Le Mans 2018: Wer kann Toyota gefährlich werden?

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Le Mans 2018: Wer kann Toyota gefährlich werden?
Roman Wittemeier
Autor: Roman Wittemeier
08.06.2018, 08:00

Vorschau auf die 24 Stunden von Le Mans 2018: Können die privaten LMP1-Teams gegen die Werksmannschaft von Toyota ankommen? Rebellion ist stark!

Toyota geht als haushoher Favorit in die 86. Auflage der 24 Stunden von Le Mans. Die Japaner, die als einziges Werksteam in der Topkategorie LMP1 verblieben sind, wollen ihren jahrelangen Kampf um die Krone an der Sarthe endlich positiv abschließen. Es gibt keinerlei Konkurrenz mehr von Werksteams wie Porsche oder Audi. Startet Toyota also einen Alleingang vom Start bis ins Ziel? Das wollen und sollen die privaten Teams verhindern.

Toyota bekommt es am 16./17. Juni mit den Autos von Rebellion (R13-Gibson), SMP (BR1-Dallara-AER), ByKolles (Enso-Nissan), DragonSpeed (BR1-Dallara-Gibson) und TRS Manor (Ginetta-Mecachrome) zu tun. Die Erwartungen an die privaten Mannschaften sind unterschiedlich. Während einige Teams darum kämpfen müssen, wenigstens vor den schnellsten Autos der LMP2-Klasse zu bleiben, traut man Rebellion und SMP durchaus zu, die Werkstruppe aus Köln-Marsdorf vielleicht etwas unter Druck zu setzen.

Jenson Button, SMP Racing

Jenson Button, SMP Racing

Foto: JEP / LAT Images

Die Chancen von SMP sind nach den Vorfällen beim WEC-Saisonauftakt 2018/19 in Spa-Francorchamps etwas geschmälert. BR Engineering und Dallara mussten nach den schweren Unfällen von Matewos Issaakjan und Pietro Fittipaldi einige Nachbesserungen am Fahrzeug vornehmen, die ähnliche Abflüge verhindern sollen. Diese Updates - unter anderem neue Ausschnitte an den vorderen Radhäusern - sind der Performance in Le Mans nicht gerade zuträglich.

Während SMP bei Testfahrten im Frühjahr in Aragon mit extrem schnellen Rundenzeiten und hohen Topspeeds überraschte, ging man den Testtag in Le Mans vorsichtig an. Dennoch waren die Ergebnisse ermutigend. Witali Petrow, der sich den BR1 #11 mit Ex-Formel-1-Champion Jenson Button und Michail Aljoschin teilt, war in 3:21.603 Minuten nicht einmal eine Zehntelsekunde langsamer als Jose Maria Lopez im Toyota. Auch Stephane Sarrazin und Jegor Orudschew im Schwesterauto waren ähnlich schnell.

SMP mit vielen Fragezeichen, Rebellion mit gutem Tempo

"Unser Auto geht ganz gut. Aber ich glaube dennoch nicht, dass wir gegen Toyota eine Chance haben werden", meint der erfahrene Sarrazin, der zur diesjährigen Saison von den Japanern zu den Russen gewechselt war. Allerdings: Im Vergleich der theoretisch schnellsten Rundenzeiten beim Testtag - also der Addition der schnellsten Sektorenzeiten - lang man nicht einmal eine Sekunde hinter Toyota. Nur Rebellion war als private Konkurrenz noch schneller.

Die Schweizer schöpfen das Potenzial des neuen R13 aus dem Hause Oreca immer mehr aus. Das Fahrzeug war erst wenige Tage vor dem Prolog der WEC in Le Castellet fertig geworden. Im Rennen in Spa-Francorchamps sowie bei einem wichtigen Test in Monza erlangte man viele neue Erkenntnisse, die sich positiv auf die Performance der "Rebellen" auswirken dürften. Erste Ansätze waren beim Pre-Test in Le Mans kaum zu übersehen.

