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Persönlicher Nachruf: So war Anthoine Hubert (1996-2019)

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Persönlicher Nachruf: So war Anthoine Hubert (1996-2019)
Autor:
Co-Autor: Christian Nimmervoll
01.09.2019, 08:32

Unser Formel-2-Reporter Jack Benyon kannte Anthoine Hubert als immer lächelnden Zeitgenossen, der seinen Erfolg im Motorsport mit harter Arbeit erzwingen musste

Anthoine Hubert stand in seiner Rennfahrer-Karriere unmittelbar vor dem Durchbruch. Mit starken Leistungen in den vergangenen eineinhalb Jahren erzwang er es regelrecht, von der Branche als zukünftiger Formel-1-Fahrer ernstgenommen zu werden. Aber dann kam Spa.

"Wir haben ein riesiges Talent verloren", sagt eine Person, die ihm nahestand, nach der Tragödie. Aber Hubert war so viel mehr als nur ein Motorsport-Talent.

Hubert war ein geselliger Zeitgenosse. Lief man ihm im Paddock über den Weg, grüßte er sofort: "Hey, Mate!" Stets gekoppelt an ein freundliches Lächeln, und, mit seiner charakteristischen schwarzen Brille, immer für einen Witz zu haben.

Selbst wenn er zu gestresst war für einen kurzen Plausch, lief er nie ganz wortlos an einem vorüber. Noch am Samstag, als er mit seinem Fahrrad an mir vorbeidüste, steckte er seinen Arm für ein "High-Five" aus.

Immer für einen lockeren Plausch zu haben

Apropos Fahrräder: Das war das Thema meines letzten Gesprächs mit ihm. Über die Sommerpause hatte er mit Kartfahren dafür gesorgt, die Spritzigkeit nicht zu verlieren. Daneben nahm er an einem Trainingscamp des Renault-Nachwuchskaders teil. 705 Kilometer an sechs Tagen.

Ich antwortete, dass das der Grund ist, warum ich Journalismus mehr mag als die Rennfahrerei per se! Weil ich in meinem Beruf essen kann, so viel ich will, und es mir vor dem Computerbildschirm gemütlich machen kann ...

Er scherzte, dass er mich dafür nicht verurteilt, und fragte grinsend nach, ob das nicht auch was für ihn sein könnte.

Kurz nach der offiziellen Bekanntgabe seines Todes erzielte Roberto Firmino das dritte Tor für den FC Liverpool. Die Ironie daran ist: Anthoine wäre sonst der Erste gewesen, zu dem ich gelaufen wäre, um ihm unter die Nase zu reiben, wie fantastisch mein Team ist, und dieses Jahr noch ungeschlagen.

Liverpool hatte seine Heimatstadt Lyon in einem Vorbereitungsspiel geschlagen, und Fußball war immer ein Gesprächsthema zwischen uns.

Anthoine Hubert

Anthoine Hubert durchfährt die legendäre Senke Eau Rouge in Spa

Foto: LAT

Auch wenn er im Paddock für seine ansteckende Freundlichkeit bekannt war: War das Visier einmal runtergeklappt, hielt man ihm ein Diktiergerät vor die Nase oder saß er in einem Meeting mit seinem Ingenieur, war das Lächeln mit einem Schlag weg und wich einer Ernsthaftigkeit in seinen Augen. Niemand konnte ihm seine Entschlossenheit in Abrede stellen.

Hubert wurde schon in sehr jungen Jahren in den Motorsport eingeführt. Sein Vater Francois fuhr auf Klubsport-Ebene französische Rallyes, mit überschaubarem Erfolg. Aber Anthoine wurde so vom Motorsport-Virus infiziert und stieg in den FIA-Kartsport ein.

2013: Erste Saison im Rennauto, erster Titel

Gleich in seinem ersten Jahr in einem richtigen Rennauto holte er den Titel: 2013 in der Französischen Formel 4. Auf dem Weg zur Meisterschaft bezwang er Jules Gounon, Sieger der 24 Stunden von Spa und GT-Masters-Champion. Unter anderem.

Es folgten zwei Jahre im Formel-Renault-Eurocup, mit Siegen im Jahr 2015, das er als Fünfter der Gesamtwertung beendete. 2016 war dann ein enttäuschendes Jahr bei Van Amersfoort in der Formel 3. Er beendete die Meisterschaft als Achter, wurde aber teamintern von Callum Ilott geschlagen.

2017 stieg er zum ART-Team in die GP3 um. Zwar schaffte das erfolgreiche Nachwuchsteam einen Vierfachsieg in der Meisterschaft - aber Hubert wurde hinter George Russell, Jack Aitken und Nirei Fukuzumi nur Vierter. Er blieb der einzige ART-Fahrer ohne Einzelsieg.

‘¿’Er hatte einen entscheidenden Punkt seiner Karriere erreicht. Bis Ende 2017 sah sein Lebenslauf nicht besonders beeindruckend aus, auch wenn er seit der Formel 4 immerhin einzelne Siege in jeder der Rennserien gefeiert hatte, in der er an den Start gegangen war.

