Kolumne zur WSBK 2018: Superlative, Abschiede und Hoffnungsträger

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Kolumne zur WSBK 2018: Superlative, Abschiede und Hoffnungsträger
Autor: Sebastian Fränzschky
29.10.2018, 11:50

Redakteur Sebastian Fränzschky wirft einen Blick auf die zu Ende gegangene Saison in der Superbike-WM und schaut hinter die Kulissen der Serie

Vorhersehbare Rennen, ein herausragend aufgelegter Johnny Rea und die Fortführung der Dominanz von Kawasaki - so werden die Kritiker die abgelaufene Superbike-WM-Saison im Gedächtnis behalten. Doch es gibt noch eine andere Sichtweise. Hinter uns liegt ein Jahr voller Rekorde und Superlativen. Traditionalisten vergöttern Carl Fogarty vermutlich für Ewigkeiten als absolute WSBK-Ikone, aber in den wichtigsten Statistiken wurde "Foggy" entthront. Und es ist momentan nicht absehbar, dass Rea aufhört, weiter Geschichte zu schreiben.

Dabei wollten die Dorna und die FIM nach der monotonen Saison 2017 einen weiteren Durchmarsch von Rea und Kawasaki verhindern. Bei den Tests im Winter gab es nur ein Thema: das neue Drehzahllimit - eine Regel, die auf den ersten Blick nur dafür gemacht war, den Serien-Weltmeister einzubremsen. In meinen Augen war die Einführung einer Maximal-Drehzahl einfach nur der logische nächste Schritt in der Evolution der Superbike-WM. Es war die Fortführung der Regeländerungen aus den vergangenen Jahren. Seit der Übernahme der Dorna wurde die WSBK von Jahr zu Jahr seriennäher. Der letzte Schritt war die Einführung einer Höchstdrehzahl, die sich an der Serienmaschine orientiert. Ob ich das gut finde? Ja und nein. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Das Problem der für die Saison 2018 eingeführten Maximal-Drehzahl war, dass es Kawasaki nicht geschwächt hat. Im Gegenteil: Die Startnummer 1 war noch dominanter als im Vorjahr. Wie kann das sein, wenn Kawasaki die größten Einschnitte erleiden musste? Ganz einfach erklärt: Im Vergleich zur Konkurrenz konnte Kawasaki am schnellsten reagieren. Da die MotoGP nach wie vor keinen Reiz auf "die Grünen" ausübt, können sie ihre Ressourcen auf die WSBK konzentrieren.

Kawasaki trotzt den Regeln, Ducatis V2 verliert den Biss

Kawasaki modifizierte den Reihenvierzylinder der ZX-10RR so, dass er bei niedrigen Drehzahlen mehr Drehmoment abgibt und seine Leistung nicht so spitz an das Hinterrad weiterleitet wie in den vergangenen Jahren. Nach etwas Umstellungszeit fand Rea diese Charakteristik richtig gut und fühlte sich auf seinem Arbeitsgerät so wohl wie noch nie. Und Zuversicht macht schnell - eine Weisheit, die sich im Motorradsport immer wieder bestätigt.

 

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Ducati war der Hersteller, der meiner Meinung nach am meisten unter den 2018er-Regeln leiden musste. Die ohnehin spezielle Leistungscharakteristik des kurzhubigen und demzufolge drehzahlfreudigen V2-Motors, gepaart mit dem deutlich zeitiger einsetzenden Drehzahlbegrenzer und dem Fakt, dass die interne Übersetzung mittlerweile nicht mehr von Strecke zu Strecke verändert werden darf, führte dazu, dass die Panigale bereits vor dem Saisonstart um die Chance gebracht wurde, in ihrer finalen WM-Saison den Titel einzufahren. Die Panigale ist das erste Ducati-Superbike, das ohne einen WM-Titel in Rente geht. Diese Tatsache hat Bologna hart getroffen.

Die Panigale scheitert im finalen Jahr

Erinnern wir uns zurück: Die Ära der V2-Panigale begann holprig. Beim Debüt in der Saison 2013 waren die Regeln alles andere als Zweizylinder-freundlich. Auf den Geraden verlor Ex-Weltmeister Carlos Checa teilweise 15 km/h auf die schnellen Aprilias. Zudem verzichtete Ducati damals auf den Luxus, ein Werksteam an den Start zu schicken - eine fatale Entscheidung, war die Panigale mit ihrem Monocoque und der rahmenlosen Konstruktion eine komplette Neuentwicklung, während sich ihre Vorgängermaschinen grundsätzlich recht ähnlich waren. Erfahrungswerte? Fehlanzeige!

