"Wie ein RSR!": Das macht der neue Porsche 911 GT3 R 2019 besser

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Heiko Stritzke
Autor: Heiko Stritzke
23.05.2018, 10:50

Der neue Porsche 911 GT3 R wurde im Hinblick auf besseren Fahrkomfort entwickelt - Herausgekommen ist beinahe ein Luxusauto für den Motorsport

Vom zickigsten GT3 zum lammfrommen Traum auch für Amateurfahrer: Porsche hat beim neuen 911 GT3 R alle Register gezogen. Der neue Bolide bügelt viele Schwächen des Vorgängers aus und soll möglichst die Stärken des alten Fahrzeugs beibehalten. "Der fährt sich mittlerweile wie ein RSR!", staunen die Testfahrer. Die Verbesserungen erstrecken sich über nahezu alle Bereiche: Aerodynamik, Fahrwerk, Getriebe, Elektronik. Lediglich der Motor entspricht weitestgehend dem aktuellen Modell - mit den üblichen Verbesserungen in Sachen Fahrbarkeit.

"Das ist wirklich ein riesiger Schritt", freut sich Frederic Makowiecki, der maßgeblich den 911 GT3 R mitentwickelt hat. Natürlich liegt der Sprung weniger in der Performance, weil die Balance of Performance (BoP) das Auto ohnehin wieder einfangen würde. Der Fortschritt liegt in der Fahrbarkeit, da die GT3-Klasse noch immer in erster Linie für Amateure gedacht ist, auch wenn es längst prestigeträchtige Events mit Profis gibt. Den Reibach macht man noch immer mit reichen Amateuren - und die bevorzugen Autos, die einfach ans Limit zu bringen sind.

Porsche legt daher eine neue Philosophie an den Tag: Doppelquerlenker statt McPherson an der Vorderachse sollen das Fahrverhalten auf Randsteinen verbessern. Vor allem, wenn man diese in einem ungünstigen Winkel trifft, soll die Strafe für den Fahrer so wesentlich geringer ausfallen. Dafür sorgen auch minimal höhere Vorderreifen: Der Umfang beträgt nun 68 statt 65 Millimeter. Das verringert ein nervöses Fahrverhalten auf Bodenwellen. Allerdings mussten die Ingenieure einiges an Hirnschmalz investieren, um zu verhindern, dass die höheren Reifen in Kompressionen am Radhaus schleifen.

Riesenschritt beim ABS

Die größte Veränderung zum Vorgänger ist jedoch das ABS: Zum ersten Mal ist ein echtes Renn-ABS im GT3-Boliden von Porsche verbaut. Bislang gibt es das Problem, das die Bremshilfe zu grob regelt. Bislang gab es eine Art Schlag in dem Rad, auf dem der Bremsdruck zurückgenommen wurde, als es zu blockieren drohte. Das sorgte für Untersteuern am Kurveneingang. Aus diesem Grunde haben die Profi-Piloten bislang darauf verzichtet, das ABS überhaupt in Anspruch zu nehmen.

Das ist nun ganz anders: Das neue Antiblockiersystem lässt optimales Trail Braking zu; man kann also fast bis zum Scheitelpunkt im ABS bremsen, ohne seine Linie zu verlieren. "Ich bin ziemlich faul geworden", lacht Fred Mako, der kürzlich mit einer Meisterleistung im letzten Stint auf dem alten GT3 R das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring gewonnen hat. "Man hat jetzt immer die gleiche Balance - egal, ob man im ABS fährt oder nicht." Für den Franzosen ist der Schritt auf der Bremse der Wichtigste beim ganzen neuen Modell.

 

2019 Porsche 911 GT3 R
2019 Porsche 911 GT3 R

Foto Porsche

Auch beim Beschleunigen gibt es eine Weiterentwicklung: Neben den üblichen Verbesserungen am Motor, die aber bei einem Sauger mittlerweile minimal ausfallen, sorgt vor allem eine neue Getriebeabstufung für bessere Beschleunigung: Der erste Gang war in den bisherigen GT3-R-Modellen nur zum Anfahren gedacht, jetzt ist er ein waschechter Fahr-Gang. So gibt es faktisch nun einen Gang mehr zur Benutzung. Gerade bei einem hochdrehenden Saugmotor ist es wichtig, immer im optimalen Drehzahlbereich zu bleiben. Die Abstufung zwischen dem ersten und zweiten Gang ist beim noch aktuellen Modell für manche engen Spitzkehren ungünstig.

Alles für den Amateur: Komfort wie im Luxusauto

Immer wichtiger werden im Motorsport auch die Komfortfeatures. In Zeiten, in denen es selbst in 24-Stunden-Rennen auf Sekunden ankommt, ist die Sitzkühlung ein nicht zu unterschätzendes Feature. Sogar Profis wie Makowiecki begrüßen das: "Ich hatte mal ein Rennen in Dubai mit 68 Grad Cockpittemperatur. Es ist schwer, dann einen Doppelstint zu fahren." Das Fahren angenehm zu machen, um immer die optimale Leistung zu bringen, ist in BoP-Zeiten deutlich wichtiger geworden als reine Performance-Verbesserungen.

Das gilt auch für die Aero-Balance: Aufgrund der Heckmotorcharakteristik hatte Porsche in der Vergangenheit alles dafür gegeben, die leichte Vorderachse mit immer mehr Flicks auf den Boden zu pressen. Das führte allerdings zu einem spitzen Fahrverhalten, das Profi-Piloten zwar bejubelten, aber für viele Amateurfahrer schlicht zu schwer war. Dadurch streute der Porsche auch in seiner Leistungsfähigkeit: Ein Amateur, der auf einem Mercedes-AMG GT3 eine Dreiviertelsekunde Rückstand auf den Profi hatte, hatte im Porsche plötzlich mindestens den doppelten Abstand.

 

2019 Porsche 911 GT3 R
2019 Porsche 911 GT3 R

Foto Porsche

Deshalb wurde auch die aerodynamische Balance verändert. Wie es die Porsche-Entwickler geschafft haben, darüber schweigen sie sich aus, doch Makowiecki versichert: Das großartige Feedback für Profi-Fahrer am Limit bleibt bestehen, aber es ist wesentlich leichter, dieses zu erreichen. "Es ist jetzt wesentlich einfacher geworden, ein hohes Maß an Performance zu erreichen."

Neu ist auch, dass der Sitz fest installiert ist und nur noch Pedale und Lenkrad verstellt werden. So bleibt der Gurt immer optimal erreichbar. Außerdem lässt sich die optimale Position für Pedale im Vorfeld für den Mechaniker markieren, sodass er immer die perfekte Position trifft. Bei einem verstellbaren Sitz landete man schon einmal eine oder zwei Rasten daneben.

Porsche hat derzeit keine Renneinsätze als Vorbereitungstest während der Saison 2018 geplant, wie es etwa BMW mit dem Upgrade-Kit für den M6 GT3 2017 in der VLN gemacht hat. Premiere bleiben die 24 Stunden von Daytona 2019. Das bedeutet auch, dass die Fahrer bei den 24 Stunden von Dubai 2019 noch einmal mit bis zu 68 Grad Cockpittemperatur auskommen müssten.

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Rennserie Langstrecke
Fahrer Frédéric Makowiecki
Autor Heiko Stritzke
Artikelsorte Analyse