Vorschau WSBK 2019: Exklusiv-Interview mit Lenz Leberkern (Eurosport)

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Vorschau WSBK 2019: Exklusiv-Interview mit Lenz Leberkern (Eurosport)
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20.02.2019, 07:33

Der Eurosport-Kommentator prophezeit eine spannende Superbike-Saison: Im Interview spricht er über die Chancen von Sandro Cortese und Markus Reiterberger

Am bevorstehenden Wochenende startet die Superbike-WM in ihre 32. Saison. Die deutschsprachigen Fans können die WSBK auch in diesem Jahr auf Eurosport und ServusTV verfolgen. Obwohl nach den Tests schnell klar war, dass Weltmeister Jonathan Rea (Kawasaki) erneut der große Favorit für den WM-Titel ist, gibt es allerhand interessante Nebenschauplätze. Wie schlägt sich BMW beim werksseitigen Comeback mit der neuen S1000RR? Findet Ducati nach dem Wechsel zum V4-Bike zurück auf die Erfolgsstraße? Können Sandro Cortese und Markus Reiterberger mehr deutsche Fans für die Superbike-WM begeistern? Wir haben uns mit Eurosport-Kommentator Lenz Leberkern über die Saison 2019 unterhalten und hinterfragt, welche Erwartungen der langjährige Superbike-Experte für die neue Saison hat.

Frage: "Eurosport zeigt auch in der Saison 2019 die Superbike-WM. Wie umfangreich werden die Übertragungen in der neuen Saison sein?"

Lenz Leberkern: "In den vergangenen Jahren bekam ich die Informationen über die Sendezeiten immer kurzfristiger. Ich erhielt die Infos manchmal erst am Ende des Monats für den darauffolgenden. Die Umfänge der Übertragungen werden sich grob an denen aus dem Vorjahr orientieren. Davon gehe ich aus."

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Álvaro Bautista, Aruba.it Racing , Ducati

Álvaro Bautista, Aruba.it Racing , Ducati
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Foto: : SBK Superbike International ltd.

Leon Haslam, Kawasaki Racing Team WorldSBK

Leon Haslam, Kawasaki Racing Team WorldSBK
2/7

Foto: : SBK Superbike International ltd.

Leon Camier, Moriwaki Althea Honda Team

 Leon Camier, Moriwaki Althea Honda Team
3/7

Foto: : Honda

Ryuichi Kiyonari, Moriwaki Althea Honda Team

 Ryuichi Kiyonari, Moriwaki Althea Honda Team
4/7

Foto: : Honda

Leon Haslam, Kawasaki

Leon Haslam, Kawasaki
5/7

Foto: : SBK Superbike International ltd.

Tom Sykes, BMW

Tom Sykes, BMW
6/7

Foto: : SBK Superbike International ltd.

Leon Camier, Moriwaki Althea Honda Team

 Leon Camier, Moriwaki Althea Honda Team
7/7

Foto: : Honda

Frage: "Gibt es bereits Zeiten für den Saisonauftakt in Australien?"

Lenz Leberkern: "Wir zeigen alles auf Eurosport 1 live im Free-TV. Es geht los mit der Superpole am Samstag um 2:00 Uhr und dem ersten Rennen um 5:00 Uhr. Am Sonntag zeigen wir um 2:00 Uhr das Qualifying-Rennen, das Rennen der Supersport-WM um 3:15 Uhr und das zweite Rennen der Superbike-WM um 5:00 Uhr. Wir werden auch das Rennwochenende aus Buriram live senden."

Frage: "Gibt es im Eurosport-Team Veränderungen oder bleibt es beim Duo Leberkern/Raudies?"

Leberkern: "Ich werde mit Dirk weitermachen. Es gibt keine anderen Gespräche oder Tendenzen. Es würde auch gar nicht gehen, mir den Dirk wegzunehmen. Das wäre wie eine Scheidung. Das geht gar nicht (lacht; Anm. d. Red.)!"

Was traut Leberkern den deutschen Fahrern zu?

Frage: "Mit Sandro Cortese und Markus Reiterberger gibt es 2019 gleich zwei deutsche Hoffnungsträger. Wird sich das auf die Reichweite der Superbike-WM in Deutschland auswirken oder ist es nur ein netter Nebeneffekt?"

