Sébastien Carron: „Ich kann mich glücklich schätzen!“

Sébastien Carron strebt den dritten Titel in der Schweizer Rallyemeisterschaft nicht mehr um jeden Preis an. Weil ihm Lucien Revaz nur noch bei zwei Rallyes als Copilot zur Verfügung steht, hat Carron momentan nur vier Rennen im Programm.

Sébastien Carron: „Ich kann mich glücklich schätzen!“
Sébastien Carron, Lucien Revaz, Ford Fiesta R5, Team Balbosca, podest
Sébastien Carron, Lucien Revaz, Ford Fiesta R5, Team Balbosca
Sébastien Carron, Lucien Revaz, Ford Fiesta R5, Team Balbosca

Nach den sechs Saisonsiegen 2016 startet Sébastien Carron am Freitag unter neuen Vorzeichen zum ersten diesjährigen Meisterschaftslauf, der 28. Rallye du Pays de Gier in Frankreich. Sein gewohnter Copilot Lucien Revaz muss aus beruflichen Gründen kürzertreten. Seinen Platz auf dem Beifahrersitz des Ford Fiesta R5 übernimmt erstmals Vincent Landais, der als erfolgreicher Navigator bei verschiedenen Fahrern internationalen Bekanntheitsgrad errungen hat.

Im Moment hat der Walliser erst vier Einsätze fix eingeplant, dabei je zwei mit Revaz und Landais als Beifahrer. Obwohl Carron im Prinzip nur zum Vergnügen fährt, schliesst er nicht aus, dass er im Titelkampf eine entscheidende Rolle spielt. Der grosse Titelfavorit ist für ihn aber der langjährige Erzgegner Ivan Ballinari.

Spürst Du als Titelverteidiger noch einen gewissen Druck?
„Im Vergleich zu meinen bisherigen Meisterschaftsjahren ist er etwas anders. Ich war schon immer ein Fahrer, der alles gut erledigen will. Unter einem gewissen Druck bin ich zu besseren Leistungen fähig. Ich betrachte mich als Perfektionisten. Und ich freue mich darüber, einen Grossteil meiner Weggefährten weiterhin an meiner Seite zu haben. Ich versuche, mein Bestes zu geben, und im Gegenzug opfern sie sich dafür auf, damit wir alle möglichst kompetitiv sind".

Falls es gut läuft und Du Titelchancen siehst, ziehst Du dann in Betracht, vielleicht sogar alle SM-Läufe zu bestreiten?
„Im Moment ist mein Programm unvollständig. Höchstwahrscheinlich werde ich nicht überall dabei sein. Lucien, mit dem ich viele Siege und meine zwei SM-Titel eingefahren habe, kann nicht an der kompletten Meisterschaft teilnehmen, weil er kürzlich eine neue Firma eröffnet hat. Vincent ist für die Pays de Gier und Chablais vorgesehen, mit Lucien werde ich beim Critérium Jurassien im April und bei der Rallye du Valais im Oktober starten".

Was bedeutet der Verzicht auf Lucien Revaz für dich?
„Wir sind seit Kindesalter miteinander befreundet und haben den Rallyesport gemeinsam entdeckt. Er wird mir sicher schon bei der Gier fehlen, aber daran muss ich mich gewöhnen. Sobald er wieder mehr Zeit findet, werden wir andere Rallyes zusammen bestreiten".

Hast Du einen speziellen Gegner im Auge?
„Ich glaube, das Niveau in der Schweiz ist sehr hoch. Ich schaue am Start immer auf jeden. Den grössten Gegner, den es zu schlagen gilt, werde ich selbst sein. So kann ich mich auf meine Leistungen konzentrieren, ohne mich um die anderen zu kümmern. Folglich habe ich also immer ernsthafte Gegner".

Wer wäre für dich ein würdiger Nachfolger?
„Keine einfache Frage zu beantworten. Wie ich schon andeutete, haben wir viele gute Piloten in unserem kleinen Land. Wenn ich mich auf einen festlegen müsste, dann auf Bally (Ivan Ballinari, Red.). Er hat diese Saison grosse Titelchancen. Von allen Leuten hat er mir in den letzten paar Jahren die härtesten Kämpfe geliefert".

Stellst Du gewisse Ansprüche an dein Team?
„Im Moment geht es mir nur ums Vergnügen. Ich will meinem Team keinen Druck mehr auferlegen, das habe ich schon zur Genüge getan. Ich will nun mit einem Lächeln auf den Lippen herumfahren. Trotzdem starte ich natürlich, um ein Wort um den Sieg mitzureden".

Oftmals verbergen Erfolge die wahren Ambitionen. Gibt es demnach in deiner Karriere etwas, was Du bedauerst?
„In meinem Alter ist das unmöglich. Ich kann mich glücklich schätzen und mir nicht mehr wünschen. Ich durfte zweimal Schweizer Rallyemeister werden, das ist wirklich top. Wenn ein Fahrer mehrere Rennserien für sich entschieden hat, kann er nicht mehr erreichen. Am Anfang meiner Karriere dachte ich nie daran, all das zu gewinnen. Daher schaue ich mit Freude auf meine bisherige Laufbahn zurück".

Wie siehst Du deine Zukunft nach dem Rallyefahren?
„Ich habe Mühe beim Gedanken, mich nur als Zuschauer vorzustellen. Ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit auch aus purem Spass noch eines oder zwei Rennen pro Jahr bestreiten kann".

Was fehlt der Schweizer Rallyemeisterschaft im Vergleich zu anderen in Europa?
„Meiner Meinung nach nichts. Wir haben hier sehr schöne Veranstaltungen wie Valais, Chablais und Jurassien. Die Bevölkerungsdichte bei uns lässt keine grosse Anzahl Rallyes zu. Zum Glück haben wir diese Rennen (mit der Internationalen Rallye Gotthard kommt im August sogar eine neue Veranstaltung in der Deutschschweiz dazu, Red.), und zu diesen müssen wir Sorge tragen".

Was muss sich ein Schweizer Rallyemeister wünschen, um das Gefühl zu kriegen, alles erreicht zu haben?
„Natürlich muss er einmal die Rallye du Valais gewinnen! Das war für mich im letzten Oktober der schönste Moment meiner Karriere. Ich bin wirklich stolz auf diesen Sieg".

Findest Du, es wäre an der Zeit, dass das Parlament wieder Rundstreckenrennen in der Schweiz und den Bau einer Rennstrecke zulässt?
„Auf jeden Fall. Schon für die touristische Weiterentwicklung wäre dies nötig. Aber die Politiker sehen das aus einem anderen Blickwinkel. Jedes Jahr legen viele Motorsportler unzählige Kilometer zurück, nur um auf ausländischen Strecken herumzufahren. Unserer Wirtschaft und dem Tourismus ginge es mit einem eigenen Circuit in der Schweiz sicher besser. Aber ich weiss nicht, ob sich daran eines Tages mal etwas ändern wird".

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