GT1-Anekdoten: San Luis - eine Strecke wird zum Superstar

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GT1-Anekdoten: San Luis - eine Strecke wird zum Superstar
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17.04.2020, 16:00

Die FIA-GT1-WM gastierte 2010 und 2011 auf dem Circuito Potrero de los Funes - Die Strecke wurde zum sofortigen Klassiker, geriet aber wieder in Vergessenheit

Stephane Ratel war schon immer findig darin, exotische Orte zum Austragen von Rennen zu finden. Zhuhai (1994), Bukarest (2008), Ordos (2011) - zuletzt entdeckte er für den internationalen Motorsport den renovierten Kyalami Circuit in Südafrika wieder.

Eines seiner Meisterwerke ist aber definitiv die Entdeckung einer Rennstrecke im Westen Argentiniens, die bis dahin im Dauerschlaf gelegen hat. Der Circuito Potrero de los Funes lag mehr als 20 Jahre brach. Die Piste sah bei ihren Eröffnungsrennen 1987 gleich einen tödlichen Unfall und wurde bis auf Weiteres geschlossen.

2008 startete der zweite Versuch. Der Kurs wurde leicht modifiziert: Schikanen wurden eingebaut, Sicherheitszäune errichtet, die Strecke auf den neuesten Stand gebracht. Und doch behielt sie ihren alten Charakter. Auslaufzonen sind rar gesät, die Mauern erwecken den Eindruck eines Stadtkurses. Was gar nicht so abwegig ist, denn die Strecke verläuft größtenteils auf öffentlichen Straßen.

Wow-Effekt auf den ersten Blick

Das Verrückteste ist jedoch der dritte Sektor: Der scheinbar einzige Berg in der Pampa östlich der Anden ist Teil des 6,270 Kilometer langen Rundkurses um den Lago Potrero de los Funes herum. "Auf der einen Seite hat man Felswände, auf der anderen ging es in den See. Links Fels, rechts Leitplanke und dahinter Wasser", sagt Thomas Mutsch im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'.

Mutsch war nicht der einzige, der Bauklötze staunte, als er die Anlage zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Ein Teil der Fahrer kannte sie bereits von der Generalprobe der FIA-GT-Serie im Jahr 2008. Der Rest erstarrte in Ehrfurcht und Unglauben, dass eine dermaßen großartige Strecke, die in einem Atemzug mit dem Circuit de Spa-Francorchamps genannt werden konnte, nicht bekannter war.

Der weitläufige Kurs um den Gebirgssee herum vereint die Kulisse von Enna Pergusa mit spektakulären Kurven, die zum Teil im vierten Gang genommen werden. Nebst dem schon angesprochenen dritten Sektor, bei dem sich so mancher fragte, wie das eine FIA-Abnahme bekommen konnte.

"Wahnsinn", "großartig", "genial". Die Fahrer überschlugen sich mit Lob über den Kurs unweit der chilenischen Grenze. Auf den langen Geraden kam die extreme Leistung der GT1-Boliden voll zur Geltung. Vor allem 2011 war das Finale eine nette Abwechslung zu den Mickey-Maus-Strecken in China zuvor.

30 Kilometer Umleitung ins Fahrerlager

Die Strecke hielt noch ein Highlight bei der Anfahrt parat, wie Mutsch erklärt: " Die Strecke selbst ist ja zum Teil öffentliche Straße und die wurde natürlich gesperrt. Daher mussten wir einen 30-Kilometer-Umweg vom Hotel aus über einen Pass mit Serpentinenstraße nehmen, um dann von hinten ins Fahrerlager zu fahren. So eine Anfahrt erlebt man nicht alle Tage."

2010 wurde Argentinien zusammen mit Sao Paulo in einem Abwasch ausgetragen. "Da saßen wir alle mal wieder zwei Wochen aufeinander. Das hat den Zusammenhalt und den Teamspirit noch einmal besonders gefördert", sagt Mutsch. Er selbst hatte zu jenem Zeitpunkt 2010 nach zwei frustrierenden Wochenenden in Navarra und Sao Paulo alle WM-Chancen verloren und konnte ohne Druck fahren.

Einige Teams nutzten die Zeit für eine Tour in die Anden. Die dortigen Schotterstraßen erinnerten dann eher an die Rallye Dakar als an einen Rundstrecken-weltmeisterschaftslauf. Der mit 6.961 Metern höchste Berg Südamerikas, der Aconcagua, lockte mit einer unglaublichen Kulisse.

So war das Saisonfinale ein gelungener Abschluss. Nicht ohne eine Schrecksekunde, die Altfrid Heger im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' schildert: "Ich hatte im Freien Training bei fast 250 km/h einen Reifenschaden. Wie durch ein Wunder schlug ich nicht in die Mauer ein. Aber das war für mich das Signal, dieses Wochenende noch zu genießen und dann wirklich aufzuhören."

Ein Jahr später sollte die WM-Entscheidung in San Luis fallen, doch die Fans wurden eines spektakulären Finals beraubt. Der größte Titelherausforderer von Lucas Luhr und Michael Krumm verunfallte bereits im Qualifying - Auto irreparabel. Im Hauptrennen eliminierte dann ein Startcrash alle übrigen Herausforderer plus den Titelträger selbst.

Wird die Strecke erneut wiederentdeckt?

Wüste Beschimpfungen spiegelten die Stimmung wider. Die GT1-Klasse war bereits am Ende, das wusste jeder. Die traurige Stimmung wurde der Strecke nicht gerecht. Die Einheimischen erwiesen sich zudem als hervorragende und zuvorkommende Gastgeber, die dem GT1-Tross dankbar dafür waren, diese abgelegene Region ins Interesse der Weltöffentlichkeit zu rücken.

All das half nichts: Die Strecke landete nach 2011 wieder in der Versenkung. Sie ist bis heute in Betrieb, aber es fahren nur noch lokale Rennserien. Das Problem: Der Kurs liegt dermaßen weit ab vom Schuss, dass Rennserien den Weg dorthin scheuen. Zuschauer übrigens auch. Nicht einmal die TC2000, Argentiniens oberste Tourenwagenserie, fährt mehr in San Luis.

Ob sich noch einmal eine große internationale Meisterschaft auf den Circuito Potrero de los Funes wagt, wird in erster Linie eine finanzielle Frage sein. Von den Fahrern hätte wohl niemand etwas dagegen. Bis dahin bleiben nur Erinnerungen an eine der spektakulärsten Strecken der Welt.

Mit Bildmaterial von DPPI.

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Rennserie Langstrecke
Autor Heiko Stritzke