Sophia Flörsch: Mein Auto fühlte sich an wie auf Erbsen

Das Wochenende am Lausitzring war für Sophia Flörsch zum Vergessen. In ihrer Kolumne lässt die Formel-4-Fahrerin die drei Tage noch einmal Revue passieren.

Liebe Freunde von Motorsport.com,

die dritte Veranstaltung mit den Rennen sieben, acht und neun der Formel 4 fand im Rahmen des „Motorsport-Festivals“ mit DTM und GT-Masters am Lausitzring statt. Für dieses Wochenende hatte ich mir nach zwei sehr schnellen Testtagen viel vorgenommen: Mein Ziel war ganz klar ein Podiumsplatz! Mein Rennwagen Hugo wurde vom Team extra herausgeputzt – neue Sponsorenaufkleber und neue Farbstreifen.

Das freie Training am Freitag begann gut. Ich war als einer der wenigen Fahrer mit gebrauchten Reifen unterwegs. Die Pace war okay und ich war lange Zeit in den Top 5. Bei Halbzeit wechselten viele Piloten auf einen weiteren neuen Satz Reifen und wir montierten den ersten neuen Satz Slicks. Leider hatte ich genau dann in meiner schnellsten Runde Verkehr, verlor dadurch zwei bis drei Zehntel. Letztlich war es dann Platz zehn.

Nach dem Training hieß es Daten und Video auswerten, Fehler analysieren und sich aufs Quali vorbereiten. Aufgrund der Starterzahl von 38 Piloten sollte das Zeittraining in zwei Gruppen stattfinden. Das Los brachte mich in Gruppe A und mit Blick auf die Zeiten des freien Trainings empfand die Zusammenstellung der Gruppe A als lösbare Aufgabe.

Bildergalerie: Formel 4 Lausitzring

Das Ende kann ich leider kurzfassen: Mit gutem Gefühl gestartet, mit einem schlechten Ergebnis rausgekomen. Es reichte nur für Platz acht in meiner Gruppe. Damit war ich überhaupt nicht zufrieden. Ich lag lange Zeit auf Platz 4, kämpfte aber mit Untersteuern.

Zum Stopp an die Box und nochmals zwei neue Reifen geholt. Immer noch heftiges Untersteuern. Mist. So läuft es nicht optimal. Bis zur letzten Runde war ich auf Platz 6, dann waren aber zwei andere schneller als ich. Somit war ich insgesamt nur 16. Auch die zweitschnellste Runde – ausschlaggebend für den Startplatz in Rennen zwei – brachte mich nur auf Platz 16. Diese neue Realität enttäuschte mich sehr.

So ging der Freitagabend damit zu Ende, dass mein Team und ich die Ursache für den Rückstand zu finden versuchten. Womöglich lag es am unterschiedlichen Grip-Niveau der Strecke, denn mit DTM und IDM nutzten Reifentypen den Kurs, von denen keine Erfahrungswerte vorlagen. Für mich hieß es „Kopf hoch“ und versuchen, es morgen in den Rennen besser zu machen.

Massencrash ruiniert alle Chancen

Am Samstag ging vor dem Frühstück erst einmal 45 Minuten laufen, um den Kopf für die Rennen freizubekommen. An diesem Wochenende hatten wir am Samstag zwei und am Sonntag ein Rennen und ich startete beide Male von Platz 16. Mein Ziel, ein Podiumsplatz, war da nicht mehr realistisch.

Auch, wenn ich das schlechte Quali im Kopf abhaken sollte… ganz bekommt man die verpasste Chance nicht aus den Gedanken. Was war nun möglich? Wenigstens Meisterschaftspunkte, also in die Top 10. Ja, das ist machbar! Und es wäre eine perfekte Ausgangsposition für das letzte Rennen, das ja mit umgekehrter Startaufstellung der ersten Zehn aufgestellt wird.

 

Ich hatte einen guten Start und konnte nach der ersten Kurve schon zwei Positionen gutmachen, später noch eine. Meine Bremse war spitze, ganz innen konnte ich sogar noch an zwei weiteren Fahrern vorbei. Wir gingen zu dritt in die Kurve und hatten genug Platz. Ich war ganz innen und fuhr sogar über die rote Banane (hoher Randstein, über den man im Formelauto normalerweise nicht fährt), um nicht mit dem Fahrer neben mir in Berührung zu kommen. Aber der Pilot des äußersten Autos ging wohl zu früh zu heftig aus Gas und drehte sich direkt in meinen rechten Seitenkasten hinein. Sein Flügel steckte unter beziehungsweise in meinem Seitenkasten.