Leberkern: "Es muss sich deutlich auswirken. Die Superbike-WM hat in den vergangenen Jahren durch die Dominanz von Jonathan Rea sicher einige Zuschauer verloren. Es ging meist nur noch darum, wer Zweiter und wer Dritter wird. Mit zwei deutschen Fahrern wird das Interesse wesentlich größer sein. Das beobachtete ich bereits bei Sandro und den anderen deutschsprachigen Fahrer in der Supersport-WM. Ich rechne auch damit, dass es in der Superbike-WM so sein wird. Der Sandro war bei den Tests schon sehr schnell. Reiti braucht noch ein bisschen. Reiti ist bei seinem Arbeitsgerät prinzipiell sensibler, so wie ich ihn kenne. Er benötigt etwas mehr Zeit, bis das Motorrad so funktioniert, dass es passt. Und dann ist er auch schnell. Es war sowieso nicht zu erwarten, dass er gegen jemanden wie Tom Sykes, der Weltmeister war und ein exzellenter Entwickler ist, sofort anstinken kann."

Sandro Cortese

Rookie Sandro Cortese gewöhnte sich im Winter schnell an die Yamaha R1

Frage: "Welche Ziele sind realistisch für die deutschen Piloten?"

Leberkern: "Schwierig. Sie müssen beide in die Top 10 fahren. Vom Material her und vom Potenzial her ist das zu erwarten. Für Sandro ist es schwierig, weil er auf ein völlig neues Gerät steigt, mit dem er zuvor noch nicht gefahren ist. Er ist kleinere Motorräder gewohnt. Doch der Umstieg funktionierte sehr schnell. Spontan würde ich sagen, dass ich Sandro momentan ein bisschen stärker einschätze. Er hat mental den Vorteil, mit einem WM-Titel in die Serie zu kommen. Im Augenblick ist er auch besser als sein hochdotierter Teamkollege (Marco Melandri; Anm. d. Red.)."

BMW meint es beim werksseitigen Comeback ernst

Frage: "BMW geht die Suprbike-WM sehr entschlossen an. Überrascht Sie das klare Bekenntnis der Münchner in Sachen Superbike-WM?"

Leberkern: "Ich habe das so nicht erwartet. Es hat mich aber auch nicht überrascht, als ich mitbekam, wer die Geschicke in der Hand hat. Es ist eine ganz einfache Geschichte. Dazu ein Vergleich von Honda und Kawasaki: Früher war es so, dass Honda sehr stark war, weil Honda immer Motorsport machen wollte. Kawasaki hatte lange die Einstellung, Motorsport machen zu müssen. Das war die Zeit, als Harald Eckl gegen Windmühlen gekämpft hat. Sie haben nur so viel gemacht, wie sie meinten, machen zu müssen, um präsent zu sein. Mittlerweile hat sich das geändert. Es hat sich um 180 Grad gedreht."

"Honda behandelt die Superbike-WM komplett stiefmütterlich. Die Ergebnisse sind dementsprechend. Kawasaki steht jetzt voll dahinter. Tom Sykes hat das Motorrad WM-fähig gemacht. Johnny Rea war sehr gut darin, ein Team um sich aufzubauen. Er schuf eine Dominanz, die für die Serie nicht unbedingt förderlich ist, doch das Team wurde durch ihn eben so stark. Provec und seine eigene Crew stehen bedingungslos hinter ihm. Bei BMW war es eben so, dass ab dem Zeitpunkt des Wechsels der Führungsetage auch wieder jemand am Drücker saß, der Benzin im Blut hat. Die Weichen wurden neu gestellt. Dann geht so was auch. Es geht nicht darum, dass ein Werk nicht will oder nicht in der Lage ist. Es geht darum, wer am Ruder sitzt. Wenn ein Entscheidungsträger agiert, der für den Motorsport etwas übrig hat, dann sieht das Konzept anders aus als vorher. Shaun Muir bestätigt das. Er betrieb vorher Kundensport mit Aprilia und BMW. Er ist überzeugt, dass BMW jetzt ein echtes Werksteam betreibt."

Markus Reiterberger, Tom Sykes

Tom Sykes und Markus Reiterberger mit ihren Werks-BMWs

Frage: "Tom Sykes deutete bei den Tests das Potenzial der neuen BMW S1000RR an. Trauen Sie Sykes in der Saison 2019 Überraschungen zu?"

Leberkern: "Pole-Positions auf jeden Fall! Ich gebe auf die Testzeiten aber nicht sehr viel. Einige Fahrer gingen auf Zeitenjagd, andere spulten ihr Testprogramm ab. Tom ist immer für eine Superpole gut. Er ist ja auch der neue Mister Superpole. Im Renntrimm sieht die Geschichte aber anders aus. Man muss abwarten, wie die BMW auf eine Renndistanz mit den Reifen umgeht. Ich traue ihm aber Podestplätze zu. Die BMW ist ein gnadenlos gutes Motorrad, genau wie die Honda Fireblade SP2. Doch man sieht, was mit dem Motorrad passiert, wenn das Werk nicht dahinter steht. BMW ist gefordert, das Motorrad nach vorne zu bringen. Die Luft an der Spitze ist sehr dünn."

