klarer ist. Und so war es auch mit Yuki. Das ist aber ein fortwährender Prozess. Das hört nie auf. Die Arbeit mit den Leuten von Honda war aber gut, um die Kultur ein bisschen besser kennenzulernen und eine bessere Interaktion mit Yuki zu haben."

Gewitter im Kopf

Wer Tsunoda in den Nachwuchsserien verfolgt hat, der wusste, dass er am Funk schon gerne einmal forsch werden kann. Schon im ersten Training von Bahrain bekam die Formel-1-Welt einen Geschmack, als der Fahrer aus Sagamihara auf einer seiner Push-Runden in den Verkehr geriet. Tsunoda gab später zu, dass Fluchen sein Schwachpunkt sei, da es ihn ablenken kann.

"Daran arbeiten wir natürlich mit ihm, aber das ist normal für seinen Charakter, wenn er am Funk etwas Dampf ablassen kann", sagt Spini. "Aber natürlich hilft das seinem Fokus nicht. Und es hilft auch unserem Fokus in der Ingenieursgruppe nicht."

 

"Wir ignorieren dann den Teil der Message und ziehen nur den wichtigen Teil, das Relevante, heraus, geben das weiter und denken über die nächsten Schritte nach."

"Außerhalb des Autos setzen wir uns aber hin und versuchen das zu analysieren. Wir sagen: 'Warum warst du so sauer?' 'Weil ich Verkehr hatte.' 'Okay, das nächste Mal im Verkehr können wir dies und das tun.' Wir versuchen mit ihm zusammenzuarbeiten, damit er solche Situationen, die in der Formel 1 und im Motorsport häufiger auftauchen, besser managt. Das ist Teil der Reise."

Ausdruck des Ehrgeizes

Spini gibt zu, dass er zunächst überrascht war, als er mit einem schimpfenden Tsunoda konfrontiert war: "Du siehst diesen netten jungen Mann, der spielt und Witze reißt und außerhalb des Autos sehr entspannt ist. Und dann setzt er den Helm auf und wird einfach zur Furie. Er ist ein Gewitter im Auto. Da bist du das erste Mal schon überrascht."

 

"Aber du lernst ihn kennen und weißt, was los ist. Er will unbedingt das Ergebnis holen, alles ordentlich machen und jedes Mal eine schöne Session haben. Diese Funksprüche sind einfach ein Ausdruck seiner Gefühle und seines Ehrgeizes. Und wenn etwas zwischen ihn und das Ergebnis kommt, dann ist er frustriert. Und das teilt er dann über Funk mit."

Man kann sich vorstellen, dass das Gebrülle und Gefluche frustrierend zu hören sein kann, aber laut Spini sind Renningenieure daran gewöhnt. Zudem sei es für einen Fahrer immer frustrierend, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. "Es ist meine Aufgabe, sie wieder auf den richtigen Weg und in die richtige Einstellung zu bringen. Das ist völlig normal."

Starkes Auftakt

Nachdem Tsunoda in Bahrain über die Ziellinie gefahren war, hatte Spini am Funk zu ihm gesagt: "Wir werden in diesem Jahr eine Menge Spaß haben." Der Italiener hofft, dass AlphaTauri "früher oder später sehr gute Ergebnisse mit ihm haben wird."

"Am beeindruckendsten waren bislang seine Überholmanöver in Bahrain. Ich war beeindruckt, weil er das Auto einfach reingeworfen hat, ohne darüber nachzudenken, während er mit dem Auto vor ihm gekämpft hat. Meistens war er dabei erfolgreich. Das war beeindruckend, vor allem für einen Rookie. Darum habe ich das am Ende des Rennens gesagt."

"Außerhalb des Autos ist er natürlich entschlossen, sich den Preis zu holen und besser und besser zu werden und gute Ergebnisse einzufahren. Er hat im Moment die richtige Einstellung. Ich bin sicher, dass wir besser werden. Hoffentlich bald."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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