Tony Stewart und die Suche nach dem NASCAR-Wunder

Was NASCAR-Champion Kyle Busch im Vorjahr fast spielend leicht von der Hand ging, fällt Tony Stewart sichtlich schwer.

Lang, lang ist es her. Vor mittlerweile 81 NASCAR-Wochenenden parkte Tony Stewart zuletzt in der Victory Lane.

Es war das Juni-Rennen 2013 auf der "Monster-Mile" von Dover. Jimmie Johnson dominierte, wurde nach einem kontroversen Restart-Foul strafversetzt, und nachdem zunächst Juan Pablo Montoya im Finale führte, kochte Stewart den Kolumbianer in den letzten drei Runden ab.

Es war Karriere-Erfolg Nummer 48 für den dreifachen NASCAR-Champion und zu diesem Zeitpunkt war wohl niemandem klar, dass es danach für Stewart erst so richtig schwierig wurde.

Große Fotostrecke: Die Karriere von Tony Stewart

Es begann eine teilweise brutal anmutende Abwärtsspirale.

Zunächst verhinderte eine schwere Bein-Verletzung nach einem Sprint-Car-Unfall im August 2013 Stewarts Teilnahme an den letzten 15 Saisonrennen.

Nach ausgiebigen Reha-Maßnahmen kehrte "Smoke" erst zu Saisonbeginn 2014 zurück.

Dort blieb er 21 Saisonrennen sieglos, als im August 2014 der tragische Sprint-Car-Zwischenfall mit Kevin Ward geschah, bei dem Ward sein Leben ließ.

Stewart setzte erneut drei Rennen aus und verpasste, analog zu 2013, den NASCAR-Chase.

Acht Rennen Pause

Auch in der Saison 2015 brachte der sichtlich angeschlagene Stewart/Haas-Boss kein Bein auf den Boden: Kein Sieg, nicht einmal ein einziges Top-5-Resultat und am Ende ein farbloser Gesamtrang 28.

2015 war bekanntlich das Abschiedsjahr von Jeff Gordon und als Stewart im September 2015 ankündigte, dass er nach der Saison 2016 zurücktreten werde, war diese Entwicklung einigermaßen nachvollziehbar.

Doch seine Pechsträhne war noch nicht vorbei: Zwei Wochen vor dem Saisonstart 2016 in Daytona zog er sich bei einem Buggy-Ausflug eine Wirbelsäulenverletzung zu.

Statt Daytona musste der mittlerweile 44-Jährige erneut in die Reha und verpasste die ersten acht Saisonrennen seiner Abschiedssaison.

Erst zum Richmond-Rennen Ende April kehrte Stewart zurück und fing sich gleich eine saftige Geldstrafe ein, als er NASCAR wegen der Radmuttern-Politik öffentlich kritisierte.

Stolze 35.000 US-Dollar musste er bezahlen, nur um wenige Tage später zu erfahren, dass NASCAR die kontroverse Radmutter-Regel in seinem Sinne anpasste.

Stewart wäre nicht Stewart, wenn er keinen dazu passenden Kommentar gefunden hätte: "Ich würde schon gerne wissen, warum ich 35.000 Dollar für etwas bezahlen muss, was drei Tage später geändert wird."

Natürlich: Wie im Vorjahr im Fall Kyle Busch gab NASCAR auch für Stewart eine Ausnahmeregelung aus.

Sollte "Smoke" bis Richmond einen Sieg landen können, so würde ihm zum Abschied eine Chase-Qualifikation winken.

Kyle Busch machte es 2015 vor: Nach elf verpassten Saisonrennen gewann der Joe-Gibbs-Pilot im Sommer gleich viermal, erreichte locker die Chase-Hürde und sicherte sich im November den Titel.

Rein theoretisch ist also noch nichts verloren, aber Stewarts Resultate nach dem Comeback deuten nicht auf einen zweiten NASCAR-Coup hin.

19. in Richmond, 12. in Kansas und zuletzt 34. in Dover. In Talladega übergab Stewart plangemäß seine Startnummer 14 an Ty Dillon, der immerhin Rang sechs erreichte. Die Punkte wurden freilich Talladega-Starter Stewart gut geschrieben.

Der allerletzte Turnaround?

An diesem Wochenende fährt der Sprint-Cup das Coca-Cola 600 von Charlotte aus. Es war genau das Rennen, in dem Rückkehrer Kyle Busch vor Jahresfrist die Jagd auf seinen NASCAR-Titel eröffnete.

Mitte Juni in Sonoma gewann Kyle Busch sein erstes Rennen, dann folgte im Juli das Wahnsinnstriple von Kentucky, Loudon und Indianapolis.

Nach Watkins Glen hatte der Gibbs-Pilot auch die Top 30 der Punktewertung geknackt. Der Rest ist NASCAR-Geschichte.

Im Vergleich zu Kyle Busch hat Stewart bereits vier Punkterennen absolviert und liegt nur 67 Zähler entfernt von Platz 30.

Der nötige Rennsieg, wenigstens für eine letzte Chase-Qualifikation, scheint weit weg zu sein.

Wie realistisch ist also ein allerletzter Turnaround der sagenhaften Stewart-Karriere?

Sehr gering, muss man wohl sagen.

Wenn da nicht ein Ereignis aus der Saison 2011 wäre.

Damals, nach dem August-Rennen von Michigan, polterte Stewart öffentlich, dass sein Team "nicht würdig" sei, in die NASCAR-Playoffs 2011 vorzustoßen.

Sagte es, gewann anschließend fünf von zehn Chase-Rennen und holte in einem fantastischen Homestead-Finale seinen dritten Titel nach 2002 und 2005.

Dies hatte ihm wohl niemand zugetraut und so bleibt die Frage im Raum stehen: Schafft Tony Stewart fünf Jahre später einen ähnlichen Coup?

Klar: Es wäre eine gewaltige Überraschung, aber unmöglich ist es nicht.

Und in der NASCAR-Garage gibt es wohl niemanden, der dem polternden Altmeister so etwas nicht gönnen würde.

Zumindest eine letzte Playoff-Qualifikation.

Oder: Zumindest einen würdigen Abschied.

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Rennserien NASCAR Cup
Fahrer Tony Stewart , Kyle Busch
Teams Stewart-Haas Racing , Joe Gibbs Racing
Artikelsorte News