Ich sah das rechts aus dem Augenwinkel. Genau in dem Moment kam ein Fahrer hinter mir auf der linken Seite vorbei, der dort aber gar keinen Platz hatte, weil ich ja schon über die rote Banane gefahren war. Da ich nach rechts schaute (was man auch auf meinem Onboard-Video später sah) konnte ich den Fahrer links nicht sehen, sodass wir uns berührten und er sich wegdrehte. Dieser Dreher war dann der Auslöser für einen Massencrash mit zehn Autos. Zwei Kurven später kam der Rennabbruch.

Für mich bedeutete der Abbruch Glück im Unglück. Auf der einen Seite war es schade, da ich schon auf Platz neun angelangt war, die Startaufstellung für den Neustart aber wieder nach der ursprünglichen Startposition aufgestellt wurde. Also wieder Platz 16. Auf der anderen Seite war es gut, da ich mit dem Schaden nicht lange hätte weiterfahren können. Mein Auto war rechts nicht mehr komplett: Seitenkasten, Kühler und Radträger defekt.

Das Team hatte zehn Minuten Zeit, alles wieder irgendwie zu befestigen. Sie schafften es glücklicherweise auch. Die Jungs sind einfach spitze! Alle, einschließlich Teamchef Timo Rumpfkeil, haben mitgeholfen und geklebt, geklopft und geschraubt was möglich war. Wegen der DTM musste der Zeitplan minutiös eingehalten werden. Deshalb wurde die Standzeit unter Rot von der Rennzeit abgezogen. Der Restart erfolgte hinter dem Safety Car, das zwei Runden draußen blieb und wir somit nur noch sechs Rennrunden zu fahren hatten. Mit meinem geklebten Hugo konnte ich mich bis auf Platz 13 nach vorne bringen.

Vor dem zweiten Rennen hatten wir eine Autogrammstunde. Es ist superschön zu sehen, wie viele Leute sich für einen begeistern und es macht immer wieder Spaß. Außerdem hatte ich nach Rennen eins nochmals ein Interview mit der ARD. Merle, eine 12-jährige Kinderreporterin des Tigerenten-Clubs des SWR begleitete mich am Samstag. Das hat echt Spaß gemacht.

In Rennen zwei startete ich wieder von Platz 16. In der dritten Kurve war ich auf der Außenbahn, verlor das Auto auf dem Reifenabrieb neben der Ideallinie aus der Kontrolle und rutschte auf die Wiese. Ich drehte mich. Deutlich hinter dem Feld konnte ich wieder weiterfahren. Wegen eines anderen Crashs kam in der nächsten Runde das Safety Car auf die Strecke, womit ich ans Ende des Feldes aufschließen konnte. Nach dieser Safety-Car-Phase gab es einige wenige Rennrunden, in denen ich mich schnell vom letzten Platz kommend bis auf Platz 20 vorkämpfen konnte. Dann, 10 Minuten vor Ende, wieder Safety Car und sogar Rennabbruch. Mit dem Dreher hatte ich mir das Rennen zerstört. Es fällt unter das Kapitel „LERNEN“, denn der schlagartige Gripverlust auf Reifenabrieb war für mich eine neue Erfahrung.

Bildergalerie: Sophia Flörsch

Am Abend gab es nochmal eine Fahrerbesprechung. Die Kommissare wiesen uns darauf hin, dass sie derart viele Unfälle nicht tolerieren. Sie werden ab sofort härter bestrafen und wenn es nicht besser wird, werden sie das Safety Car das ganze Rennen über draußen behalten und die Rennen hinter dem Safety Car beenden. Naja, unverbesserliche Crashpiloten härter zu bestrafen finde ich richtig. Aber, dass das gesamte Feld für die Fehler Einzelner bestraft werden soll, ist meiner Meinung nach falsch. Eine Rennrunde kostet enorm viel Geld und keiner meiner Sponsoren oder Fans will Safety-Car-Rennen sehen.

Mehr Rutschen statt Fahren

Unser Rennen fand am Sonntag erst um 18 Uhr statt. Das ist kein Zeitplan, der Fans, Sponsoren, Teams und Piloten Spaß macht. Wir hatten also viel Zeit zu überbrücken. Dass es 31 Grad hatte, machte es nicht einfacher. Teamzelte heizen sich auf, ich denke wir hatten dort mehr als 40 Grad. Keine angenehmen Temperaturen zum Arbeiten.

Was macht man dann so? Die Rennen anderer Serien anschauen, Autogramme schreiben, Interviews geben und in die Schulbücher schauen. Bei mir stand am Mittwoch eine Deutsch-Schulaufgabe an. Bei unserer zweiten Autogrammstunde um 12 Uhr war auch ein Junge, etwa 12 Jahre alt, der alle Fahrer auf seinen Armen unterschreiben ließ. Die waren am Ende komplett vollgeschrieben!

