Casey Stoner: "Hatte mehr von Jorge Lorenzo erwartet"

Ducatis MotoGP-Edeltester Casey Stoner vergleicht im Exklusiv-Interview die 2007er-WM-Maschine mit der aktuellen Desmosedici und bewertet die beiden Werkspiloten.

Casey Stoner: "Hatte mehr von Jorge Lorenzo erwartet"
Andrea Dovizioso, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Andrea Dovizioso, Ducati Team
Andrea Dovizioso, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Andrea Dovizioso, Ducati Team after crash
Jorge Lorenzo, Ducati Team
Jorge Lorenzo, Ducati Team

Casey Stoner ist nach wie vor eine Attraktion im MotoGP-Fahrerlager. Der Australier kam zum ersten Test nach Sepang, bei dem er die neue Ducati Desmosedici pilotierte. Nun sind Jorge Lorenzo und Andrea Dovizioso am Zug, das Kunststück von 2007 zu wiederholen, als Stoner Ducastis ersten und bisher einzigen Titel in der Königsklasse einfuhr. Stoner unterhielt sich in Sepang mit 'Motorsport.com' und sprach über einige sehr interessante Aspekte.

Frage: "Casey, Du sitzt nicht mehr so regelmäßig auf einem MotoGP-Motorrad. Wir bereitest du dich für Tests vor und wie fühlst du dich am Ende einer Session?"
Casey Stoner: "Physisch war ich ziemlich am Ende. Es gibt nichts, mit dem man sich auf ein MotoGP-Motorrad vorbereiten kann. Das sieht man auch bei den anderen Fahrern. Nach dem ersten Vorsaisontest sind alle völlig hinüber. Für mich ist es umso schwieriger, da ich fünf oder sechs Monate nicht fuhr und dann zum Test hierhin kam. Ich trainiere so viel wie möglich, um die Muskeln darauf vorzubereiten. Ich war ein bisschen zu wenig vorbereitet für diese Tests in Malaysia. Meine zweite Tochter, Caleya Maria, wurde geboren. Ich hatte keine Probleme in Sachen Schlaf, aber ich fing mir einen Virus ein und musste mein Training für einige Monate aussetzen. Ich nahm das Training zu Beginn des Jahres wieder auf. Dann kam das Baby, der Virus und alles andere zusammen. Ich trainierte den vergangenen Monat und war deshalb nicht ausreichend vorbereitet."

Frage: "Wonach fragt Ducati, wenn es darum geht, beim neuen Motorrad eine bestimmte Entwicklungsrichtung einzuschlagen?"
Stoner: "Wir nehmen eine Basisabstimmung als Referenz. Also das Motorrad ist nicht spezifisch auf mich abgestimmt. Wir haben eine ausgeglichene Ausgangssituation und probieren dann Teile und machen Vergleiche. Normalerweise erhält man immer oder zumindest manchmal die gleichen Kommentare von den Fahrern. Wir versuchen, nicht den Weg eines einzelnen Fahrers einzuschlagen. Wir drehen unsere Runden und vergleichen verschiedene Teile: Schwingen, Motor-Mappings und solche Sachen. Ich vergleiche die Teile untereinander und probiere verschiedene Konfigurationen. Am Ende entscheiden die Fahrer. Sie geben ihre Wünsche ab.

Frage: "Wie nah warst du in den vergangenen zwei oder drei Jahren an einer Rennteilnahme dran?"
Stoner: "Natürlich bestand die Möglichkeit. Ich stand zwei Mal kurz davor, in einem Rennen zu starten, doch die Gegebenheiten waren nicht gut. Es gab zwei Rennen, bei denen ich mir sicher war, dass ich sie fahre. Doch weitere Chancen gab es nicht."

Frage: "Fühltest du dich mit der 2017er-Ducati stärker oder mit der 2007er-Maschine, mit der du den WM-Titel gewinnen konntest?"
Stoner: "Das 2007er-Motorrad hatte abgesehen vom Motor keine Stärke. Ich hatte Probleme in den Kurven und beim Herausbeschleunigen aus den Kurven auch. Beim Bremsen war das Motorrad ganz gut. Auf den Geraden lief es ziemlich gut. Wenn man probiert hat, etwas anderes zu  machen, dann war es richtig schwierig. Nun haben wir ein besseres Gesamtpaket."

Frage: "Ist diese Generation der Desmosedici die beste, die du jemals gefahren bist?"
Stoner: "Nein. Das Motorrad von 2009 war richtig beeindruckend. Doch damals kämpfte ich nicht um die Meisterschaft kämpfen, weil ich es nicht konnte (es wurde Laktoseintoleranz diagnostiziert; Anm. d. Red.). Nun sind alle Motorräder konkurrenzfähig. Man kann mit jeder Maschine gewinnen. Unser aktuelles Motorrad ist ausgeglichener. Man kann auf jeder Strecke ein gutes Ergebnis einfahren."

Frage: "Hat dich Dovizioso im Vorjahr überrascht?"
Stoner: "Mit Sicherheit. Ich kann es nicht zurückhalten und Andrea auch nicht. Er rechnete vermutlich nicht damit, dass er in der vergangenen Saison so stark sein wird. Die Herangehensweise, die Arbeitsweise und alles andere harmonierten gut im vergangenen Jahr. Er ging die Rennen sehr bedacht an. Er wusste, wann er die Reifen schonen muss und wann er pushen kann. Er fuhr eine richtig gute Saison. Das einzige Problem war, dass er zu weit zurück lag, wenn er nicht gewann. Er verlor in diesen Situationen viele Punkte."

Frage: "Und was sagst du zu Jorge?"
Stoner: "Ich möchte nicht lügen: Ich hatte mehr von Jorge erwartet. Ich kann nachvollziehen, dass neun Jahre mit einem Hersteller eine lange Zeit ist. Es ist schwierig, zu einem komplett anderen Motorrad zu wechseln und Selbstvertrauen aufzubauen. Ich würde auch behaupten, dass Jorge Probleme hatte, sich an die Michelin-Reifen zu gewöhnen, als diese angepasst wurden. Er wurde stärker, als die Saison voranschritt. Ich gehe davon aus, dass er in diesem Jahr öfter um Podestplätze und Siege kämpft. Wir werden es sehen, aber ja, ich erwartete ein bisschen mehr."

Frage: "Passt das neue Motorrad besser zu ihm?"
Stoner: "In meinen Augen schon. Es ist besser für ihn und alle anderen Ducati-Piloten. Jorge ist spezieller, was den Fahrstil angeht. Doch wie man sehen konnte, fühlte er sich gegen Ende der vergangenen Saison wohler. Er war auf Augenhöhe zu Andrea. Beide erreichten die gleichen Leistungen, obwohl sie komplett unterschiedliche Fahrstile haben. Wenn wir Fortschritte erzielen, profitieren beide davon."

 
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