Marquez: „Medien-Power ist das Eine, sie gegen andere einzusetzen, das Andere“

Marc Marquez erlebte 2015 eine mehr als schwierige Saison – und das nicht nur auf eine Art. Der zweifache MotoGP-Weltmeister hat sich mit Oriol Puigdemont über die Kontroversen der letzten Saison unterhalten, aber auch darüber, was Honda braucht,...

Das Interview wurde vor ein paar Tagen beim abschließenden Test der MotoGP in den Honda-Zelten auf dem Losail Circuit geführt.

Dieses Wochenende startet in Doha die neue Saison und schon vor dem Auftakt ist die Lage weiterhin angespannt.

Marc, wie hast du den Winter verbracht?

„Ich habe keine große Pause gehabt. Als die Saison zu Ende war, haben wir in Jerez noch trainiert und dann habe ich in Lleida ein Trainingscamp für Kinder durchgeführt.“

 

„Dann hatte ich mit dem SuperPrestigio Dirt Track in Barcelona wieder viel um die Ohren und bin noch ein MotoCross-Rennen gefahren. Insgesamt hatte ich nur ein paar Wochen Pause und habe dann das Training wieder aufgenommen, gerade körperlich.“

Hast du viel darüber nachgedacht, wie die letzte Saison zu Ende gegangen ist?

„Du glaubst mir vielleicht nicht, aber nicht wirklich sehr viel. Ich denke über Dinge nach, wenn sie an mir liegen oder wenn ich einen Fehler gemacht habe. Aber in dem Falle, wo ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe, habe ich das nicht.“

Nachdem dich Rossi in der Pressekonferenz von Malaysia so angegriffen hatte, hast du da selbst darüber nachgedacht, ob du auf diesen Zug aufspringen sollst oder das ganze ignorieren sollst?

„In Valencia zum Beispiel wusste ich, dass wenn ich Zweiter werde oder zwischen Valentino und Jorge ankommen würde, alle mit dem Finger auf mich zeigen würden, egal, wie das Rennen ausgehen würde.“

„Am Ende sind wir alle Rennfahrer. Manche sind vielleicht schon länger im Rennsport unterwegs als andere und haben mehr gewonnen, aber auf der Strecke steht keiner über dem anderen.“

„Was mich interessieren würde wäre, was passiert wäre, wenn wir in Valencia alle mit schwarzen Motorrädern gefahren wären und keiner gewusst hätte, wer wer ist. Mich würde interessieren, was die Leute dann denken würden.“

 

„Es ist klar, dass manche Fahrer mehr Medien-Power haben als andere. Und das haben sie sich verdient. Aber es ist etwas anderes, wenn man die gegen jemand anderen einsetzt.“

„Jedes Mal, wenn ich auf dem Motorrad sitze, mache ich mein eigenes Ding, mache, was ich für das Beste halte und, vor allen Dingen, gebe 100 Prozent. Auf der Strecke lasse ich mich durch niemanden beeinflussen.“

Was hast du gedacht, als du dieses Jahr in Sepang das erste Mal auf dem Motorrad gesessen hast?

„Es ist mein viertes Jahr bei Honda und du bist immer etwas nervös. Auch das letzte Mal, als ich in Jerez getestet habe, musste ich mit einem bitteren Beigeschmack abreisen, denn es war hart. Wir hatten sehr viele Probleme.“

In Malaysia hast du gesagt, dass das Motorrad nicht so ist, wie du es erwartet hattest. Hast du da schon geglaubt, dass sich die Geschichte von vor einem Jahr wiederholt?

„Gerade in Sepang war es für uns dieses Jahr viel schlimmer, als im letzten Winter. Damals waren wir vorn. Dieses Jahr aber habe ich gemerkt, dass die Saisonvorbereitung für uns sehr kurz wird, wir hatten so viele Dinge und Zeug zu testen und es gab so viel, wo uns etwas gefehlt hat, gerade bei der Elektronik.“

Bildergalerie: Marc Marquez beim MotoGP-Test

„Da wir Probleme bei der Umstellung mit der Elektronik hatten, hat es natürlich auch länger gedauert, bis wir uns mit den neuen Reifen anfreunden konnten, denn ich konnte ja nicht am Limit pushen.“

Wo ist das Motorrad seither besser geworden?

