Sophia Flörsch: Kämpfen wie eine Löwin beim Debüt in der Formel 4

In ihrer ersten Kolumne für Motorsport.com blickt Nachwuchsrennfahrerin Sophia Flörsch auf ihr erstes Wochenende in der Formel 4 in Oschersleben zurück.

Liebe Freunde von Motorsport.com,

das Wochenende hat am Freitag gut angefangen: Mit den Plätzen vier und acht in den zwei freien Trainings im Nassen war ich sehr zufrieden. Ich hatte 20 Minuten auf Platz eins gelegen, bis ich meine Regenreifen wechseln musste, um sie fürs Rennen anzufahren. Das gab richtig Motivation!

Mir fiel auch ein Stein vom Herzen, dass meine Sehnenscheidenentzündung sich beim Fahren nicht sehr schmerzhaft bemerkbar machte. Nach zwei Wochen Gipsschiene war ich nämlich mit einem Stützverband nach Oschersleben gereist.

Unser Zeittraining war Freitagnachmittag. Aufgeteilt in zwei Gruppen, Gruppe A und Gruppe B. Ich war ein wenig nervös, als ich ins Auto einstieg. Es war immerhin mein erstes Formel-Zeittraining überhaupt und die Strecke war nach Regen am Vormittag abgetrocknet. Während die Gruppe A fuhr, saß ich in meinem Auto und ging alle meine Bremspunkte, Einlenkpunkte, Scheitelpunkte, und, und, und im Kopf durch.

Mein Team Motopark war sehr zuversichtlich, mein Renningenieur Dennis machte mir Mut. Als ich an die Box fuhr, lag ich auf Platz vier. Leider waren aber in der letzten Minute noch zwei Piloten schneller. Das Zeittraining beendete ich daher auf Platz sechs in meiner Gruppe und Platz zwölf insgesamt. Naja, ganz gut. Eine noch bessere Position wäre schöner gewesen, aber für mein erstes Formel-4-Qualifying war ich happy.

Bildergalerie: Sophia Flörsch

Meine Freude war groß, als ich erst am Abend erfuhr, dass ich für das zweite Rennen sogar den dritten Platz meiner Gruppe erreicht hatte. Hier wird die zweitschnellste Rundenzeit der Fahrer im Zeittraining herangezogen. Platz sechs im zweiten Rennen. Wow! Einige Plätze vor Mick – auch gut. „Alles ist möglich“, getreu meinem Motto „I will“.

Unter Beobachtung: Die Sponsoren sind da!

Am Samstag hatten wir nur ein Rennen am Nachmittag. Die Geschäftsführer meiner Hauptsponsoren „Hüsges – Die Gutachter“ und „Instamotion“ waren persönlich mit Geschäftspartnern angereist, um mein erstes Formel-4-Rennen zu beobachten. Da lastet dann schon ein wenig mehr Druck auf den Schultern. Ich will tun, was ich versprochen habe, nämlich Rennen „powered by passion“ zeigen. Sogar aus England waren Fans angereist, um mich in Oschersleben zu unterstützen!

Deshalb stieg meine Nervosität schon ein wenig an. Als wir das Auto in die Startaufstellung schoben, war es noch trocken, aber es waren schwarze Wolken am Himmel zu sehen. In dem Moment, als wir losfuhren, fing es an zu regnen. Nach der Einführungsrunde wurde dann „Wet Race“ angezeigt. Das bedeutet, jedes Team und jeder Fahrer durften entscheiden, ob man mit Slicks oder Regenreifen weiterfährt. Mein Ingenieur Dennis und ich entschieden uns für Regenreifen, da die Strecke nass war. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht mehr so aufgeregt wie in der Stunde vor dem Rennen.

Das Rennen wurde hinter dem Safety-Car gestartet. Im Rennen wollte ich nicht zu viel riskieren, sondern Erfahrung sammeln und ohne Risiko ins Ziel kommen. Klar, die Top 10 waren absolut mein Ziel, schon aufgrund der umgekehrten Startaufstellung fürs letzte Rennen. Das klappte ganz gut, am Ende fuhr ich als Neunte ins Ziel. Ehrlich, mein erstes Formel-4-Rennen habe ich richtig genossen!

Rookie oder nicht Rookie? Das ist hier die Frage!

Eigentlich bin ich der beste Rookie. Aber der Veranstalter führt mich nicht als Rookie, weil ich 2015 schon in der Ginetta-Rennserie in England gefahren war. Darüber habe ich mich sehr geärgert, weil ich die jüngste Pilotin im gesamten Fahrerfeld bin. Andere 18 Jahre alte Fahrer sind Rookies. Und auch Fahrer, die heuer schon in Neuseeland oder Italien Formel-4-Rennen gefahren sind. Die Jungs haben doch wesentlich mehr Erfahrung als ich! Die haben schon einen Führerschein! Ich aber musste vor zwei Wochen noch eine Lizenzprüfung des DMSB ablegen.

Mein Team war sehr zufrieden mit meiner Leistung, da es mein erstes Formelrennen gewesen war und die Bedingungen es nicht einfach gemacht hatten. Schön, wenn man nach einem Rennen spürt, dass viele Fans die Leistung geschätzt haben: Am Samstagnachmittag durfte ich über 100 Autogrammkarten verteilen!

 

Mein zweites Rennen war Sonntagmorgen. Startplatz sechs. Die Podiumsplätze in Sichtweite. Dieses Mal war die Fahrbahn trocken, nur die rechte Startreihe war nass, was der Grund war, warum wieder hinter dem Safety-Car gestartet wurde. Um ehrlich zu sein, war ich gar nicht mehr nervös. Teamchef Timo, Dennis und Mechaniker Igor redeten mir zu, dass ich entspannt ins Rennen gehen und mir keinen Druck machen solle. Mein Ziel „Top 10“ hatte ich ja schon im ersten Rennen erreicht.