Am Nachmittag war das DTM-Rennen und ich wurde von der BILD Zeitung gefragt, ob ich als Expertin in der Startaufstellung interviewt werden möchte. Natürlich tat ich das sehr gerne. Es hat wirklich viel Spaß gemacht. Die Einführungsrunde und die ersten fliegenden Runden nach dem Start kommentierte ich mit. Leider erfuhr ich am nächsten Tag, dass es wegen technischer Probleme nicht gesendet werden konnte.

Um 17.00 Uhr wurde der Lausitzring von einem heftigen Gewitter heimgesucht. Es schüttete etwa 20 Minuten lang gewaltig. Im Fahrerlager standen rund fünf Zentimeter Wasser. Das vor uns gestartete Rennen der IDM wurde abgebrochen. Schnell stand fest, dass es auch nicht mehr neu gestartet werden sollte. Damit blieb unsere Startzeit unverändert bei 18:00 Uhr. Etwa 25 Minuten vor dem Rennen hörte der Regen auf.

 

Ich wickelte mir Mülltüten um die Schuhe, damit sie nicht nass werden. Es sah zwar sehr lustig aus und jeder machte entweder ein Foto oder lachte, aber es half auch, haha!

In der Einführungsrunde stand überall auf der Strecke noch viel Wasser. Wichtig war zu schauen, wo Wasserbäche oder Pfützen stehen und die Reifen warm zu fahren. Teamchef Timo und mein Ingenieur Dennis diskutierten im Funk, ob wir Regenreifen oder Slicks fahren Aber es war sehr nass. Sie blieben bei der Entscheidung, auf Regenreifen ins Rennen zu gehen. Mein Startplatz war Position 13, das Ergebnis des ersten Rennens. Wir sahen aber, dass ein paar Fahrer sich auf Slicks ins Rennen begaben. Mein Team rechnete mit einigen Safety Car Phasen, weil „nass“ gleich „schwierig“ bedeutet und die Rennen davor immer vom Safety Car dominiert wurden.

Die Kommissare starteten das Rennen hinter dem Safety Car. Für mich war das schon mal eine potentielle Überholchance weniger. Schade. Nach zwei Runden wurde der Start freigegeben. Das Rennen lief gut für mich. Nach etwa zehn Runden war ich schon auf Platz acht angelangt. Dort hing ich kurz fest. Die Strecke trocknete viel zu schnell ab, bald war nur noch an zwei Stellen Wasser, das wir nutzten, um den Regenreifen zu kühlen.

Oh mein Gott! Mit jeder Kurve merkte ich plötzlich, wie ich an Grip verlor und immer mehr rutschte. Auf einmal ging gar nichts mehr, mein Auto fühlte sich an wie auf Erbsen. Es wurde immer mehr ein Rutschen statt Fahren. Aus Kurven heraus konnte ich nicht mehr richtig beschleunigen. Dann wurde ich von einem auf Slicks gestarteten Fahrer außen auf Start-Ziel überholt. Ich wollte vor Kurve eins auf der Bremse dagegenhalten. Aber auf „meinen Erbsen“ verbremste ich mich um Zentimeter und mein Frontflügel touchierte den Gegner. Der Flügel hing weg. Es waren noch rund 5 Rennrunden zu fahren. Natürlich verlor ich dadurch noch mehr an Grip, es ging gar nichts mehr. Ich bekam die schwarz-orange Flagge gezeigt, musste also binnen drei Runden an die Box. Damit war das Rennen drei gelaufen. Ich stellte das Auto ab.

Meine Rennperformance war wirklich gut, im Nassen war ich sehr schnell und kam super nach vorne. Letztlich hatten wir uns bei der Abstimmung verspekuliert. Slicks statt Regenreifen und weniger Luftdruck wäre die Lösung gewesen. Es gab kein Safety Car. Wir lagen mit unserer Einschätzung einfach falsch. Das ist Rennsport...

Zusammenfassend war die Veranstaltung am Lausitzring gewiss nicht mein Wochenende. Schlechter kann es kaum laufen. Für mich ist es Motivation und Ansporn, noch härter zu arbeiten und zu trainieren. Mein Team und ich werden alles dafür geben, bei den nächsten Rennen in Oschersleben stärker zurück zu kommen. So einfach lassen wir uns nicht unterkriegen.

Ich freue mich darauf, alle in zwei Wochen wiederzusehen.

Vollgas!

Eure Sophia

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien Formel 4
Veranstaltung F4 Germany: Lausitzring
Rennstrecke EuroSpeedway Lausitzring
Fahrer Sophia Flörsch
Artikelsorte Kolumne
Tags formel 4, lausitzring, motosport-festival