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Kolumne von Cyndie Allemann: "Frauen bekommen nie die gleichen Chancen wie Männer...“

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Kolumne von Cyndie Allemann:
Cyndie Allemann
Autor: Cyndie Allemann
Übersetzung: Gabriele Testi, Leiter der Schweizer Redaktion
13.03.2018, 17:01

Die Rennfahrerin aus Moutier im Kanton Bern über ihr aktuelles Leben vor der Fernsehkamera, den Platz der Frauen im Motorsport und die Abschaffung der Grid Girls in der Formel 1.

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Cyndie Allemann
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Spirit Karting
Spirit Karting
Cyndie Allemann, Spirit Karting
Cyndie Allemann
Cyndie Allemann tests the Hitotsuyama Racing Audi R8 LMS Super GT car
Cyndie Allemann
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Cyndie Allemann tests the Hitotsuyama Racing Audi R8 LMS Super GT car
Cyndie Allemann
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Ginetta G50Z GT3: Cyndie Allemann, Samson Chan
Cyndie Allemann poses with #21 Hitotsuyama Racing Audi R8 LMS
Cyndie Allemann in Tokyo
Cyndie Allemann in Tokyo
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Cyndie Allemann tests the Hitotsuyama Racing Audi R8 LMS Super GT car
GT300 start: #21 Hitotsuyama Racing Audi R8 LMS: Cyndie Allemann, Akihiro Tsuzuki battle with #30 AP

Liebe Leser, Es freut mich sehr, dass ich wieder die Gelegenheit bekommen habe, mich in meiner Kolumne auf Motorsport.com Schweiz zu verschiedenen Themen zu äussern.

Für die, die mich noch nicht kennen: Ich komme ursprünglich aus Moutier und ich war lange Jahre im Motorsport tätig – vom Kartsport über die Formel Renault bis hin zum GT-Sport. 2010 ging ich sogar bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start. 

 

Jeder Pilot kommt irgendwann an den Punkt, an dem es schwierig wird, genügend Sponsorgelder für ein gutes Cockpit auftreiben zu können. Ich wählte deswegen einen etwas anderen Weg und wurde Coach. Bei Mercedes AMG liess ich mich zur Rennstreckeninstruktorin ausbilden. Seither reise ich durch die ganze Welt, um meine Schüler zu beraten und sie fahrerisch weiterzubringen. Das macht unheimlich viel Spass – besonders, wenn mir dazu ein Mercedes AMG GT3 zur Verfügung steht...

Als ich noch in Japan in der Super GT unterwegs war, wurde ich zum ersten Mal von einem deutschen Fernsehsender kontaktiert und zu einem Casting eingeladen. Sie suchten eine Rennfahrerin, die für sie Sportwagen testet, und so begann meine Fernsehkarriere bei Sport1. Seit 2014 stehe ich nun bei RTL2 für die Sendung "Grip – das Motormagazin“ vor der Kamera. Das ist im Grunde die deutsche Variante von "Top Gear“.

 

Heute ist das meine Hauptbeschäftigung, doch daneben führe ich mit meinem Bruder in der Schweiz das Team Spirit Karting. Wir haben gemeinsam einen Laden und eine Werkstatt, in der wir Reparaturen an Motoren und Chassis vornehmen, und natürlich kümmern wir uns auch um das Team selber, welches mehr als 25 Fahrer zählt, die in der Schweizer- oder der Europameisterschaft antreten. Man kann sagen, dass dieses Projekt so etwas wie unser Baby ist…

Unser Vater hatte das Team bereits besessen, als ich selber noch aktiv im Kartsport unterwegs war; mein Bruder und ich haben es in den letzten Jahren zu einem professionellen Team weiterentwickelt. Unser Anliegen ist es, junge Fahrer auf ihrem Weg nach oben zu begleiten und ihnen den Umstieg in den Automobilsport zu erleichtern. Die jüngsten unserer Fahrer sind gerademal sechs oder sieben Jahre alt. In der Saison 2015 holten wir mit einem unserer Leute den Europameistertitel, was zeigt, dass unsere Arbeit Früchte trägt. Es macht uns sehr stolz, dass es uns gelang, uns als Schweizer Team auf europäischem Niveau einen Namen zu verschaffen. 