 

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Die Ehe mit der Alstare-Mannschaft von Francis Batta wirkte nach wenigen Rennen wie ein Scherbenhaufen. Es folgte eine Art Neubeginn, doch um den Rückstand aufzuholen, war Zeit nötig. In dieser Phase erstarkte die Konkurrenz, Rea wechselte zu Kawasaki und Ducati biss sich an dieser schlagkräftigen Kombination jahrelang die Zähne aus.

Ende einer Ära: Das Aus der V2-Superbikes

Jetzt rollt die V2-Panigale ins Museum. Mit ihr endet eine 31-jährige Ära. Von 1988 bis 2018 werkelten in den Ducati-Superbikes ausschließlich V2-Motoren. Bereits bei den bevorstehenden Tests in Spanien schlägt der erfolgreichste Hersteller der WSBK ein neues Kapitel auf. Ich bin gespannt, wie Chaz Davies und Superbike-Debütant Alvaro Bautista mit der neuen V4-Panigale zurechtkommen.

Carl Fogarty, Ducati

Carl Fogarty, Ducati

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Eins ist klar: Ducati unternimmt größte Anstrengungen, um die Fehler der abgelaufenen Panigale-V2-Ära zu vermeiden. Der letzte Titel der erfolgsverwöhnten Italiener liegt bereits sieben Jahre zurück. Dieser Fakt in Kombination mit der unerfüllten Mission der V2-Panigale wird die Ducati-Corse-Ingenieure bis in die Haarspitzen motivieren, es mit dem neuen V4-Bike besser zu machen. Davon bin ich absolut überzeugt. Eine angekratzte Ehre war im Rennsport schon oft der Treibstoff, der eine Wende eingeleitet hat.

Jonathan Rea seit Ende Juni ungeschlagen

Zurück zu Rea: Am 10. Juni 2018 gelang es letztmals einem anderen Fahrer (Alex Lowes), einen WSBK-Laufsieg einzufahren. Es war das Sonntags-Rennen in Brünn. Rea schied nach einem Zwischenfall mit Teamkollege Tom Sykes aus und ließ sich zu einer in meinen Augen überflüssigen, unwürdigen und regelrecht peinlichen Geste hinreißen: Er applaudierte Sykes, als dieser eine Runde später an der Stelle des Geschehens vorbeifuhr. Es folgte ein wildes Wortgefecht zwischen den Kawasaki-Piloten. In meinen Augen war es das letzte Mal, dass Rea eine Form von Schwäche zeigte.

Danach folgten Doppelerfolge in Laguna Seca, Misano, Portimao, Magny-Course und San Juan. Rea feierte die längste Siegesserie der Superbike-Geschichte und sicherte sich einen weiteren Rekord. In Doha sollte dann sein eigener Punkterekord aus dem Vorjahr fallen. Doch dazu kam es nicht. Ironischerweise konnte der Nordire nur durch höhere Gewalt gestoppt werden. Nach seinem Sieg in Lauf eins hatte ich keine Zweifel am zwölften Sieg in Folge. Das Unwetter am Samstag und die resultierende Absage des zweiten Rennens beenden die Saison 2018 vorzeitig. Rea wurde um einen weiteren Rekord gebracht und einige seiner Kollegen um ihre Abschiedsrennen.

Marco Melandri ein Auslaufmodell?

Nach wie vor unklar ist, ob wir Marco Melandri noch einmal in der Superbike-WM sehen. Ist der Italiener mit 36 Jahren ein Auslaufmodell? Auf keinen Fall! Ich gestehe, dass ich vor seinem Comeback in der Saison 2017 skeptisch war. Seine finalen Einsätze in der MotoGP für Aprilia sah ich als eine Vorstufe der Arbeitsverweigerung an. Doch 2017 kehrte Melandri motiviert und hungrig zurück.

Zuletzt war der Routinier meist bester Ducati-Pilot und ließ Vizeweltmeister Chaz Davies, der seit ein paar Monaten auf der Suche nach seinem Mojo ist, regelrecht alt aussehen. Seit April konnte Davies nicht mehr gewinnen. Offen ist, ob der Brite 2019 mit der V4-Ducati wieder zu alter Stärke findet, aber für Melandri scheint es aussichtslos zu sein, noch einmal mit konkurrenzfähigem Material in der Superbike-WM anzutreten.

