Kevin Schwantz über Jorge Lorenzo: "Keine Ahnung, was da vor sich geht"

Der 500ccm-Weltmeister von 1993, Kevin Schwantz, kann sich das Form-Tief von Jorge Lorenzo nicht richtig erklären.

Aus den letzten sechs Rennen hat der spanische Yamaha-Werkspilot Jorge Lorenzo gerade einmal 31 Punkte gesammelt. In Barcelona wurde er von Andrea Iannone aus dem Rennen geschossen, im Regen von Assen war er Zehnter, am Sachsenring 15., im Regen in Brünn als 17. Letzter.

Lediglich in Österreich, auf dem Red Bull Ring, gab es für Lorenzo das einzige Podest, er wurde hinter den beiden Ducati Dritter – eine halbe Sekunde vor Teamkollege Valentino Rossi.

Ex-Weltmeister und Legende Kevin Schwantz glaubt derweil beim Spanier an eine Kopfblockade, so richtig verstehen kann es der US-Amerikaner aber auch nicht.

„Ich habe keine Ahnung, was da vor sich geht, aber es ist schon komisch“, so Kevin Schwantz, 500ccm Weltmeister von 1993. „Hat Jorge sein Vertrauen verloren? Glaubt er, dass sich Yamaha mehr zur #46 Seite der box hingibt, weil er selbst nächstes Jahr zu Ducati geht?“

„Wenn es das ist, was er denkt, dann bin ich nicht einverstanden, denn er hat genau die gleiche Chance wie Rossi Weltmeister zu werden – sie liegen in den Punkten noch eng beisammen. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass Yamaha irgendwas außer das absolut Beste tun würde, um ihre Chancen für beide Fahrer zu erhöhen, Marquez und Honda zu schlagen.“

„Aber was auch immer der Grund dafür ist, dass er gerade nicht der Lorenzo ist, von dem wir wissen, wie er sein kann: Die schlechten Ergebnisse gehen auch darauf zurück, wie eng das Feld ist. Wenn du heutzutage ein nicht ganz perfektes Wochenende hast, dann bist du Siebter oder Achter. Ein richtig schlechtes Wochenende und du bist nicht in den Top-12. Es sind acht Werksmaschinen da draußen und dann noch ein paar andere, starke Privat-Teams mit guten Fahrern.“

„Dass es so eng ist, ist auch der Grund dafür, dass wir dieses Jahr schon vier neue Sieger gesehen haben“, so Schwantz zu Jack Miller, Andrea Iannone, Cal Crutchlow und Maverick Vinales. „Der Abstand zwischen vorn und hinten in der Startaufstellung ist drei Sekunden. Das ist enger als je zuvor, vor ein paar Jahren waren es noch fünf Sekunden. Wenn du jetzt nur anderthalb Sekunden verlierst, bist du in der Startaufstellung 15.“

„Wenn dann noch unmögliches Wetter in Qualifying oder rennen dazu kommt, dann sind unübliche Fahrer vorn. Das hat die Rennen natürlich viel spannender gemacht, das ganz sicher, aber es hat das Leben aller auch viel schwieriger gemacht, die gerade nicht ganz oben auf ihrem Game sind. Und so sieht das gerade bei Lorenzo aus.“

Ducati im Zweifel?

Schwantz glaubt zwar, dass es nur ein kleines Formtief bei Lorenzo ist, doch würde er sich als Ducati dann doch Sorgen machen. Die Italiener haben sich für die kommende Saison die Dienste des Mallorquiners gesichert.

„An dem einen Wochenende, in Österreich, haben wir Jorge im siebten Himmel gesehen, als er Dritter wurde“, kichert Schwantz. „Er hat dort gesagt: ‚Ich bin zurück, ich fahre wieder mit den Jungs an der Spitze.’“

„Ich meine, klar, wenn ich jetzt Ducati wäre, würde ich mich schon fragen, warum ich mich auf lange Zeit an den gebunden habe. Zu der Zeit haben wir einen Champion unter Vertrag genommen, einen Typen, der regelmäßig Rennen gewinnt – und jetzt sehe ich meinen Neuzugang auf einmal überglücklich, nur weil er es auf das Podest geschafft hat.“

„Und dann ist er in den nächsten zwei Rennen wieder nirgendwo.“

Die Sache mit dem Wetter

Schwantz kann sich nicht erinnern, dass in seiner Ära zwischen 1986 und 1995 irgend ein Fahrer so ein Problem mit nasser Strecke gehabt hätte.

„Nein, zu meiner Zeit gab es da niemanden mit solchen Problemen – oder zumindest nicht in diesem Umfang“, so der US-Amerikaner. „Lawson war einer, der im Regen nicht ganz vorn dabei war, aber in neun von zehn Fällen war er trotzdem auf dem Podest oder knapp dahinter. Er hat trotzdem gut Punkte mitgenommen.“

„Ich habe mich mit den Michelin-Technikern aus meiner Ära unterhalten und sie haben mir gesagt, dass sie glauben, dass mein bestes Rennen 1988 in Deutschland war, denn sie sagen, dass Dunlop damals den bei weitem besseren Regenreifen hatte und ich gewann im Regen auf Michelin. Und ich sage das nicht, um zu prahlen, ich sage, dass ich glaube, dass der Regen ein allmächtiger Ausgleicher ist, so dass wenn du nicht das beste Motorrad hast, du trotzdem die Chance auf den Sieg hast, wenn du viel smoother, aber auch aggressiver als der nächste fahren kannst.“

„Lorenzo ist ein smoother Fahrer und er kann auch aggressiv sein. Aber wenn er die Front des Motorrades oder die Reifen unter sich nicht fühlen kann, ist es sein natürlicher Instinkt, etwas langsamer zu machen und nicht zu stürzen. Und wenn du nicht irgendwo an diesem schmalen Grat pushst, dann läuft es schief, denn, wie ich gesagt habe, das Feld ist derzeit extrem eng beieinander.“

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