MotoGP-Saisonvorschau: Das denkt und tippt die Motorsport.com-Redaktion

Dieses Wochenende beginnt die neue MotoGP-Saison in Katar. Die Experten von Motorsport.com haben die großen Fragen zum Saisonauftakt beantwortet und haben die Top 10 der Endabrechnung 2016 getippt.

Das Gremium:

 Charles Bradley – Chefredakteur

 Oriol Puigdemont – MotoGP-Redakteur

 Jamie Klein – Redakteur Großbritannien

 Lena Buffa - Leiter MotoGP Frankreich

 Matteo Nugnes - Leiter MotoGP Italien

 Toni Börner - Leiter MotoGP Deutschland

Kann jemand Lorenzo davon abhalten, seinen vierten Titel zu holen?

CB: Valentino Rossi hat letztes Jahr gezeigt, dass der GOAT (Greatest of all time) noch am Leben ist. Es müssen zwei Dinge passieren, damit Rossi diesen zehnten WM-Titel einfahren kann: Er muss sein fortgeschrittenes Alter vergessen und einmal mehr all seine Fähigkeiten abrufen, und er muss irgendwie unter die Haut von Lorenzo vordingen. Es ist bekannt, dass Lorenzos Achillesferse seine misstrauische Mentalität ist.

 

 

Rossi ist 37, nicht 67, und hat letztes Jahr einmal mehr gezeigt, dass er noch immer die Renn-Pace hat, um mit den anderen „Aliens“ mitzuhalten. Aber auf eine einzelne Runde fehlt ihm etwas. Und auf den Michelins scheint das noch genau so zu sein.

OP: Der einzige, der dazu stark genug ist, ist Marquez, aber er braucht ein besseres Motorrad als diese Honda im Moment.

JK: Mit einem Wort: nein. Der Spanier hat bei den Tests wieder dominant gewirkt und scheint nach dem Wechsel zu Michelin viel besser klar zu kommen, als seine sonstigen Rivalen Marquez und Rossi, die sich beide immer sehr stark auf den Bridgestone-Vorderreifen verlassen haben. Es wir Zeit brauchen, bis sie sich vollständig darauf eingeschossen haben werden.

Rossi wird darauf hoffen, dass Lorenzo etwas inkonstant in die Saison kommt und wird damit versuchen, auch mental Druck zu machen. Marquez hingegen muss sich auf Honda verlassen, damit er wieder an alte Stärke anknüpfen kann. Im Winter gab es einige Probleme.

Bildergalerie: MotoGP-Test in Katar

LB: Rossi ist nach den Geschehnissen aus der letzten Saison enttäuscht und will klar Revanche. Und wenn man das Level der Yamaha sieht, könnte Lorenzos Hauptkontrahent daher einmal mehr einfach aus dem eigenen Team kommen.

MN: Nach dem, was er bei den Tests im Winter gezeigt hat, ist der aktuelle Weltmeister wieder der, auf den man sein Geld setzen sollte. Yamaha hat sich am schnellsten auf die Michelin-Reifen und die Einheitselektronik eingeschossen. Daher hat momentan wohl Rossi die besten Chancen, Lorenzo zu stoppen, aber der Spanier sollte um einiges vorn liegen.

TB: Nach den Test-Ergebnissen sollten man klar „nein“ sagen. Aber genau um die gleiche Zeit im letzten Jahr haben alle gedacht, dass Marquez dominieren würde und keiner ihn aufhalten könnte. Das Tolle an diesem Sport ist: Man kann nie vorher wissen, was passiert!

Kann Honda die Probleme schnell genug in den Griff bekommen, um eine ernst zu nehmende Kraft zu werden?

CB: Es muss schon große Sorgen machen, wenn so fundamental grundlegende Sachen wie der Reifenhersteller und die Elektronik wechseln und du trotzdem noch das Problem hast, dass das Bike in der Kurvenmitte einfach nicht zu steuern ist. Marquez sagt, dass er mit den Michelins so spät wie immer bremsen kann, aber von Mitte der Kurve bis zum Ausgang hat er noch immer ein großes Problem.