Second place Marco Melandri, Aruba.it Racing-Ducati SBK Team

Second place Marco Melandri, Aruba.it Racing-Ducati SBK Team

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Ich werde nie vergessen, welche Begeisterung Melandri beim vermutlich finalen Heimspiel in Misano erzeugte. Vor der Bühne der Paddock-Show formierten sich Unmengen italienischer Fans, die ihr Idol auf dem Podium feierten. Melandri war für die Außenwirkung der Serie ohne Zweifel der wichtigste Fahrer der vergangenen Jahre. Bei den Zusammentreffen habe ich den oft als egozentrische Diva eingestuften Italiener stets als höflichen, professionellen und charismatischen Interview-Partner wahrgenommen. Sollte Melandri seine Karriere beenden oder 2019 in einer anderen Serie fahren, dann ist das für die Superbike-WM ein herber Verlust. Die Serie braucht dringend Charaktere. Und Melandri war definitiv einer!

Eugene Laverty kämpft um seine Zukunft

Ähnlich traurig ist die Situation von Eugene Laverty. Es begeisterte mich, wie entschlossen Laverty nach seinem Horrorsturz in Thailand zurückkehrte. Man sah förmlich, wie er die nicht wirklich konkurrenzfähige Aprilia an ihre Grenzen und darüber hinaus brachte. Nicht nur Weltmeister Rea bestätigte mir, dass Laverty zu den größten Talenten im WSBK-Paddock zählt. Er stellte ihn auf eine Stufe mit MotoGP-Laufsieger Cal Crutchlow. Dennoch hat Laverty noch keinen Job für die Saison 2019. War Katar sein letzter Auftritt in der Superbike-WM? Ich hoffe nicht!

Phil Marron, Eugene Laverty, Milwaukee Aprilia

Phil Marron, Eugene Laverty, Milwaukee Aprilia

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Ich traf Laverty im Juni in Brünn zum Vieraugengespräch. Damals konnte er sich Hoffnungen machen, 2019 auf einem absoluten Spitzenmotorrad zu sitzen und endlich um den WM-Titel zu kämpfen. Doch bei Kawasaki und Ducati fielen die Türen zu und bei Shaun Muirs Team entschied man sich für Tom Sykes. Laverty fiel aus allen Wolken und bangt seitdem um seine Zukunft. In diesen Momenten zeigt sich, wie hart dieses Business ist und wie schnell man sich vom gefeierten Hoffnungsträger mit MotoGP-Background zum Auslaufmodell entwickelt und aufs Abstellgleis gestellt wird.

Cortese und Reiterberger lassen die Fans jubeln

Deutlich positiver ging es 2018 bei den Deutschen zu. Den Deutschen? Ja, unseren beiden Deutschen im Rahmenprogramm der Superbike-WM. Sandro Cortese sicherte sich in Katar in einem wahren Herzschlagfinale den Titel in der Supersport-WM und Markus Reiterberger dominierte die Saison in der Superstock-1000-EM. Im neuen Jahr werden wir Cortese und "Reiti" ganz sicher in der Superbike-WM sehen. Und darauf freue ich mich wie verrückt!

Supersport-Weltmeister 2018: Sandro Cortese, Kallio Racing

Supersport-Weltmeister 2018: Sandro Cortese, Kallio Racing

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Im September sprach ich Weltmeister Rea auf unsere beiden deutschen Hoffnungsträger an. Ohne großes Zögern offenbarte Rea, wie hoch er Cortese und "Reiti" einstuft. Corteses Fähigkeiten haben beim dominanten Mann der WSBK Eindruck hinterlassen: "Ich habe ihn intensiv beobachtet", gestand Rea und lobte den Fahrstil des ehemaligen Moto3-Weltmeisters: "Er hat sehr starke Fähigkeiten. Ich denke, er wird der nächste richtig schnelle Deutsche in der Superbike-WM."

Superstock-1000-Europameister 2018: Markus Reiterberger

Superstock-1000-Europameister 2018: Markus Reiterberger

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Und auch von Reiterberger spricht Rea in den höchsten Tönen: "Ich schätze Markus hoch ein. Er ist ein sehr guter Fahrer." Bleibt nur zu hoffen, dass unsere beiden Hoffnungsträger in der neuen Saison das richtige Material und Umfeld erhalten, mit dem sie ihr wahres Talent demonstrieren können, bevor sich wieder die Nörgler und Besserwisser zu Wort melden.