„Gerade bei der Elektronik, wir haben besonders am letzten Tag in Katar einen sehr wichtigen Schritt gefunden. Wir haben dort den Winter gerettet – dank der Arbeit von Honda und meinem Team. Wir haben gepokert und es hat sich ausgezahlt.“

Was habt ihr gemacht?

„Einige radikale Änderungen, vor allem am Setup. Ich bin gestürzt und wir haben über eine Stunde in der Box verbracht. Ich wollte einfach etwas komplett ganz Anderes.“

Wie findest du die Standard-Elektronik?

„Wir sind sehr viel besser damit geworden, in Sepang hatten wir noch nicht einmal eine Basis damit. An diesen Motorrädern kann man die Elektronik Kurve für Kurve einstellen – die Motorbremse, Gasannahme et cetera. Und das war nicht kalibriert, darum war es unberechenbar.“

„Auf Phillip Island sind wir richtig viel besser geworden, nachdem wir uns zusammengesetzt und alles analysiert hatten.“

Hast du Honda jemals gewarnt, dass die Dinge nicht gut laufen könnten?

„In meiner Box machen wir normalerweise am Ende jedes Tests ein Meeting und analysieren alles. Nach dem ersten Test habe ich über alle Probleme gesprochen, die wir hatten.“

„In jedem Falle weiß ich, dass Honda gewinnen will und alles tun wird, was sie können – sonst wären sie nicht hier. Du musst sie pushen, aber gleichzeitig machen sie auch Druck auf mich und ich drücke das Team.“

Du hast gesagt, dass du dieses Jahr bei manchen Rennen attackieren wirst, bei anderen wiederum nicht. Bedeutet das, dass wir dieses Jahr einen ganz anderen Márquez erleben werden?

„Letztes Jahr haben mich die Nuller schwer getroffen, gerade die vom Anfang der Saison. Ich habe mich nicht wohl gefühlt und manchmal wusste ich nicht, wie man konservativ vor geht, nur um Punkte zu holen. Aber am Ende bin ich ein paar Risiken eingegangen. Danach war ich konstant, habe aber auch ein paar Fehler gemacht.“

„Diese Saison ändert sich das ganze Szenario sehr. In Sepang, wäre das ein Rennen gewesen, wäre Jorge unaufhaltbar gewesen und 15 Sekunden vor allen anderen ins Ziel gekommen.“

 

„Aber dann ist auf Phillip Island das Gegenteil passiert: Ihm fiel es schwerer und er ist zwei Mal gestürzt. Derlei Höhen und Tiefen werden wir noch oft sehen, bis sich die ganze Situation etwas stabilisiert hat.“

Wo glaubst du hast du Fehler gemacht?

„Gerade im ersten Teil der Saison, zum Beispiel in Mugello oder Barcelona. Dort war ich nicht bereit zum Attackieren, aber es war schwer, das nicht zu tun, weil ich zwei Titel in Folge gewonnen hatte.“

„2014 hatte ich eine unglaubliche Saison und als dann 2015 anstand denkst du dir: Warum sollte ich nicht gewinnen können? Warum ist es so schwer? Ich konnte das alles nicht in meinen Kopf bekommen und bin daher mehr Risiken eingegangen, als ich tun hätte sollen. Es lief einfach nicht.“

„Dann war ich konstanter, aber gleichzeitig musste ich trotzdem noch Risiken eingehen, wenn ich noch eine Chance auf den Titel haben wollte.“

„In Silverstone wusste ich zum Beispiel, dass ich nicht Vierter oder Fünfter werden durfte, was die normale und logische Position gewesen wäre, die ich hätte mitnehmen können.“

Glaubst du jetzt, dass du für diese Saison dankbar sein solltest?