 

Aber von all diesen Aktivitäten nimmt meine Arbeit für das Fernsehen am meisten Zeit in Anspruch. Ich habe gerade erst einen Drift-Wettbewerb mit dem DTM-Piloten Timo Glock abgedreht. Ich mache solche Sachen unheimlich gerne, da ich dabei die Gelegenheit bekomme, all das, was ich im Rennsport von Kindheit an gelernt habe, zu zeigen. Und ich kann das alles zum Spass und ohne den Druck des Wettbewerbs machen. Mir macht das richtig Freude, und darum geht es schlussendlich, denn genau das will die Sendung dem Zuschauer vermitteln. Zu Beginn war das nicht immer der Fall, denn mein Wettbewerbseifer nahm oftmals Überhand. Mittlerweile geht es mir wirklich darum, das Potential eines Autos aufzuzeigen, doch der Spass muss dabei im Vordergrund stehen.

Ich werde oft gefragt, ob mir der Wettbewerb fehlt. Es ist natürlich klar, dass man immer gewinnen will, wenn man das in seinem Blut hat, und dass einen diese Wettbewerbsmentalität nie ganz loslässt Ich geniesse es beispielsweise nach wie vor, von Zeit zu Zeit gegen die Fahrer, die ich trainiere, ein Rennen zu machen. Das Rennfahren wird mir immer fehlen, und deswegen nehme ich jede Gelegenheit dazu wahr. Allerdings fehlt mir die Welt des Motorsports nicht wirklich. Es ist mittlerweile so schwierig geworden, sich ein Cockpit zu angeln oder einen Sponsor an Land zu ziehen. Irgendwann wurde ich dem Ganzen überdrüssig.

Die Schwierigkeit, eine Frau zu sein

Der Kampf war tatsächlich schwierig für mich als Frau. Wenn man mit 15 oder 16 mit dem Rennsport beginnt, hat man noch nicht unbedingt ein grosses Selbstvertrauen, und in dieser Zeit war es für mich hart, in diesem männlichen Umfeld. Wenn ich heute beginnen würde, in meinem jetzigen Alter, wäre ich wohl viel gelassener und ich könnte mich wohl viel einfacher durchsetzen. Aber es ist klar, dass man in diesem Umfeld einer Frau weniger schnell Vertrauen schenkt als einem Mann. Das ist eine traurige Realität.

 

Bei gleichem Talent und gleichem Budget kann eine Frau immer durchkommen, doch um wirklich wettbewerbsfähig zu sein, braucht es gleichwertiges Material... Das ist nicht immer einfach zu durchschauen: Die Zuschauer sehen es nicht, die Sponsoren sehen es nicht. Nur das Team weiss, ob es allen seinen Fahrern dasselbe Material zur Verfügung stellt. Ich bin mir nicht sicher, ob es selbstverständlich ist, dass das bei allen Frauen wirklich immer der Fall ist. Ich habe diese Forme der Diskriminierung leider am eigenen Leib erfahren müssen. Ich bin überzeugt, dass eine Frau grundsätzlich genau so gut fahren kann wie ein Mann. Ich würde sogar sagen, dass der Fahrstil oftmals feinfühliger und damit reifenschonender ist. Es ist allerdings klar, dass eine Frau auf der körperlichen Seite härter arbeiten muss, doch wenn sie das tut, gibt es grundsätzlich keinen Grund zur Sorge. 

Wenn den Frauen der Einstieg in den Motorsport heute schwerfällt, hat das mit Sicherheit auch damit zu tun, dass es überhaupt nur sehr, sehr wenige Frauen gibt, die es versuchen. Es ist nicht selbstverständlich, sich in einen Sport einzusteigen, in dem gerade mal drei Frauen auf 97 Männer kommen. Und die Chance, dass von diesen dreien eine das nötige Talent mitbringt, um es in die Formel 1 zu schaffen, ist sehr gering. Und selbst wenn, es ist noch lange nicht sicher, dass sie dann auch gleich behandelt wird wie ihre männlichen Kollegen. Sobald ein Mann seinen Speed unter Beweis gestellt hat, wird er respektiert. Eine Frau hingegen muss sich immer und immer wieder beweisen, das hat kein Ende.