Er ist letztes Jahr mehr als genug runtergefallen und macht sich daher berechtigt Sorgen um die Frontpartie seiner Honda. Da gibt es einfach keinen Weg, dieses Problem zu umfahren. Am letzten Testtag von Katar ist ihm aber ein großer Sprung gelungen und abschreiben darf man ihn erst recht nicht.

OP: Honda hat die Power, um zu reagieren. Aber das muss schnell passieren, sonst ist Yamaha zu weit weg.

JK: Marquez meint, dass Honda am letzten Tag von Katar in eine Art Wunderlösung gestolpert sei, aber das werden wir erst dieses Wochenende herausfinden, wie effektiv die wirklich ist. Aber wenn er und Pedrosa bei den ersten Rennen gezwungen sind, mit den Ducatis, Suzukis und Top-Satelliten-Fahrern zu kämpfen, während die Yamaha-Jungs einen fliegenden Start hinlegen können, dann wird das in der WM schwer kosten.

Bildergalerie: Die neue Yamaha M1 von Rossi und Lorenzo

LB: Anstatt man sich Antworten erarbeiten konnte, haben die Winter-Tests für Honda scheinbar mehr Unsicherheit und Fragen aufgeworfen, als jemals zuvor. Das Team kann seine Probleme trotzdem in den Griff bekommen, aber wenn Marquez und Pedrosa vor den Europa-Rennen zu viele Punkte verlieren, dann wirkt sich das auf die Meisterschaft aus.

MN: Am letzten Testtag von Katar hat Marquez gesagt, dass er den richtigen Weg mit der RC213V gefunden habe. Wir werden noch abwarten und sehen müssen, ob das stimmt, aber wir sollten es hoffen, denn die MotoGP braucht genau diesen Spanier an der Spitze.

TB: Honda ist der größte Hersteller auf dem Spielfeld, mit den größten Ressourcen. Auch Marquez ist gewachsen – wenn er dort wenigstens Punkte mitnehmen kann, wo er letztes Jahr gestürzt ist, könnte man schon von einer Teillösung der Probleme sprechen.

 

 

Wie viel Druck können Ducati und Suzuki auf die „großen Zwei“ machen?

CB: Maverick Vinales von Suzuki war bei den Tests sehr schnell und er scheint auch persönlich einen weiteren Schritt gemacht zu haben – den, von dem wir alle wussten, dass er das schaffen kann. Im Ducati-Land lagen Andrea Dovizioso und Andrea Iannone etwas hinter Pramac-Pilot Scott Redding zurück, der immens schneller geworden ist. Es wird aber Zeit, dass die Werks-Ducs konstant vorn gegen die Japaner kämpfen – und Iannone kratzt ganz bestimmt an seinem ersten Sieg.

OP: Ducati und Suzuki waren im Winter beide sehr schnell, aber ich glaube nicht, dass sich schon konstant genug sind, um dieses Jahr die ganze Zeit an der Spitze mitzumischen.

JK: Ducati verdient Respekt für den Schritt, den sie letztes Jahr gemacht haben, auch wenn die GP15 spät kam. In der Theorie sollten sie dieses Jahr noch näher dran sein, gerade, weil der Winter so locker gelaufen ist. Um das jetzt umzusetzen, sind vielleicht die Fahrer der einschränkende Punkt. Bei Suzuki gibt es das Problem nicht: Wunderknabe Maverick Vinales wird ganz sicher sehr bald das erste Mal auf dem Podest stehen – und nach dem, was er jüngst gezeigt hat, sollte man auch einen ersten Sieg dieses Jahr nicht als unmöglich betrachten.

Bildergalerie: MotoGP-Test in Sepang

LB: Diese beiden Hersteller hatten eine sehr unterschiedliche Saisonvorbereitung. Suzuki hat den Willen gezeigt, genau wie Vinales, der schnellste Runden gefahren ist. Bei Ducati ging es vor allem darum, Kilometer zu sammeln und das Paket in der Feinabstimmung voranzubringen, sie müssen die Leistung ihrer Bikes über die Renndistanz bringen. Denn nur das ist es, was in den Rennen zählt.