Er hatte immer damit zu kämpfen, das nötige Budget für das nächste Jahr aufzutreiben. Als Ausrede ließ er das nie gelten. Aber natürlich hatte die Unsicherheit Auswirkungen auf seine Karriere.

2018 sollte dann ein Wendepunkt in seiner Karriere sein. Plötzlich begann er den Menschen zu zeigen, wozu er wirklich imstande ist.

Hubert blieb bei ART, seine Teamkollegen waren nun aber Ilott, Jake Hughes (ein etablierter Sieger von GP3- und Formel-3-Rennen) sowie der finanziell bestens unterstützte Russe Nikita Masepin. Hubert galt im Titelkampf als krasser Außenseiter.

Ihm gelangen 2018 nur zwei Rennsiege, aber eine ganze Reihe Faktoren dient als Beweis dafür, wie sehr er sich in jener Saison weiterentwickelt hat. Die Tage der Mittelmäßigkeit lagen nun hinter ihm, und er war eindeutig unterwegs zu seinem ersten großen Erfolg.

Auf den Spuren großer Namen

Zu den zwei Siegen kamen neun weitere Podestplätze, und das war unterm Strich genug für den bis dahin größten Erfolg seiner Karriere. Als GP3-Meister trat er in die Fußstapfen von George Russell, Charles Leclerc, Esteban Ocon und Valtteri Bottas. Er sollte der letzte Champion der Serie bleiben, schließlich ging die GP3 2019 in der reformierten Formel 3 auf.

Seine Verbindung zum Nachwuchskader des Renault-Formel-1-Teams begann beim Saisonauftakt der GP3 2018 in Barcelona. Hubert wurde dort in Aussicht gestellt, als vollwertiges Mitglied in den Nachwuchskader aufgenommen zu werden, falls er die Meisterschaft gewinnen sollte. Auch, um ihm beim Einstieg in die Formel 2 zu helfen.

Damit war klar, dass er 2018 unter Druck stehen würde. Er wusste schon Anfang 2018, dass er im GT- oder Tourenwagensport enden könnte, sollte er den GP3-Titel nicht gewinnen. Und das wäre dann das Ende seines großen Traums gewesen. Des Traums von der Formel 1.

Aber Huberts größte Stärke war seine Fähigkeit, Daten zu lesen und sich an Gegebenheiten anzupassen. Und er zeigte in der Zusammenarbeit mit seinen Ingenieuren die richtige Arbeitseinstellung.

Gemeinsam mit dem erstklassigen Team von ART erschloss er 2018 ein neues Level, ging in der Meisterschaft früh in Führung und überzeugte seine Chefs davon, dass es richtig wäre, in Sachen Titelkampf alles auf ihn zu setzen.

Der Druck muss immens gewesen sein. Doch das merkte man ihm nicht an. Im Paddock nahm er sich immer Zeit für eine kurze Unterhaltung, ein Interview oder eine Plauderei über Fußball.

Wie sehr er 2018 gewachsen war, zeigte sich, als er diese Saison zu Arden in die Formel 2 kam. Arden war 2018 Vorletzter der Teamwertung, und so waren Huberts Erwartungen für die Saison gemäßigt. Nach einer Kooperation mit HWA musste das Team zunächst neues Personal integrieren. Huberts Feedback war in diesem Prozess hilfreich.

Das machte Arden zwar nicht unmittelbar zu einem Topteam. Aber unter der Führung von Teamchef Kenny Kirwan und mit dem Personal von HWA gelangen doch signifikante Fortschritte.

Bahrain 2019: Beweis für sein Können

Doch es war Hubert, der letztendlich den Unterschied machte. Zwei Siege und ein insgesamt solider Saisonstart bedeuteten, dass er als Zweiter der Rookie-Wertung nach Spa kam, unmittelbar hinter Guan Yu Zhou, einem weiteren Renault-Junior, der bei Virtuosi für eines der besten Formel-2-Teams fährt.

Gleich das erste Rennen in Bahrain war ein Beweis dafür, wie gut sich Hubert entwickelt hatte. Er startete vom elften Platz und hatte während des Rennens keinen Boxenfunk. Die Formel-2-Reifen zu managen, ist für sich genommen schon schwierig genug. Das aber in der extremen Hitze von Bahrain ohne Ratschlag vom Team hinzubekommen, war eine außergewöhnliche Leistung gleich in seinem ersten Rennen mit Formel-2-Reifen.

Er schaffte es sogar, zum richtigen Zeitpunkt an die Box zu kommen und die Strategie wie geplant umzusetzen, obwohl ihm am Boxenfunk niemand Signale geben konnte. Letztendlich verbesserte er sich vom elften auf den sechsten Platz.

‘¿’Trotz des herausragenden Ergebnisses stellte er klar, dass er und das Team "ruhig und auf dem Boden" bleiben müssen. Typisch Anthoine! Er hätte die 24 Stunden von Le Mans und Daytona am selben Tag gewonnen können, und er hätte immer noch gefordert, konzentriert zu bleiben. "Stay focused" war wohl sein Lieblingssatz.