Viele Fragezeichen bei Honda

Frage: "Honda ist in der neuen Saison das große Fragezeichen, denn die Werkspiloten Leon Camier und Ryuichi Kiyonari waren bei den Tests in Europa nicht dabei."

Leberkern: "Hondas Strategie ist für mich absolut unverständlich. Sie waren mit Alessandro Delbianco vor Ort, was für mich einer absoluten Katastrophe gleicht. Ich verstehe nicht, warum Leon Camier und Ryuichi Kiyonari in Japan rumrollen und Delbianco in Europa mit irrsinnig viel Druck fährt. Es ist stark abzusehen, was passieren wird. Leon Camier ist ein exzellenter Entwickler. Das sah man bereits. Doch man sah auch, wie schnell er bei Ten Kate an sein Limit kam. Man prügelt extrem auf Ten Kate ein, doch das ist ein guter Laden. Es ist eine gute Mannschaft."

"Sicherlich kamen sie an ihre Grenzen, aber ein Konglomerat aus Moriwaki und Althea muss erst einmal funktionieren. Leon Camier kennt das Motorrad, kam aber bis an einen gewissen Punkt und nicht weiter. Wieso man Ryuichi Kiyonari auf das zweite Motorrad setzen konnte, ist mir ein absolutes Rätsel. Er fuhr zuletzt in der BSB völlig lustlos durch die Gegend. Es ist für mich eine absolute Katastrophe. Ich finde es gut, auf Delbianco zu setzen, um Jugend reinzubringen. Allerdings befürchte ich, dass er verheizt wird. Er könnte am Druck zerbrechen. Ich wünsche es ihm nicht und hoffe, dass es gut läuft."

Leon Camier

Honda erlebte zwei enttäuschende Jahre und trennte sich von Ten Kate

Frage: "Sie haben die Trennung von Honda und Ten Kate angesprochen. Die holländische Mannschaft um Ronald und Gerrit ten Kate war auch in schweren Zeiten ein loyaler Partner von Honda. Doch dann wurde die Ten-Kate-Mannschaft ziemlich überraschend abserviert. Trauen Sie dem Team noch 2019 ein Comeback zu und wenn ja, mit welchem Material?"

Leberkern: "Schwierig, extrem schwierig. Man darf nicht vergessen, dass Ten Kate nicht nur das Rennteam ist. Sie haben in Holland einen sehr erfolgreichen Motorradladen. Die Frage ist, ob ein Ronald oder Gerrit ten Kate - und ich kenne sie jetzt seit 20 Jahren - noch das Feuer und die Leidenschaft in sich haben, die sie zu Beginn hatten. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mit eigenem Geld in die Superbike-WM einsteigen. Es ist eine teure Serie."

"Die Züge für die Saison 2019 sind abgefahren. Kein Werk wird wohl zusätzliches Material bereitstellen. Wenn sie mit einer privaten Honda einfach nur mitfahren, dann machen sie ihren Namen kaputt. Ich rechne nicht damit, dass sie 2019 noch kommen. Sie werden sich für 2020 vielleicht mit einem neuen Hersteller neu aufstellen, wenn die Motivation groß genug ist. Ich zweifle aber an einem Markenwechsel. Ten Kate hat sich das Honda-Logo in die Unterhosen genäht. Ob sie doch mit einem anderen Hersteller zurückkommen? Wir werden es sehen. Ich rechne 2019 nicht mit ihnen, lass mich aber gern überraschen."

Ducati startet in der WSBK in eine neue Ära

Frage: "Ducati hat mit der Panigale V4R ein neues Motorrad. Bei den ersten Tests in Europa setzte das revolutionäre V4-Bike die Superbike-Welt nicht gerade in Brand. Steht den Italienern ein reines Lernjahr bevor?"

Leberkern: "Die Saison wird mit Sicherheit ein Lernjahr. Man muss sich nur an das Debüt der V2-Panigale erinnern. Damals wurde extrem gejammert, weil die Erfolge nicht kamen. Man brauchte ziemlich viel Zeit, um die Maschine konkurrenzfähig zu machen. Bei der Yamaha R1 war es ähnlich. Die Maschine ging mit extremen Vorschusslorbeeren in die Superbike-WM. Ducati braucht unter Umständen auch ein halbes Jahr, bis sie vorne mithalten können. Chaz Davies und die anderen Ducati-Piloten spulen erst einmal ihr Testprogramm ab."

