Wie ein Dakar-Truck Lewis Hamilton zur Formel-1-Titelverteidigung verhilft

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Wie ein Dakar-Truck Lewis Hamilton zur Formel-1-Titelverteidigung verhilft
07.03.2016, 19:13

Welche Gemeinsamkeiten es zwischen der Rallye Dakar und der Formel 1 gibt und welche Rolle der Mineralölkonzern Petronas in diesem Zusammenhang spielt.

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid
#501 Iveco: Gerard de Rooy, Moises Torrallardona, Darek Rodewald
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid
#501 Iveco: Gerard de Rooy, Moises Torrallardona, Darek Rodewald
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid
#501 Iveco: Gerard de Rooy, Moises Torrallardona, Darek Rodewald
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid mit Flow-vis-Farbe auf der Motorabdeckung
Gerard de Rooy
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 Team W07
Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid
Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Auf den ersten Blick ist die Hightech-Welt der Formel 1 Lichtjahre entfernt von der Welt der Rallye Dakar. Wie also kann der beim Wüstenklassiker in Südamerika siegreiche Truck irgendetwas mit dem Erfolg des Formel-1-Teams von Mercedes zu tun haben?

Wo liegen Gemeinsamkeiten zwischen dem Iveco von Gerard de Rooy und dem technisch extrem komplizierten Formel-1-Boliden, der von Lewis Hamilton zum WM-Titel pilotiert wurde? Die kurze Antwort darauf: Motorleistung. Beide Fahrzeuge produzieren rund 900 PS.

Der Formel-1-Bolide von Mercedes wird von einem V6-Turbo-Benzinmotor angetrieben. Es handelt sich um einen Hybrid mit zwei Elektromotoren. Im Gegensatz dazu bezieht der Iveco dieselbe Motorleistung aus einem Powerstar Strator Torpedo, einem Turbodiesel-Motor mit 12,9 Liter Hubraum.

Die zweite Gemeinsamkeit neben der Motorleistung ist die Verwendung von Kraftstoffen und Schmiermitteln von Petronas. Der Mineralölkonzern aus Malaysia ist nicht nur Sponsor beider Teams. Als Exklusivpartner auf einem Gebiet, das sowohl Zuverlässigkeit als auch Performance bestimmt, spielt Petronas eine entscheidende Rolle.

Forschung & Entwicklung

Im Forschungs- und Entwicklungszentrum von Petronas in Moskau tüfteln erfahrene Ingenieure an Kraftstoffen, Schmiermitteln und Additiven, die den extremsten Belastungen des Motorsports Stand halten.

Im Labor des von Andrew Holmes geleiteten Betriebs befassen sich die Ingenieure sowohl mit den Produkten, die in der Wüste Südamerikas zum Einsatz kommen, als auch mit jenen, die in Monza eingesetzt werden. Im dortigen Geschwindigkeitstempel der Formel 1 liegt der Vollgasanteil pro Runde bei 67 Prozent. Die Höchstgeschwindigkeit geht über die Marke von 350 km/h hinaus.

Die komplexe Verbindung zwischen Chemie und maßgeschneiderter Ingenieurswissenschaft wird von Andrea Dolfi koordiniert, wobei ein spezieller Weg verfolgt wird. „Unsere Methodik und unser fachgebietsübergreifender Einsatz von Wissen erlaubt es uns, die besten technischen Lösungen sowohl für die Straße als auch für die extremsten Bedingungen zu entwickeln“, so Dolfi.

„Basierend auf einer stetigen Dynamik unseres Wissens hinsichtlich der Rezepturen sind wir in der Lage, Berührungspunkte zwischen den beiden Welten zu finden. Das heißt, wir finden Gemeinsamkeiten zwischen dem Transfer von Strecke zu Straße – in diesem Fall die Formel 1 – und dem Transfer von Straße zu Strecke – in diesem Fall die Dakar.“

Dakar: Rallye unter extremen Bedingungen

Gerard de Rooy gewann in diesem Jahr zum zweiten Mal die Rallye Dakar. Mit seinem Iveco Powerstar dominierte der 35-jährige Niederländer die durch Argentinien und Bolivien führende Rallye. Die Route wurde anfangs als zu einfach angesehen, erwies sich aber im Verlauf der zweiten Woche als extrem herausfordernd.

Die schwierigsten Prüfungen führten die Teilnehmer auf eine Höhe von mehr als 5.000 Meter über dem Meeresspiegel hinauf – und das in Verbindung mit untragbaren Temperaturen. „Im Cockpit hatten wir fast 60 Grad Celsius. Die Lufttemperatur lag bei 50 Grad Celsius. Bei diesen Bedingungen fiel das Atmen schwer und es war nicht einfach, die Konzentration aufrecht zu erhalten“, sagt de Rooy und fügt hinzu: „Man stelle sich vor, was erst die Motoren bei diesen Bedingungen aushalten müssen.“

In großer Höhe über dem Meeresspiegel ist die Luft extrem dünn. Der damit einhergehende Leistungsverlust der Motoren wird auf 40 Prozent geschätzt. Das sind bei einer Motorleistung von 900 PS mal eben 360 PS, die verlorengehen...