Als Mensch, der in den Medien ist, kommen immer wieder Leute auf mich zu, die mir gegenüber ihre Bewunderung ausdrücken, und das hat in erster Linie damit zu tun, dass ich eine Frau bin, denn mein fahrerisches Niveau ist momentan sicherlich tiefer als zu der Zeit, als ich noch aktiv Rennen fuhr. Ich kann nur hoffen, dass das viele junge Frauen motiviert, mit dem Rennsport zu beginnen. Ich denke, eines Tages werden wir eine Frau in der Formel 1 haben. Je mehr Mädchen mit dem Kartsport beginnen, desto grösser ist die Chance dazu. Es liegt aber auch in der Verantwortung der Eltern, dass sie ihre Tochter überhaupt in ein Kart klettern lassen. 

Nein, dieser Sport ist nicht nur für die Knaben da. Ich war Europameisterin im Kartsport im Alter von 13 Jahren. Mit Hilfe meines Vaters als Mechaniker haben wir uns gegen alle Werksteams durchgesetzt, und das gegen anfänglich 117 Piloten. Und wir hatten einvergleichsweise sehr kleines Budget zur Verfügung. Ich denke, das beweist sehr gut, dass es auch für eine Frau möglich ist, es weit nach oben zu schaffen.

Die Grid Girls werden der Formel 1 fehlen

Es ist für mich nicht ganz einfach, das Thema der Grid Girls anzusprechen, da ich das Gefühl habe, dass meine Meinung dazu möglicherweise etwas verzerrt ist. Vielleicht habe ich in all den Jahren in diesem sehr männlichen Umfeld einen etwas machohaften Charakter entwickelt. Immerhin musste ich mich an ihre Denkart, an ihre Mentalität, an ihre Witze etc. gewöhnen müssen. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich daran anzupassen. Als Frau musst du in der Lage sein, deine Schultern etwas breiter zu machen, wenn du in dieses Universum eintauchst.

 

Persönlich hat mich die Anwesenheit der Grid Girls nie gestört. So lange es Frauen sind, die diesen Job von sich aus machen wollen und sie kein Problem damit haben, neben den Autos zu posieren und mit ihrer Weiblichkeit zu spielen, und so lange sie korrekt und elegant gekleidet sind, sehe ich überhaupt kein Problem darin. Im Gegenteil, ich finde sogar, dass das dem Charme des Sports zuträglich ist. Man kann das mit Models oder mit Kandidatinnen bei Miss-Wahlen vergleichen: Sie lassen sich fotografieren, posieren im Badeanzug usw. Überhaupt kein Problem für mich, so lange sie all das freiwillig machen. Zudem darf man nicht vergessen, dass diese Funktion für viele junge Mädchen eine Job-Möglichkeit war.

Ich frage mich, wo die Grenzen des Feminismus sind. Heute betrifft es die Formel 1, aber was machen wir in Zukunft mit der Miss-Schweiz-Wahl? Der Miss-World-Wahl? Diese Frage sollten wir uns wirklich stellen. Ich bin überzeugt, dass jede Frau selber entscheiden darf, was sie machen will und was nicht. Eine Frau entscheidet für sich alleine, ob sie sich attraktiv zeigen will, und ob sie es mag, wenn man ihr das auch sagt. Ich habe auch eine feministische Seite, doch mir geht es dabei viel mehr um die Frage der Gleichberechtigung, was beispielsweise die Arbeit oder den Lohn betrifft. In diesen Bereichen sind wir noch weit vom Idealzustand entfernt. 

 

Die Idee, die Grid Girls durch Kinder zu ersetzten, ist nicht schlecht, doch warum nicht ein bisschen variieren? Die Hostessen und die Kinder könnten sich abwechseln, oder man könnte sie sogar mischen, warum nicht? Die Idee von Grid Boys hingegen überzeugt mich nicht wirklich, denn ich glaube nicht, dass ein Mann vor einem Auto den gleichen Charme ausstrahlt. Ich finde, eine Frau, die auf einem Bild lächelt, hat die grössere Wirkung als ein Mann. Mag sein, dass das ein bisschen machohaft ist, aber für mich ist der Motorsport eine Art Folklore, bei der die Geschwindigkeit, der Lärm... und eben auch die Grid Girls ein Teil der Show sind. 

In Japan sind sie sogar regelrechte Stars! Sie sind beinahe so wichtig wie die Piloten, sie geben Autogramme, kurz gesagt, die Zuschauer lieben sie! Die Entscheidung, welche die Formel 1 nun getroffen hat, muss respektiert werden, doch ich glaube nicht zwangsläufig, dass sie relevant ist. 

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