In 3:19.680 Minuten fuhr Mathias Beche, der sich das Auto #3 mit Thomas Laurent und Gustavo Menezes teilt, zweitschnellster Mann auf der Strecke. Die ideale Rundenzeit des Trios lag sogar unterhalb der Marke von 3:19 Minuten. Noch nie war ein Privatteam derart schnell in Le Mans - nicht einmal ansatzweise. Und was Beche/Laurent/Menezes können, das sollten die erfahrenen Vollgastiere Neel Jani, Andre Lotterer und Bruno Senna im Schwesterauto ebenfalls schaffen.

"Die sind sehr nahe dran. Viel näher als in Spa. Der Konkurrenzkampf lebt. Wir müssen auch in diesem Jahr hart kämpfen", schätzt Kazuki Nakajima die privaten Gegner von Rebellion ein. Genau das ist das Ziel des schweizerischen Teams um Rennleiter Bart Hayden. Man will Toyota mit allen Mitteln unter Druck setzen, um im Falle eines erneuten technischen Desasters bei den Japanern zur Stelle zu sein. Das Geläuf in Le Mans kommt Rebellion diesbezüglich mehr entgegen als die Formel-1-Strecke von Spa.

Vergesst Spa: In Le Mans ist alles ganz anders

"Wir haben hier acht Megajoule für eine Strecke, die 14 Kilometer lang ist. In Spa hatten wir sechs Megajoule für eine sieben Kilometer lange Strecke", erklärt Toyota-Pilot Mike Conway die Vorgaben aus dem Reglement, die den Japanern das Leben womöglich etwas schwerer machen. "Rebellion kann hingegen fast ohne Rücksicht auf Spritverbrauch nahezu komplett Vollgas geben. Sie sind daher sehr nahe dran. Aber das ist doch gut für alle. So entsteht ein schöner Wettbewerb", meint der Brite.

"Rebellion ist ungefähr da, wo wir sie auf eine Runde erwartet haben. SMP ist schwer einzuschätzen, nachdem sie ihre Probleme aus Spa hier angegangen sind. Welche Konsequenzen das im Detail hat, wissen wir noch nicht. Sie hatten jedenfalls nicht den Speed, den wir erwartet haben. Vielleicht liegt es an den Änderungen, vielleicht kommt auch von ihnen noch etwas", bilanziert TMG-Boss Rob Leupen nach dem Testtag. "Wir sind ungefähr auf dem Niveau vom vergangenen Jahr gefahren. Das war von unserer Seite aus das Ziel."

#3 Rebellion Racing Rebellion R-13: Mathias Beche, Gustavo Menezes, Thomas Laurent

#3 Rebellion Racing Rebellion R-13: Mathias Beche, Gustavo Menezes, Thomas Laurent

Foto: JEP / LAT Images

"Wir haben von Toyota nicht die ganze Wahrheit gesehen", will Rebellion-Youngster Thomas Laurent von einem engen Wettbewerb gegen Toyota noch nicht viel wissen. "Wir wollen trotzdem versuchen, sie irgendwie unter Druck zu setzen. Ob uns das gelingen wird, muss man abwarten. Es ist auf jeden Fall gut zu sehen, welche Rundenzeiten wir gehen können. Wir haben keine Show abgezogen. Unsere Rundenzeiten waren echtes Renntempo, das wir über ganze Stints gehen können."

Laurent, der die 24 Stunden von Le Mans 2017 in einem LMP2-Auto phasenweise angeführt hatte, überzeugte bei seinen Fahrten im LMP1-Rebellion beim Testtag. Der junge Franzose spulte bereits am Vormittag auf noch recht schmutziger Strecke einen starken Longrun auf konstantem 3:22-Minuten-Niveau ab. Die Teamkollegen Beche und Menezes fuhr am Mittag und Nachmittag ein ähnliches Tempo. Attacken auf die Gesamtbestzeit von Fernando Alonso im Toyota #8 scheiterten aufgrund von Safety-Car-Einsätzen.