„Ich habe 2015 vermutlich mehr gelernt als in meiner Debüt-Saison. Natürlich habe ich 2013 viel gelernt, aber da ging es nur geradeaus, ich hatte keinen Druck.“

„Letztes Jahr aber hatte ich den Druck, den du gar nicht spürst, wenn du gewinnst. Wenn du einen Fehler machst, ist das ok, aber wenn auf den einen noch einer und noch einer folgt, dann stellen dir alle Fragen. Ich bin mir sicher, dass es mir von Vorteil sein wird, dass ich das so erlebt habe.“

Hast du dich jemals unbesiegbar gefühlt?

„Wenn du ein paar gute Jahre hast, steigt dein Selbstbewusstsein und du probierst Dinge, an die du sonst gar nicht denken würdest. In der Phase geht es in deinem Kopf nur ums Gewinnen.“

„Aber ich versuche mir da andere Sportler anzuschauen, wie Valentino oder Messi beim Fußball. Sie hatten alle Tiefen, sind aber noch immer die gleichen Personen. Ich wusste, dass das bei mir auch kommen würde. Ich war mir sicher, dass es ein Jahr mal schwerer laufen könnte und so kam es dann auch.“

Wenn man sich anhört, was Pedrosa und du sagen, dann könnte man denken, dass Honda zwar zuhört, dann aber tut, was sie für das beste halten. Ist diese Einschätzung korrekt?

„Die Wahrheit ist, dass Honda alles tut, um es besser zu machen und dieses Jahr haben sie einen immensen Aufwand in einen anderen Motor gesteckt, aber alle, die Ingenieure und wir, haben erwartet, dass das auf der Strecke eine größere Auswirkung haben wird.“

„Es gibt Dinge zu verbessern und darum geht es in diesem Sport: Dass es eben nicht nur an dir liegt. Hier ist es egal, wie gut du bist, wenn du nicht das Motorrad und das Team dazu hast, wirst du niemals gewinnen.“

„2013 gab es Rennen, bei denen Honda eine bessere Basis als Yamaha hatte. Dann haben sie sich zusammengerauft. 2014 habe ich mich sehr wohl gefühlt, aber in der zweiten Saisonhälfte hatten sie ein besseres Motorrad.“

In der Geschichte von Honda hat es viele gegeben, die sagen, dass der Hersteller das Motorrad für wichtiger als den Fahrer hält. Ist das so?

„Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich habe das auch gehört, aber sie hören mir zu und dann versuchen sie es, auch wenn es am Ende in die falsche Richtung gehen kann. Von 2014 zu 2015 zum Beispiel kamen wir aus einer sehr guten Serie und sie haben einfach weitergearbeitet.“

„Wenn es so läuft, ist es egal, wie sehr der Fahrer warnt – für sie ist es schwer, ihre Anschauung plötzlich zu ändern.“

„Dann haben wir letztes Jahr ein Motorrad gehabt, welches für den Fahrer sehr schwer zu fahren war, aber welches auf manchen Strecken immer noch das beste Bike war. Dieses Jahr haben sie versucht, den Motor hinzubekommen, aber der Effekt war nicht so groß, wie wir das erwartet haben.“

Was wird in der Hinsicht passieren?

„Es ist schwer, denn die Motoren werden eingefroren, darum müssen wir an anderen Dingen arbeiten. Vom Auspuff bis zur Elektronik und so weiter. Natürlich können die größten Veränderungen nur vom größten Bauteil kommen, das können wir zu Zeit aber nicht anrühren.“

„In jedem Falle ist es, wenn wir alles gut anpassen, ein Motorrad, mit dem wir gewinnen können, wenn auch nicht immer. Das überlassen wir Mercedes in der Formel 1. In der MotoGP gibt es Strecken, die dem einen Hersteller besser liegen. Wir müssen herausfinden, wo wir Schwierigkeiten haben und wo wir attackieren können.“

Dein Vertrag und die von Pedrosa, Rossi und Lorenzo laufen Ende des Jahres aus. Was muss ein Team auf das Angebot schreiben, um Marc Márquez zu locken?

„Leidenschaft und das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamen Ziel. Ich bin hier um Titel zu gewinnen, nicht um Geld zu verdienen.“

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