Marcel Tiemann: So schwer war der Weg zurück ins Leben

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Marcel Tiemann: So schwer war der Weg zurück ins Leben
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28.05.2020, 10:02

Zehn Jahre nach seinem Unfall spricht Marcel Tiemann über die schwierige Zeit, sich ins Leben zurück zu kämpfen - Die Folgen wirken bis heute nach

"Zunächst war es der totale Einbruch für mich" - als Marcel Tiemann nach vier Wochen endlich aus dem Koma herausgeholt wurde, brach erst einmal eine Welt zusammen. Über Jahre hinweg musste sich der heute 46-Jährige zurück ins Leben kämpfen. Es gelang ihm, auch wenn nichts mehr ist, wie es einmal war.

Es galt, erst einmal zu rekonstruieren, was überhaupt passiert war. Und auch die Konsequenz des Unfalls war schnell klar: "Ich habe gemerkt, dass ich mit meiner fast vollständigen Hemianopsie nach rechts nicht mehr fahren darf. Das bedeutet, dass das Sehen nach rechts nicht mehr möglich ist. Das war schon krass."

Mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie fügt er hinzu: "Da war es ganz gut, dass ich auch noch aufgrund meiner Kopfverletzung ein Problem mit dem Kurzzeitgedächtnis hatte ... Ich habe alles innerhalb von Sekunden vergessen."

Der Gesichtsfeldausfall hält bis heute an und hindert ihn daran, Auto zu fahren. Auch die Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis sind noch vorhanden, wenn auch bei weitem nicht mehr so stark wie unmittelbar nach dem Unfall. "Das war die ersten zwei Jahre nach der Koma-Zeit wirklich extrem", so der fünfmalige Sieger des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring.

Zu Beginn der Reha alles vertauscht

Von seinem ersten Krankenhaus in Bologna wurde der damals 36-Jährige im Juni 2010 noch im künstlichen Koma ins Universitätsklinikum München-Großhadern verlegt, wo er aus diesem herausgeholt wurde. Danach ging es für fünf Wochen in eine Rehaklinik in Bad Aibling.

"Ich habe alles wieder neu lernen müssen", erinnert er sich. "Ich konnte weder rechnen noch schreiben, habe Zahlen vertauscht, Buchstaben vertauscht, rechts und links vertauscht - es gab nichts, was ich nicht vertauscht habe. Alles war durcheinander." Mit einem Neuropsychologen brachte er sich alles neu bei, sodass er nach etwas mehr als einem Monat wieder in die Welt hinaus gehen konnte.

Timo Scheider, Marcel Tiemann, Manuel Reuter

Rennen kann Marcel Tiemann nicht mehr fahren, doch die Erinnerungen bleiben

Foto: Motorsport Images

Doch es war nicht mehr dasselbe: "Gerade in den ersten zwei Jahren brauchte ich noch sehr viel Hilfe. Teilweise wusste ich nicht mehr, wie ich nach Hause komme, selbst wenn ich nur um die Ecke etwas essen oder einkaufen gegangen bin. Ich bin oft in die falsche Richtung gelaufen."

"Einfach nur zurücklaufen war für mich nicht möglich. Ich hatte absolut keine Orientierung mehr und habe auch vieles vergessen und nicht mehr zusammengebracht." Hier spielen seine zwei Probleme zusammen: Weil das halbe Sichtfeld fehlt, sieht die Welt ganz anders aus, wenn er sich um die eigene Achse dreht. Die Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis tun dann ihr Übriges dazu.

Probleme Kaschieren bringt Vor- und Nachteile

In seiner Heimat Palma de Mallorca kennt er sich mittlerweile gut genug aus, dass ihn die Probleme nicht mehr beeinträchtigen. "Das gilt aber nur für Orte, die ich kenne. Wenn man etwas immer wieder macht, prägt es sich durch die Wiederholung langsam ein."

"Aber wenn ich irgendwo mit der Familie hinfahre oder einfach auch nur irgendwo hingehe, wo ich noch nicht gewesen bin, dann käme ich ohne Navi nicht wieder zurück. Es ist über die Jahre besser geworden, aber irgendwo aussetzen sollte man mich nicht." Dabei lacht er herzlich.

Marcel Tiemann

Auf Mallorca hat er sich ein neues Leben mit Familie aufgebaut

Foto: Marcel Tiemann

Schon vor seinem Unfall hatte Marcel Tiemann es verstanden, zu improvisieren. Und so gelingt es ihm auch heute, seine Probleme möglichst zu kaschieren. Mit seinem Handy kann er navigieren - oder er läuft einfach Leuten nach, die mit ihm unterwegs sind.

"Wenn mich heute jemand trifft, würde er meine Probleme nicht bemerken. Ich sehe einfach nicht aus wie jemand, der drei Einblutungen im Gehirn hatte und diesen krassen Unfall überlebt hat! Das ist auch gut so. Nur manchmal werde ich aber in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel Orientierung oder Gedächtnis überschätzt. Das nervt dann etwas."

Er hat sich nach dem Unfall zweieinhalb Jahren Therapie unterzogen. "Aber danach habe ich mir gesagt, dass ich jetzt mein Leben leben möchte. Und ich lebe es. Alleine dadurch bekommt mein Kopf so viel Input, dass es quasi selbst wie eine Therapie wirkt." Und bei einer vierköpfigen Familie gibt es reichlich Input ...

Mit Bildmaterial von Marcel Tiemann.

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Rennserie Langstrecke
Autor Heiko Stritzke