Karriere-Killer Honda Fireblade

Was ist mir sonst noch im Gedächtnis geblieben? Da fällt mir das bittere Schicksal von Honda-Pilot Jake Gagne ein. Die Entwicklung der Karriere des extrem freundlichen und talentierten Kaliforniers zeigt, wie knochenhart das Geschäft ist. Die Saison 2018 war wohl seine letzte Chance, sich auf einer WM-Bühne zu beweisen.

Kurzer Rückblick: Die Entwicklung der Karriere des mittlerweile 26-Jährigen begann vielversprechend. Vom Offroad-Sport wechselte er auf Asphalt und gewann 2010 den Red-Bull-Rookies-Cup. Er ließ die späteren Moto3-Weltmeister Danny Kent und Brad Binder hinter sich, setzte sich gegen Fahrer wie Philipp Öttl und Niccolo Antonelli durch. Doch er bekam nie eine Chance in der 125er-WM.

Sturz: Jake Gagne, Honda WSBK Team

Sturz: Jake Gagne, Honda WSBK Team

Foto: Gold and Goose / LAT Images

In den USA musste sich Gagne neu aufstellen. Er sprang im Vorjahr als Ersatz für den verstorbenen Landsmann Nicky Hayden ein und erhielt 2018 die Chance, eine komplette Saison zu bestreiten. Doch die Honda Fireblade erwies sich erneut als Karriere-Killer. Auch im zweiten Jahr mit der SC77 gab es wenig zu feiern. Für Gagne bleibt nur die Rückkehr in die USA.

Kommt ein Honda-Werksteam?

Als ich Stefan Bradl im Juli auf die Entwicklung seines ehemaligen Teams ansprach, kommentierte der Zahlinger gewohnt ehrlich und direkt: "Sie kommen nicht weiter." Er lag absolut richtig. Was musste sich Bradl im Vorjahr alles anhören. Er wäre unmotiviert, zeige keinen Biss und hat vermutlich nicht das nötige Talent. Unsinn! Mit stumpfen Waffen kann man gegen Werke wie Kawasaki und Ducati einfach nicht bestehen.

Mir fehlt das Verständnis, warum sich Honda weiterhin diese anhaltenden Negativ-Schlagzeilen leistet. Der größte Motorradhersteller der Welt verfügt über immense Ressourcen, bleibt in Sachen Superbike-WM aber weiterhin stur. Ich traue mich schon gar nicht mehr, das Thema HRC anzusprechen, wenn ich die Chance habe, mich mit WSBK-Ikone Ronald ten Kate oder Teammanager Kervin Bos zu unterhalten.

Es gibt Gerüchte über eine mögliche SBK-Rückkehr von Honda, dann aber vermutlich ohne die erfahrene Ten-Kate-Mannschaft. Für die WSBK wäre es ein riesiger Gewinn, wenn HRC endlich wieder Interesse an der Serie zeigt. Richtig daran glauben kann ich aber noch nicht.

Kalender 2019 ohne Lauf in Deutschland

Abschließend noch eine bittere Nachricht für die deutschen Fans: Einen Lauf in Deutschland wird es auch 2019 nicht geben. Nach dem Lausitzring-Aus im Vorjahr konnte keine Strecke gefunden werden. Ernüchterung machte sich breit, als mir WSBK-Manager Daniel Carrera bereits im September bestätigte, dass es wohl in den kommenden Jahren kaum Chancen auf einen Lauf in Deutschland gibt. Brünn, für viele deutsche Fans eine Alternative, wird 2019 ebenfalls kein Teil des Kalenders sein. Zu wenig Fans waren im Juni beim Comeback auf dem Masaryk-Ring zu Gast.

Doch es gibt auch eine Menge Gründe für eine tolle Superbike-WM-Saison 2019. Das neue Format mit drei Rennen sorgt garantiert für Abwechslung. Bei den ersten Tests werden wir sehen, wie gut Ducati in den vergangenen Monaten gearbeitet hat. Yamaha sollte man auch nicht unterschätzen, denn Michael van der Mark und Alex Lowes wissen jetzt, wie es sich anfühlt, WSBK-Rennen zu gewinnen. Beide sind hungrig für mehr! Ich bin gespannt, ob Rückkehrer Leon Haslam das Zeug hat, um Weltmeister Jonathan Rea mit gleichen Waffen herauszufordern.

Und den deutschen Fans kann ich abschließend noch das Rennen in Assen empfehlen. Nette Menschen, eine tolle Anlage und hochsommerliches Wetter waren in diesem Jahr gute Argumente für einen Besuch. Ich freu mich drauf!

Ihr Sebastian Fränzschky

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Rennserie Superbike-WM
Autor Sebastian Fränzschky
Artikelsorte Kolumne