Rebellion will Druck aufbauen und Toyota hetzen

Von Rebellion ist ebenso wie auch von Toyota in der Rennwoche noch mehr zu erwarten. Wie schnell man tatsächlich fahren kann, wird frühestens am Mittwoch kommender Woche im ersten Training und ersten Qualifying auf der nun 13,626 Kilometer langen Strecke sichtbar. "Wir tasten uns recht vorsichtig an die Limits. Erst in der Rennwoche wird man die Wahrheit sehen. Ich denke, dass Toyota ein gutes Stück vor uns sein wird. Aber mal abwarten, was passiert, wenn wir sie doch ein wenig auf Trap halten können", meint Neel Jani.

#4 ByKolles Racing Team Enso CLM P1/01: Oliver Webb, Dominik Kraihamer, Tom Dillmann

#4 ByKolles Racing Team Enso CLM P1/01: Oliver Webb, Dominik Kraihamer, Tom Dillmann

Foto: JEP / LAT Images

Auf Toyota lastete bislang ein Fluch in Le Mans. Oft lagen die Japaner auf Siegkurs, in jedem dieser Fälle machten technische Gebrechen die großen Hoffnungen zunichte. Die Autos von Rebellion und SMP sind brandneu. Der R13 hat noch keinen echten Dauerlauf hinter sich, im Fahrzeug der Russen arbeitet der AER-Turbomotor, dessen Zuverlässigkeit in den vergangenen Jahren oft unterirdisch war. Die Mannschaft von ByKolles weiß ein lautes Lied davon zu singen.

Im zweiten Jahr der Zusammenarbeit mit Nissan will man endlich einmal stabil über 24 Stunden fahren. Die Standfestigkeit des Enso CLM P1/01 scheint erheblich verbessert, die Performance ist aufgrund zahlreicher Updates über den Winter ebenfalls nach oben gegangen. In 3:23.644 Minuten war das Team mit den Piloten Dominik Kraihamer, Tom Dillmann und Oliver Webb solide unterwegs. Nicht schnell genug, um Toyota zu fordern oder Rebellion zu ärgern, aber ausreichend, um womöglich in eine Abstauberposition zu kommen.

DragonSpeed und Manor mit sehr geringen Chancen

Wesentlich düsterer sind da die Aussichten im Lager von DragonSpeed. Das Team von Elton Julian erhielt durch den Crash von Fittipaldi in Spa einen erheblichen Rückschlag. Lange Zeit war unsicher, ob das Programm in der LMP1-Klasse überhaupt fortgeführt wird. Das BR1-Chassis harmoniert mit dem Gibson-Antrieb, den auch Rebellion verwendet, offenbar nicht ganz so gut wie mit dem AER-Aggregat, das in den Fahrzeugen von SMP verbaut ist. Der größte Stolperstein ist aber wohl die Cockpitbesetzung.

#10 Dragonspeed BR Engineering BR1: Henrik Hedman, Ben Hanley, Renger Van der Zande

#10 Dragonspeed BR Engineering BR1: Henrik Hedman, Ben Hanley, Renger Van der Zande

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Renger van der Zande ist eine sichere Bank, Ben Hanley sicherlich eine solide Wahl. Der enorm limitierende Faktor hört auf den Namen Henrik Hedman. Der schwedische Geschäftsmann finanziert das Projekt, fährt als Bronze-Pilot nur mit einer Ausnahmegenehmigung in der schnellen LMP1-Kategorie. Am offiziellen Testtag stieg der Gentleman-Pilot überhaupt nicht ins Auto, am Rennwochenende in Spa war der Schwede im LMP1-Auto um 2,5 Sekunden langsamer als Pastor Maldonado im LMP2-Fahrzeug des Teams ...

Die große Wundertüte in der Topkategorie in Le Mans ist TRS Manor. Das britische Ex-Formel-1-Team, das am Auftaktrennen in Spa-Francorchamps aufgrund finanzieller Probleme nicht antreten konnte, fuhr auch am Testtag nur wenig. Die beiden Ginetta-Mecachrome scheinen noch nicht gut aussortiert zu sein. Oliver Rowland (#6) und Leo Roussel (#5) brachten die beiden neuen Autos nicht einmal vor alle LMP2-Fahrzeuge. Im Vergleich der idealen Rundenzeiten fehlten Manor fast acht (!) Sekunden auf Rebellion.

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Autor Roman Wittemeier
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