Der Fokus auf das Wesentliche, der Blick nach vorne, das stand für ihn immer im Vordergrund. Kaum war der Champagner getrocknet und der Pokal in Schutzfolie eingewickelt und im Team-LKW verstaut, richtete er seinen Blick schon wieder nach vorne.

In den vergangenen beiden Jahren erinnerte seine Herangehensweise stark an jene von Alain Prost. Mit dem "Professor" zusammenarbeiten zu dürfen, war für Hubert eines der Highlights, die die Förderung durch Renault mit sich brachte.

Auf dem Weg zu seinem GP3-Titel mag er nur zwei Rennen gewonnen haben. Er schaffte es aber beständig, Wochenende für Wochenende das bestmögliche Resultat zu holen. Nur ein einziges Mal sammelte er keine Punkte: als er am Red-Bull-Ring von Masepin abgeschossen wurde.

Immer dankbar für lebenswichtige Berichterstattung

Während der Sommerpause schrieb ich für die englischsprachigen Editionen des Motorsport Networks ein Feature: "Renaults klammer Junior, den jedes Formel-2-Team haben will". Der Beitrag wurde ohne Paywall veröffentlicht, um ihn einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Nach der Veröffentlichung schickte er mir eine Nachricht: "Netter Artikel. Danke, Kumpel!"

Es ist dieser Tage selten geworden, dass sich Fahrer nach einer Story persönlich melden. Aber Anthoine war für jede Berichterstattung dankbar.

Anthoine Hubert

Ausgelassener Jubel nach dem Sieg im Formel-2-Rennen in Monte Carlo 2019

Foto: LAT

So sehr, dass er nach besagtem Artikel wissen wollte, wie hoch meine Provision für seinen nächsten Deal sein soll! Ich bedankte mich artig, lehnte aber ab und verwies stattdessen darauf, dass ich viel lieber als Erster wissen möchte, wohin seine Reise geht.

Es bricht mir das Herz, dass es diesen nächsten Wechsel nicht geben wird.

Huberts Form bei ART und Arden 2018 und 2019, kombiniert mit seinem Auge für Details und seiner einmaligen Arbeitseinstellung führten dazu, dass er als einer der Shooting-Stars gehandelt wurde und bei den Teams für 2020 heiß begehrt war. Auch bei Arden, wo man hoffte, ihn für ein weiteres gemeinsames Jahr zu verpflichten.

In Rennserien wie der GP3 oder der Formel 2, in denen die Trainingszeit so limitiert ist, sind die Arbeitseinstellung und das Auge für Details ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Und ein Grund für seine Steigerung in den vergangenen eineinhalb Jahren.

In der Formel 2 kannst du es dir nicht leisten, zu einem Wochenende zu kommen und zwei Tage lang am Set-up zu feilen. Nach einem Freien Training steigt direkt das Qualifying. Mit weicheren Reifen und veränderten Streckenbedingungen.

Huberts Fähigkeit, Informationen aus den Rohdaten zu filtern und eng mit seinen Ingenieuren zu arbeiten, führte dazu, dass er in der Regel schnell auf Tempo kam und danach rasch Fortschritte machte.

Im Kreis der Familie: So war Hubert am glücklichsten

Er war so ein intelligenter Fahrer. Vielleicht nicht immer der schnellste. Aber seine Fähigkeit, dem auf den Grund zu gehen, warum das Auto was macht, und mit dem Team an Lösungen zu arbeiten, das unterschied ihn von vielen anderen Fahrern.

Renault war mit seinen Leistungen zufrieden. Die Formel 1 war für 2020 noch weit weg. Aber mit einer dritten starken Saison hätte er sich bestimmt für einen Aufstieg in die Formel 1 ins Gespräch bringen können. Und selbst wenn er die Königsklasse nie erreicht hätte, bestand kein Zweifel daran, dass vor ihm eine erfolgreiche Profi-Karriere im internationalen Motorsport liegen würde.

Hubert hat in seiner viel zu kurzen Karriere viel erreicht. Nicht zuletzt den Titel in der GP3. Aber am glücklichsten war er 2018 in Silverstone.

Als der Druck, den GP3-Titel zu gewinnen, am größten war, feierte er dort am Geburtstag seines Großvaters einen wichtigen Sieg. Am gleichen Tag machte sein Bruder seinen Abschluss, und Frankreich dürfte ein Match bei der Fußball-WM gewonnen haben.

Anthoine stellte sicher, dass das an niemandem vorbeiging. Er war an jenem Wochenende so voller Freude, dass er das sogar in seiner Saisonbilanz als Highlight angab.

Am glücklichsten war er immer im Kreis seiner Familie. Sein Vater Francois und sein Bruder Victhor begleiteten ihn zu fast allen Rennen. Sie leiden am meisten unter dem Verlust eines so warmherzigen Menschen, wie es sie in dieser Welt nur noch so selten gibt. Ein entschlossener, gründlicher, intelligenter, bescheidener und talentierter junger Mann, der nie ersetzt werden kann.

Ruhe in Frieden, Anthoine.

Dein

Jack Benyon

Mit Bildmaterial von LAT.

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Rennserie Formel 2
Event Spa
Subevent 2. Rennen
Autor Jack Benyon