NASCAR: Wann kommt das Charter-System?

Franchising ist im US-Profi-Sport eine Normalität. In der NASCAR diskutiert man gerade über ein Charter-System: Was steckt dahinter? Und wann kommt es?

Das Thema Franchise ist im US-amerikanischen Sportgeschehen nichts Neues. Ein Franchise-System wurde bereits vor über einem Jahrhundert im Baseball eingeführt und gilt heute auch für die Basketballer der NBA, das US-amerikanische Eishockey (NHL) und die Major League Soccer (MLS).

Auch die American Footballer der NFL organisieren sich seit vielen Jahren und mit großem Erfolg als Franchising-Konstrukt.

Damit ist gemeint: Die einzelnen Football-Klubs sind exklusive Lizenznehmer der Marke NFL mit allen Rechten und Pflichten.

Es ist ein in sich geschlossener Kreis, denn Auf- oder Absteiger gibt es nicht. Auch die maximale Teilnehmerzahl ist begrenzt: Nur wenn die Klubs, also die Lizenznehmer selbst zustimmen, wird dieser Kreis erweitert.

Kurz: Hinter allen großen US-Profi-Ligen stehen Franchise-Konstrukte.

Nur im Familienkonzern der NASCAR nicht, aber das könnte sich bald ändern.

Wobei aber nicht der Begriff Franchising verwendet wird. Im NASCAR-Jargon wird gerade über ein Charter-System verhandelt.

Was wollen die NASCAR-Owner?

Was den Teambesitzern seit Jahren sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass ihre Teams selbst, zumindest offiziell, keinen adäquaten Wert abbilden, es also in Sachen "long term value" keinerlei Sicherheiten gibt.

Alle Risiken liegen ausschließlich beim Teambesitzer. Hat er Erfolg, kann er über Sponsoren und Preisgelder Unmengen von Dollars verdienen. Bleibt der Erfolg aus, hat er mindestens genauso viele Dollars verbrannt.

Oder gemäß einem uralten NASCAR-Spruch gilt nach wie vor die Binsenweisheit: "To make a small fortune in racing, you have to start with a big one."

Mit anderen Worten: NASCAR-Racing aus der Sicht der Owner ist eigentlich immer noch Kapitalimus in Reinkultur.

Aber: Es muss niemand einer Teilnahme eines Neulings zustimmen. Wenn irgendein Schrauber in einer Wellblechhütte in den Appalachen ein regelbuchgerechtes Rennauto zusammenbaut, kann er seinen Hänger beladen und nach Daytona fahren.

Dies bildete seit Jahrzehnten einen ganz speziellen Charme der NASCAR, mit dem man auch sehr gerne kokettierte.

Old-School vs. Big-Business

Doch ist dieses angestaubte Konstrukt noch zeitgemäß?

Leben wir nicht in modernen Zeiten, in denen sich im Big-Business alles um ein möglichst feingeschliffenes Business-Model dreht? Einem Business-Plan, der vielleicht von diversen Schlipsträgern in den verspiegelten Glaspalästen der Finanzkonzerne abgesegnet werden muss?

Passt in diese Welt überhaupt noch das Idealbild eines raubeinigen Schraubers in den finsteren Wäldern? Oder ist das alles bereits Hollywood-Historie und nicht mehr Gegenwart?

Ein heikles Thema. Und ein riesiges Spannungsfeld zwischen romantisch-symbolträchtiger Historie und den Anforderungen des modernen Motorsports.

Denn Hand aufs Herz: Wo gibt es in der NASCAR noch die kleinen Schrauber? Nahezu alle Organisationen sind mittlerweile Mehrwagenteams mit mehreren hundert Beschäftigten, die auf klaren, konzernartigen Strukturen aufgebaut sind.

Und wo genau kann dieser Long-Term-Value, also der langfristige Wert eines NASCAR-Teams liegen? Zum Beispiel beim Thema garantierter Startplatz.

Die alte Top-35-Regel

Klar, denn wenn ein Owner versichern kann, dass er in den kommenden fünf Jahren immer im Daytona 500 mitfahren wird, dann besitzt alleine solch ein Nachweis einen long-term-value. Übrigens nicht nur in Bezug auf das Daytona 500, sondern natürlich über alle 36 Saisonrennen.

Und sollte ein Teambesitzer, aus welchen Gründen auch immer, irgendwann auf die Idee kommen, aus dem NASCAR-Zirkus auszusteigen, dann hätte er beim Verkauf seiner Mannschaft einen Value, der den reinen Wert der Gebäude, der Rennautos, der Werkzeuge etc. weit übersteigt.

Zu diesem Zweck hatte NASCAR vor rund zehn Jahren bereits das Top-35-System eingeführt. Damals war es völlig normal, dass sich weit mehr als die 43 erlaubten Teilnehmer um einen Rennstart beworben haben.

Um nun seinen Top-Stars einen Startplatz zu garantieren, erfand NASCAR die Top-35-Regel, nach der die 35 besten Teams der Ownerwertung von vorne herein qualifiziert waren.

Der Rest der Meute balgte sich dann um die Startplätze 36 bis 42, denn Startplatz 43 war für einen ehemaligen Champion reserviert. Wiederum eine Art Arbeitsplatzgarantie für eigentlich schon zurückgetretene Promi-Altstars, die plötzlich bei einem der Mini-Teams eine Beschäftigung fanden, weil damit ein Startplatz garantiert war.