„Neben dem signifikanten Performance-Verlust steht dem Motor auch weniger Kühlluft zur Verfügung. Hinzu kommen die Büsche und Sträucher, die den Kühler beschädigen können“, weiß de Rooy und berichtet von einem Zwischenfall: „Einmal kollabierte das Kühlsystem. Als das passierte, hätten wir anhalten und es reinigen sollen, doch wir wollten nicht anhalten, um unseren Vorsprung nicht zu gefährden. Also schaltete die Elektronik in den Sicherheitsmodus um und wir mussten langsamer fahren.“

„Der Motor überhitzte und es bestand die Gefahr, dass der Sechszylinder eingehen würde. Dank der Schmiermittel von Petronas Urania gelang es uns aber, den Sieg nach Hause zu fahren. Das sind die Momente, in denen die Forscher von Petronas einen großen Anteil am Erfolg haben“, so der Sieger der Rallye Dakar 2016 in der Truck-Wertung.

Für Straßenfahrzeuge hat Petronas das niederviskose Schmiermittel vom Typ Urania Next 0W-20 entwickelt. In die Zusammenstellung floss einerseits die Erfahrung ein, die das Iveco-Team rund um Gerard de Rooy bei der Dakar gesammelt hat. Andererseits bediente man sich des Wissens der Zusammenstellung spezieller Kühl- und Kraftübertragungsflüssigkeiten im Motorsport.

Wie der Transfer in Richtung Formel 1 funktioniert

Das in der Wüstenhitze Südamerikas erlangte Wissen kommt auch der Formel 1 zugute. So entwickelten die Petronas-Ingenieure in Moskau im vergangenen Jahr eine neue Rezeptur für eine Flüssigkeit, die es dem Mercedes-Team erlaubt, die Performance seines Hybridsystems zu steigern.

Den Ingenieuren in der Mercedes-Motorenabteilung in Brixworth ist es gelungen, die Temperatur des Energierückgewinnungssystems (ERS) so zu kontrollieren, dass sich die MGU-H – der Elektromotor, der von der Hitze des Turboladers angetrieben wird – schneller dreht.

Petronas beliefert Mercedes für den Einsatz in den Formel-1-Silberpfeilen mit fünf Flüssigkeiten: Sprit, Motorenöl, Kühlflüssigkeit für den Motor, Wärmeaustauschflüssigkeit für das ERS und Kühlflüssigkeit für das ERS.

2014, im ersten Jahr des aktuellen Hybridmotoren-Reglements der Formel 1, sorgte Petronas für Aufsehen, indem man dem Mercedes-Team zu einem Vorsprung von 0,3 Sekunden pro Runde verhalf. Mercedes-Motorenchef Andy Cowell stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass die Effizienz der Antriebseinheit auf 45 Prozent gesteigert wurde, nachdem sie in der Saison 2013 beim 2,4-Liter-V8-Saugmotor nicht über den Wert von 34 Prozent hinausgekommen war.

Im Verlauf von zwei Jahren intensiver Forschung auf dem Gebiet der Hybridtechnik ist in Sachen Effizienz ein riesiger Sprung gelungen. Dieser hat zum einen eine deutlich bessere Performance, zum anderen einen Rückgang des Verbrauchs und der Emissionen zur Folge.

Das Ziel, den Effizienzgrad eines Formel-1-Motors auf 50 Prozent zu bringen, ist mittlerweile kein Traum mehr. Für die Saison 2016 hat Petronas neue Rezepturen für Kraftstoff und Schmiermittel entwickelt. Damit soll es möglich sein, dieses ehrgeizige Ziel, das einst als übernatürlich galt, zu erreichen.

„Die ersten Tests auf dem Prüfstand verliefen äußerst vielversprechend“, sagt Giuseppe D'Arrigo, internationaler Geschäftsführer von Petronas, gegenüber Motorsport.com. „Wir glauben, dass wir weiterhin einen Vorsprung haben – sowohl hinsichtlich des Kraftstoffs als auch hinsichtlich der im Zusammenspiel mit der Hybridtechnik zum Einsatz kommenden Flüssigkeiten. Diese werden es Mercedes ermöglichen, die Position an der Spitze des Feldes zu verteidigen.“

Die Wintertestfahrten in Barcelona schienen diesen Eindruck bereits zu bestätigen.

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