MN: Suzuki und Vinales waren die Entdeckungen des Winters und es wäre absolut genial zumindest in den ersten Rennen einen neuen Mitstreiter ganz  vorn zu sehen. Bei Ducati hat die Desmosedici GP noch nicht das volle Potenzial über eine einzelne, schnelle Runde gezeigt, aber in den Rennsimulationen lag Dovizioso sehr nah an denen von Lorenzo dran. Die italienische Marke sollte man nicht unterschätzen.

TB: In Katar kann Pramac auf dem Podest stehen – denn sie haben die Bikes, die letztes Jahr dort oben gestanden haben. Bei der neuen GP16 sehe ich noch etwas Schwierigkeiten, die es abzuarbeiten gilt. Die Suzuki in den Händen von Vinales wird stark sein. Ich habe bei meinen Kumpels schon fünf Euro auf Katar-Sieg Vinales gesetzt. Klar ist das ein Poker und vielleicht auch etwas riskant, aber Maverick ist definitiv ein Fahrer der Zukunft.

Können Satelliten-Teams für Überraschungen sorgen?

CB: Tech 3 und LCR sind da die Speerspitzen für Yamaha und Honda, aber es war die Ducati-Satelliten-Mannschaft, die am meisten beeindruckt hat. Scott Redding war mit der Werks-Ducati von 2015 für Pramac in Katar ganz vorn dabei und bei ihm geht es dieses Jahr wohl eher um Pokal oder Spital. Er kennt die MotoGP jetzt aber auch besser.

OP: Ja, besonders zu Saisonbeginn das Pramac-Ducati-Team.

JK: Die Satelliten-Mannschaften werden am Jahresbeginn die großen Profiteure der unbekannten Faktoren sein. Da vor allem Pramac, die mi den Ducati GP15 bei den Tests schnell genug für die Top Sechs waren – gerade mit Scott Redding. Avintia wird in Katar auch gut aufgestellt sein. Auf Hector Barbera sollte man daher ein Auge werfen.

Fotostrecke: Alle Fahrer der MotoGP-Saison 2016

LB: Das ist das, wo sich die Einheitselektronik am meisten auswirkt: Die Abstände zwischen den Werks- und Satelliten-Teams sind kleiner geworden. Einige haben das Potenzial, da richtig Vorteile draus zu ziehen, gerade Tech 3 Yamaha, aber auch Pramac und Avintia, die beide Ducatis haben, wenngleich in unterschiedlichen Spezifikationen. LCR hatte im Winter etwas mehr Probleme, aber dass Honda insgesamt einige Probleme hat, dürfte jedem klar sein.

MN: Die Umstellung von der Open-Elektronik auf die Einheits-Software scheint gerade Hector Barbera sehr entgegen gekommen zu sein, der bei den Tests mit seiner Avintia-Ducati häufig vorn dabei war. Auch Scott Redding scheint mit der Pramac GP15 gut klar zu kommen. Es ist schade, dass sich Danilo Petrucci verletzt hat, der Star des ersten Tests.

TB: Pramac – die GP15 ist ein bewährtes Podest-Motorrad und Redding und Petrucci waren bei den Tests stark. Im Moment liegt da viel an den Fahrern. Ich sehe Tech 3 und LCR etwas in Schwierigkeiten.

Bleibt oder geht Rossi? Wird irgendein Fahrer einen großen Wechsel machen?

CB: Ich glaube, dass Rossis Entscheidung wirklich davon abhängt, wie er in die Saison startet und wie sich die nächste Phase seines Verhältnisses zu Lorenzo und Marquez entwickeln wird. Lorenzo zu Ducati? Naja, da müssten schon einige Euros gegen die japanischen Yens gesetzt werden. Für die Italiener definitiv eine Bereicherung.

OP: Ich glaube, dass Rossi seinen Vertrag mit Yamaha verlängern wird, möglicherweise um zwei weitere Jahre. Er weiß, dass es da draußen kein besseres Motorrad gibt und das Team will ihn nicht zuletzt wegen des Marketing-Wertes an Board behalten.