Zu viel Übermut bei der Konkurrenz

Natürlich setzt man sich als Sportler immer gewisse Ziele, und mein Ziel war, hier und in diesem Rennen auf jeden Fall unter die Top 5 zu kommen. Mein Start war in Ordnung und ich konnte meine Position halten. Das Auto fühlte sich sehr gut an und auf meinen Vordermann fehlte mir nicht viel. Nur leider wurde ich in Runde fünf abgeschossen. Das Rennen war vorbei. Es waren noch 13 Minuten zu fahren, der Speed war da und es hätte locker für die Top 5 gereicht…

Auf dem Rückweg zu Fuß zur Box nahm ich den Helm lieber nicht ab. War ich sauer! Nach dem Rennen haben mich Dennis und die Teammitglieder beruhigt. Mein Teamchef ging mit mir zu den Stewards. Dort sah mein Gegner ein, dass er schuld gewesen war, und wurde für den Unfall bestraft. Natürlich half mir das im Nachhinein nicht mehr, aber ich schaute nach vorne und konzentrierte mich auf das letzte Rennen. Das Highlight: erste Startreihe. Platz zwei. Dort hatte 2015 auch Mick gestanden. Und er hatte das Rennen gewonnen!

Das letzte Rennen startete bei trockener Fahrbahn. Es waren viele Augen und Kameras auf mich gerichtet. Dabei war es mein allererster Formelstart auf Slicks mit der Rennampel. Dazu hatte ich schon den ein oder anderen Gedanken vor dem Rennen. Egal, wird schon klappen!

Trotz der Aufregung hatte ich einen guten Start – perfekt war er nicht, aber mit später Bremse konnte ich meine Position verteidigen. Wow! Ich fahre auf Platz zwei! Vollgas!

Ohne Heckflügel auf den fünften Platz

Nach ein paar Runden führte ich auf einmal sogar kurz das Rennen an, womit ich Geschichte schrieb: die erste Frau auf Platz eins in der Formel 4! Am Ende der Start-Ziel-Geraden überholte mich Mick. Mein Rückspiegel war verrutscht und ich hatte viel zu spät gesehen, wie nah er war. Deshalb ließ ich schon beim Anbremsen und Einlenken genug Platz. Keinen Unfall riskieren. An Mick wollte ich dranbleiben, aber sein Auto und er waren verdammt schnell! Rasch war sein Windschatten verloren.

Ein paar Runden später kam Joey Mawson. Ein zweites Mal wollte ich es nicht so leicht machen. Da ich mich mit Joey außerhalb des Rennwagens gut verstehe, wusste ich, dass er ein fairer Rennfahrer ist und nur saubere Manöver versucht. Es dauerte einige Runden, dann nutzte er blitzschnell die Gelegenheit. Mist! Ich spürte, wie langsam meine Reifen abbauten. Bis zur letzten Runde lag ich auf Platz drei. Dann hatte ich wieder Pech: Van Uitiert wollte in Kurve 2 über die Grasnarbe an mir vorbei. Er kam ins Untersteuern und rutschte mir ins Heck. Zack! Umgedreht! Heckflügel ab, und ich drehte mich.

 

Zum Glück war zu den Verfolgern eine ziemliche Lücke. Schnell den ersten Gang rein, aufs Gas und weiter! Ein Neuhauser-Auto flutschte mit Schwung vorbei. Dann war auch mein Speed wieder da. Dass mein Auto kaputt war und der Heckflügel fehlte, habe ich in der nächsten Kurve gemerkt, als es einfach rutschte und nicht mehr das machte, was ich wollte. Aber so einfach aufgeben und überholt werden, das wollte ich nicht. Mit drei Messern quer beendete ich das Rennen als Fünfte.

Ich war wütend und glücklich zugleich. Auf der einen Seite war ich zufrieden mit Platz fünf. Das erste Formel-4-Wochenende! Andererseits war ich die ganze Zeit Dritte gewesen. Und dann in der letzten Runde abgeschossen zu werden, war einfach nur unnötig. Der Streckensprecher meinte im TV, dass ich kämpfen würde wie eine Löwin. Viele Presseleute kamen nach dem Rennen auf mich zu und lobten mich für meinen Kampfgeist.

Schnell, aber glücklos

Das ganze Wochenende war super, aber auch enttäuschend. Ich bin echt froh, dass ich zeigen konnte, wie schnell ich sein kann und wie sehr ich den Kampf auf der Rennstrecke liebe. Rennfahren ist deshalb so einmalig. Das liebe ich!

Mein Team, meine Sponsoren und alle, die mich unterstützt haben, waren mit meiner Leistung sehr zufrieden. Motopark und ich haben gezeigt, dass wir sehr schnell sind und die Pace haben, um unter die Top 3 zu fahren. Unsere Zeit wird in dieser Saison kommen. Hundertprozentig. Ich bin bereit!

Jeden erwischt das Pech mal beim Motorsport und dieses Wochenende hat es mich zwei Mal erwischt. Das reicht für 2016. Nach vorne schauen und Konzentration auf das nächste Rennen am Sachsenring in zwei Wochen!

Drückt mir die Daumen!

Eure
Sophia

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 4
Veranstaltung F4 Germany: Oschersleben
Rennstrecke Oschersleben
Fahrer Sophia Flörsch
Teams Motopark Academy
Artikelsorte Kolumne
Tags formel 4, kolumne, oschersleben