GT1-Anekdoten: Wettessen in chinesischer Geisterstadt

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GT1-Anekdoten: Wettessen in chinesischer Geisterstadt
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17.04.2020, 14:05

Die FIA-GT1-Weltmeisterschaft produzierte auf und neben der Strecke unterhaltsame Geschichten - Eine bizarre Klassenfahrt durch China

Von den zwei China-Rennen der FIA-GT1-Weltmeisterschaft 2011 war eigentlich nur eines geplant. Doch als Curitiba absprang, nahm die SRO mit dem Goldenport Circuit in Peking ein zweites China-Rennen auf. Immer geplant hingegen war das Rennen in Ordos, das einer der bizarrsten FIA-Weltmeisterschaftsläufe aller Zeiten werden sollte.

Ordos City - beziehungsweise das Kangbashi District - ist eine der berühmtesten Geisterstädte der Welt. Als der GT1-Tross 2011 in der Inneren Mongolei (eine autonome Provinz der Volksrepublik China, die "echte" Mongolei grenzt im Norden an) ankam, trauten die Fahrer ihren Augen nicht.

Eine gigantische Stadt tat sich auf, wie man es von chinesischen Megametropolen gewohnt ist: Hochhaus an Hochhaus, beeindruckende Kunstarchitektur, riesige Straßen. Nur eines fehlte: Menschen.

Die Stadt wurde für 1,5 Millionen Einwohner errichtet, doch 2011 lebten dort nur wenige Tausend. Ordos City ist ein gigantisches Immobilien-Spekulationsobjekt mit Staatssegen. "Das war eine absolut skurrile Kulisse", sagt Marc Hennerici im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Das war noch viel extremer als bei uns in der jetzigen Coronasituation."

Fressorgie mit den exotischsten Mahlzeiten

Die chinesische Staatsführung tat dennoch alles, um den GT1-Piloten ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und wartete mit einem prächtigen touristischen Programm auf. Doch was passiert, wenn man mehr als 40 testosterongeladene Rennfahrer über längere Zeit zusammenpfercht? Das hatte die Staatsführung nicht auf dem Schirm.

"Natürlich haben wir sehr viel Blödsinn gemacht", lacht Hennerici. Zunächst blieb es bei harmlosen Streichen. Doch die Lage eskalierte, als die Fahrer zum Abendessen geführt wurden. Da in Ordos so gut wie niemand lebt, gibt es nur einheimische Küche: "Das war äußerst gewöhnungsbedürftig."

"Das hat aber dazu geführt, dass wir Rennfahrer, die ja immer in Wettbewerb verfallen, mit einer Challenge begonnen haben: Wer traut sich, was zu probieren? Das ist dann in ein abartiges Fressgelage ausgeartet." Wie viele Fahrer sich in der darauffolgenden Nacht übergeben mussten, ist nicht überliefert.

Irgendwie sind die Fahrer gesund geblieben und konnten zum Rennen antreten. Die 3,751 Kilometer lange Strecke soll die Form des Pferdes von Dschingis Khan repräsentieren. Sie erwies sich jedoch als viel zu eng für die GT1-Boliden. Tatsächlich fand sich eine erstaunliche Zahl Zuschauer ein. So voll wurde es auf der Strecke vor her und nachher nicht.

Gemeinsamer Spaß an Chinesischer Mauer und beim Show-Event

Das China-Programm ging weiter mit einem Besuch der chinesischen Mauer. Der Vorteil solcher Fahrten war, dass auch Freundschaften unter Fahrern geschlossen wurden. Beispiel Hennerici: "Ich hatte eine tolle Zeit mit Jonathan Hirschi. Vorher waren wir uns wegen diverser Nickeligkeiten auf der Strecke nicht ganz grün. Aber bei so etwas lernt man die Kollegen dann viel besser kennen."

Als es dann zurück nach Peking ging, gab es fast den nächsten Kulturschock. "Zurück in der Zivilisation" wäre vielleicht falsch ausgedrückt, da die Infrastruktur in Ordos hervorragend ist. Aber es waren plötzlich wieder Menschen da - und zwar eine Riesenmenge.

Vor dem Event auf dem Goldenport Circuit - einer etwas zu groß geratenen Kartbahn mit 2,4 Kilometern Länge - gab die FIA-GT1-Weltmeisterschaft eine Demonstrationsfahrt im Olympiapark von Peking. Herzstück des Parcours war ein Boulevard, der hoch und runter gefahren wurde - an einer Spitzkehre wurde gewendet.

Hennerici, heute Organisator großer Sim-Racing-Wettbewerbe wie der SimRacing Expo oder der Digitalen Nürburgring Langstrecken-Serie, geht beim Gedanken daran noch heute das Herz auf: "Das war ganz großes Kino. Wir sind mit 20 Autos dort gefahren. Der Zuschauerandrang war gigantisch."

"Und auch da ging es wieder los: Der Erste fängt an, das Auto ein bisschen rumzuschmeißen, der Zweite schmeißt noch ein bisschen mehr rum." Die Show artete in einen Driftwettbewerb aus, bei dem fast wie durch ein Wunder kein Material zu Schaden kam.

Das Publikum - sofern nicht von den lautesten Motoren, die es jemals gehört haben dürfte, verschreckt - war sichtlich begeistert über die irre Show. So etwas hatten die meisten Chinesen ihr Leben lang noch nicht gesehen (oder gehört).

Was bleibt? Ordos hat mittlerweile offiziell immerhin 150.000 Menschen, wobei solche offiziellen Staatszahlen mit Vorsicht zu genießen sind. Es ist subjektiv zumindest ein wenig mehr los, doch noch immer ist in zahlreichen Distrikten keine Menschenseele anzutreffen.

Die Rennen wurden beide von Hennericis Marc-VDS-Teamkollegen Maxime Martin und Frederic Makowiecki gewonnen. Im Regen in Peking dominierten die Piloten von Fischer Racing (Young Driver AMR) und hielten somit die Meisterschaft bis zum Saisonfinale in San Luis offen. Die China-Woche bleibt jedoch allen teilnehmenden Fahrern in guter Erinnerung - ihren Mägen vielleicht weniger.

Mit Bildmaterial von DPPI.

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Rennserie Langstrecke
Autor Heiko Stritzke