Etwas komplizierter formuliert, befindet sich auch heute noch eine ganz ähnliche Struktur im aktuellen Qualifikationsmodus.

Das Waltrip-Aus und konkrete Zahlen

Ein gutes Beispiel für die Probleme, die einem Neueinsteiger-Team gegenüberstehen, ist Michael Waltrip Racing.

Waltrip kam 2007 mit drei durchfinanzierten Teams in den Sprint-Cup und sollte eines der Toyota-Aushängeschilder werden. Doch sportlicher Misserfolg lies das Team schnell straucheln. Bereits im Herbst 2007 musste Waltrip 50 Prozent seiner Anteile an den vom Rennvirus infizierten Finanzmakler Rob Kauffman verkaufen.

Dessen Wall-Street-Dollars brachten zunächst Stabiltät in die Mannschaft, was in Clint Bowyers Vize-Titel 2012 endete. Der Richmond-Skandal 2013 war dann der Anfang vom Ende. Kauffman stieg aus, ein Nachfolger war nicht in Sicht. Heute gibt es MWR nicht mehr, der Verlust ist millionenschwer.

Kauffman begründete Mitte 2015 seinen Ausstieg: "Ohne meine signifikante finanzielle Unterstützung hätte MWR nicht bis heute bestehen können. Und aus einem geschäftlichen Ansatz heraus war es nicht mehr sinnvoll."

Sagte es, und stieg wenig später als Teilhaber bei Chip Ganassi ein.

Der amtierende NASCAR-Champion Kyle Busch, seines Zeichens selbst Teambesitzer in der Truck-Serie, unterfütterte ein solches Szenario mit einigen Zahlen.

"Nur die Sponsorenverträge haben einen echten Wert", sagte Kyle Busch. "Sollte ein Interessent zum Team stoßen, dann kauft er unter dem Strich genau diese Papiere. Wenn ein Owner verkaufen muss, dann wird er für sein Equipment vielleicht noch zehn Prozent des eigentlichen Wertes bekommen. Für Grund und Boden, die Gebäude oder alles andere vielleicht noch 50 Prozent."

Das Waltrip-Team verschwand also sang- und klanglos von der Bildfläche, was in einem Charter-System so nicht passiert wäre. Wird zum Beispiel in der NFL oder in der NBA ein Team verkauft, dann wird mitunter über Milliardensummen verhandelt.

Neue Zeiten für die alten Herren?

Interessanterweise war es ausgerechnet Rob Kauffman, der 2014 die Race Team Alliance (RTA) mitgründete. Eine Vereinigung, die die Interessen der Owner vertreten sollte. Eines der Hauptthemen: Ein Franchise-System in der NASCAR.

Rein historisch gesehen, scheut die Familie France solche Vereinigungen wie der Teufel das Weihwasser. Unvergessen ist etwa, wie NASCAR-Gründer Bill France 1969 vor dem ersten Talladega-Rennen das gesamte, sich gerade gewerkschaftlich organisierende Fahrerfeld vom Hof jagte.

Nicht so die moderne NASCAR-Führung unter France-Enkel Brian France.

"Immer dann, wenn wir die Struktur für unsere Owner verbessern können, ist das eine gute Sache", meinte France im Herbst 2015 und deutete an, dass man sich gerade in intensiven Gesprächen befinde.

Denn was NASCAR ebenfalls dringend braucht, ist frisches Blut in den Reihen der Teambesitzer. Die Herren Hendrick, Roush, Childress, Gibbs oder Penske stehen allesamt in ihren 60er- oder gar 70er-Jahren.

Der letzte erfolgreiche Jungspund in diesen Owner-Reihen ist Tony Stewart, der wiederum mit Gene Haas, Jahrgang 1952, einen recht erfahrenen Teilhaber hinter sich weiß.

NASCAR-Chef France hegt nun die Hoffnung, dass ein Franchise-System auch neue Leute für das eine oder andere Ownership anlocken könnte.

Charter-System noch zum Saisonstart?

Insofern wird derzeit hinter den Kulissen kräftig diskutiert. Sollten sich die Herrschaften einigen können, ist es sogar möglich, dass ein Charter-System noch vor dem Saisonstart 2016 in Kraft treten könnte. So berichtet zumindest das Sports-Business-Journal.

Demnach habe man die Weihnachtstage mit fast täglichen Meetings verbracht. Grundsätzlich, so der Tenor, sei man sich einig, der Teufel stecke wie immer in den Detailfragen.

Doch Details sickerten bislang kaum durch. Nur soviel: Der ursprüngliche Fünf-Jahres-Plan sah offenbar vor, das Starterfeld von 43 auf 40 Teams zu verkleinern, wobei die Charter-Allianz 36 garantierte Startplätze bekäme. Auch eine Beteiligung der Owner an den so lukrativen TV-Geldern scheint möglich zu sein.

"Es handelt sich dabei um ein mehrjähriges Abkommen, insofern sind die Details sehr wichtig", wird Kauffman zitiert.

Es ist also wohl nicht mehr die Frage, ob es gelingt, solch ein Franchise-System in der NASCAR zu implementieren. Die große Frage, die sich stellt, ist einzig noch die Frage nach dem Wann?

Alle Neuigkeiten zur NASCAR-Saison 2016 auf einen Blick.

 

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