JK: Das ist knifflig. Müsste sich Rossi jetzt entscheiden, dann bin ich mir sicher, dass er bleiben würde, aber das wird mit Sicherheit alles anders, wenn er einen schlechten Saisonstart erwischt. Zwei weitere Jahre sind eine große Verpflichtung und er muss sicher gehen, dass er um den Sieg kämpfen kann. Bei Lorenzo und Marquez ist es eher unwahrscheinlich, dass einer der beiden nach aktuellem Stand wechselt. Aber da muss man wahrscheinlich als erstes Vinales für frei werdende Plätze bei Yamaha oder Honda sehen – sollte Rossi den Helm an die Wand nageln oder Honda die Geduld mit Pedrosa verlieren.

Bildergalerie: MotoGP-Test auf Phillip Island

LB: Dreh- und Angelpunkt des Transfermarktes wird Yamaha. Wenn Lorenzo schnell einen neuen Vertrag unterschreibt, wird Rossi fast verleitet sein zu gehen. Wenn aber Rossi vor Lorenzo einen neuen Vertrag bekommt, dann wird der Spanier mit Sicherheit gehen und sein Glück woanders versuchen. Was eigentlich, wenn Vinales sich dann den besten Sattel der Motorrad-Weltmeisterschaft schnappt?

MN: Der Vertrag zwischen Yamaha und der VR46 Riders Academy scheint wie die Präambel zu Vertragsverlängerung von Rossi zu sein. Vielleicht wird der einzige, der wechselt, Lorenzo sein, aber im Moment lässt sich schwer absehen, was ihn zu einem Wechsel zu Ducati bewegen könnte – denn die Yamaha ist nach wie vor das beste Motorrad im Feld.

TB: Ich erwarte ehrlich gesagt nicht, dass Rossi noch einmal so stark wie letztes Jahr sein wird – und wenn das der Fall sein sollte, dann wird er selbst stark nachdenken. Ich erwarte auch, dass bei Tech 3 etwas passiert, denn Smith und Espargaro wissen, dass sie möglicherweise auf ihre letzte Saison dort zusteuern. Alles andere hängt dann aber von Rossis Entscheidung ab. Lorenzo bei Ducati? Es wäre sicherlich cool, mal wieder einen frischen Wind rein zu bekommen, ich glaube aber nicht wirklich, dass das passieren wird.

 

 

Wird Casey Stoner mit einer Wildcard dabei sein?

CB: Ich bin dieses Jahr auf nichts mehr gespannt, als Stoner wieder auf der Ducati zu sein. Es wäre echt genial, wenn ein weiterer „Alien“ – wie Colin Edwards sie einst betitelte – zurückkehren würde. Er ist mir nie als einer vorgekommen, der lange weg bleiben kann, egal, wie lange er nun schon „Rentner“ sein mag.

OP: Ducati hat da vermutlich mehr Interesse daran, als er selbst. Stoner ist mega-schnell, aber auf ein ganzes Rennwochenende müsste er sich richtig, richtig vorbereiten.

JK: So sehr er auch das Gegenteil betont, ich kann mir nicht helfen, irgendwie spüre ich, dass wir ihn für das eine Rennen auf Phillip Island sehen werden – und dann werden die beiden Andreas mächtig in den Schatten gestellt.

Analyse: Unser Ausblick auf die Motorrad-Weltmeisterschaften 2016

LB: Er sagt ja immer wieder, dass er nicht wieder gänzlich in den Rennsport zurückkommen will, aber er könnte schon mit einer Wildcard dabei sein – das könnte ihn genau so reizen, wie letztes Jahr, als er den verletzten Pedrosa ersetzen wollten. Und anders als Honda würde das Ducati garantiert nicht ablehnen.

MN: Casey streitet das ab, aber scheint auch wieder diesen Willen zu haben, sich zu messen. Und Gigi Dall’Igna kann es gar nicht abwarten, ihn nach der Wildcard zu fragen.

TB: Dafür habe ich nur drei Worte: Ich hoffe es!

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Fahrer Valentino Rossi , Andrea Dovizioso , Jorge Lorenzo , Casey Stoner , Scott Redding , Marc Marquez , Danilo Petrucci , Andrea Iannone , Maverick Vinales
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