"Es gibt bei einem neuen Motorrad so viele Aufgaben. Da geht man eher nicht auf Zeitenjagd. Ich bin vorsichtig. Ich traue der V4-Ducati sehr viel zu. Ich bin vom Design her kein absoluter Fan der Maschine, weil die Löcher in der Verkleidung sehr groß sind. Aber es ist dennoch ein fantastisches und geiles Motorrad. Ich denke, in einem halben Jahr sind sie vorne bei der Musik mit dabei. Es wird sich zeigen, wie konstant sie dann sind. Chaz Davies war im Vergleich zu Johnny Rea leider nie eine konstante Gefahr, weil er zu viele Fehler gemacht hat."

Chaz Davies

Chaz Davies war bei den Tests in Europa nicht in Schlagdistanz zu Jonathan Rea

Frage: "Bei den Tests in Europa war Yamaha der erste Verfolger von Kawasaki. Entspricht das auch Ihrer Einschätzung für 2019?"

Leberkern: "Über das Jahr gesehen wird Yamaha der größte Gegner sein von Kawasaki, denn in den beiden vergangenen Jahren gab es bei der R1 eine kontinuierliche Entwicklung. Es war nicht so, dass sie ein Strohfeuer abgebrannt haben und danach wieder weg waren. Alex Lowes und Michael van der Mark fuhren immer auf Augenhöhe. Man konnte im vergangenen Jahr wunderschöne Zweikämpfe beobachten. Sie stachelten sich gegenseitig an und das Projekt entwickelte sich kontinuierlich. Teamchef Paul Denning ist bekannt für solche Strategien."

"Das Motorrad ist jetzt richtig gut. Lowes stürzt nicht mehr so oft und van der Mark setzt sich selbst nicht mehr unter so starken Druck wie in der Vergangenheit. Er weiß jetzt, wie es sich anfühlt, zu gewinnen. Er weiß, dass er es kann. Ich rechne damit, dass die Blauen die stärkste Gefahr für die Grünen sind in dieser Saison. Ich gehe aber davon aus, dass BMW und Ducati bis zur Saisonmitte aufgeschlossen haben."

Weltmeister Jonathan Rea unschlagbar?

Frage: "Wer ist Ihr Geheimtipp der Saison?"

Leberkern: "Mein Geheimtipp ist überhaupt nicht geheim (lacht; Anm. d. Red.). Ich tippe voll und ganz auf Johnny Rea. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass er um sich herum ein Team aufgebaut hat, das extrem homogen und stark ist. Kawasaki ist so stark engagiert in der Superbike-WM, wie sie es zuvor noch nie waren. Das trägt Früchte. Sein Team vertraut ihm blind. Sie stehen bedingungslos hinter ihm. Crewchief Pere Riba, den ich selbst noch fahren sah, ist ein exzellenter Techniker und Stratege. Fabien Foret gehört zum Team. Ich bin kein Freund von Foret, doch im Team scheint er zu funktionieren. Es wird so sein wie in den vergangenen Jahren. Rea wird konstant und schnell sein. Johnny war immer vorne dabei, während seine Gegner oft Fehler machten. Er hatte dadurch auch oft das Glück des Tüchtigen. Vielleicht rückt alles ein bisschen enger zusammen. Ich hoffe, dass er nicht so dominant sein wird. Doch er ist mein klarer Favorit."

Jonathan Rea

Jonathan Rea: Folgt der fünfte Titel in Folge?

Frage: "Vielen Dank für das Interview. Haben Sie eine abschließende Botschaft an die WSBK-Fans?"

Leberkern: "Ich würde mich einfach freuen, wenn die Leute wieder bei der Superbike-WM einschalten, denn es ist eine tolle Serie. Ich gehe davon aus, dass die Meisterschaft spannender wird als in den vergangenen Jahren. Wir haben aus deutschsprachiger Sicht zwei heiße Eisen im Feuer bei der Superbike-WM und in der Supersport-WM mit Thomas Gradinger ein großes Talent. Er war im Vorjahr bester Rookie und ich traue ihm in diesem Jahr noch mehr zu. Es würde mich sehr freuen, wenn die Leute öfter einschalten. Und wer Eurosport2 abonniert hat, sollte auch mal bei den BSB-Übertragungen reinschauen - absolut geile Rennstrecken mit absolut geilen Rennen. Die Superbike-Serien müssen sich nicht hinter der MotoGP verstecken."

Mit Bildmaterial von Leberkern.

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Rennserie Superbike-WM
Autor Sebastian Fränzschky
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