Stefano Comini

Kolumne Comini: "Ungarn war abseits der Piste schön, aber auf der Strecke eine Tragödie"

Der zweimalige Champion der TCR International Series zeigt sich in der Kolumne bei Motorsport.com von seiner ganz persönlichen Seite. Zum Anfang erzählt er uns, was am bittersüßen Wochenende in Budapest hinter den Kulissen lief.

Liebe Freunde von Motorsport.com, in meiner neuen Kolumne erzähle ich Euch hiermit und künftig vieles aus der Welt der TCR Series und verrate auch einiges über mich selbst. Ich hätte gerne mit einer schönen Erzählung aus sportlicher Sicht angefangen, aber leider reden wir da von einer echten Tragödie...

Die Rennen in Ungarn haben bei mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Auf der Strecke kam im mir eher als Tourist, der im Schritttempo die Show um sich herum genoss, denn als Rennfahrer vor. Schade, denn ich hätte gerne eine wichtigere Rolle gespielt. Ich fühlte mich wie ein Bergsteiger, der mit 100 kg Ballast den Gipfel erreicht, aber erst Stunden nach seinen Kollegen...

Der schreckliche Fluch der BoP

Das eigentliche Problem, das uns seit Beginn der Saison Sorgen bereitet, ist die verfluchte Balance of Performance. Die BoP sorgt über Gewichtszuschläge oder -reduktionen für den Ausgleich unter den verschiedenen Marken in dieser Meisterschaft. Mein Team Comtoyou Racing und Audi Sport haben sich nie darüber beklagt, dass unser Audi RS3 LMS in der TCR International Series mit 45 kg Mehrgewicht belastet wurde. In Ungarn sind die Dinge aber inakzeptabel geworden.

Ich sage dies schon seit Jahren und jetzt merkten es auch die Jungs vom Team: In der Welt der TCR fehlt ein logischer Zusammenhang, ein gemeinsamer Leitfaden. Früher zeigte sich dies in den Entscheidungen der Rennleitung, jetzt aber auch in der BoP, weil seit Anfang des Jahres alle anderen Marken daraus ihren Nutzen gezogen haben, während bei uns nichts zu unseren Gunsten verändert wurde.

Es scheint, als ob sich alles um Audi und um Stefano Comini, also um uns dreht. Wir haben ein wirklich starkes Auto mit einem enormen Potenzial, und da wir offenbar zu oft gewinnen, werden wir mit extremen Gewichten bestraft. Das hat nichts mehr Balance of Perfomance zu tun, sondern mit einer Balance of Success, also einer Art Strafgewicht für die Erfolge, wie wir es bei Comtoyou bezeichnen.

Es wäre aber logisch, uns Kilos zu erlassen, da wir in der Qualifikation regelmässig zwei Sekunden hinter dem Ersten liegen, während ich in den Rennen das Gefühl habe, einen Panzer zu fahren. Außerdem ist alles sehr gefährlich, weil die Reifen und Bremsen unter enormer Belastung stehen. Und dies so sehr, dass am Auto meines Teamkollegen Frédéric Vervisch die rechte Vorderradaufhängung brach, obwohl neue Teile verbaut waren.

 

Es ist eine problematische Situation. Wir sind gezwungen, alles zu geben mit dem Risiko, uns selbst zu schaden oder uns zurückzuhalten, um nicht alles kaputtzumachen. Aber dies ist nicht der Sinn der Sache, warum wir uns im Tourenwagensport betätigen.

Am Ende kam ich nur mit einem Punkt aus dem zweiten Rennen nach Hause. Der kann zum Ende der Saison zwar noch wertvoll sein, aber ich habe ihn nur erhalten, weil vor mir ein Unfall passierte und ich von Ausfällen profitierte. So kann es nicht weitergehen, auch weil meine Rivalen weiterhin auch um jene Strecken „fliegen“, die ihnen theoretisch keine Vorteile bringen sollten. In Salzburg lagen wir alle innerhalb einer Sekunde, was die Ausgeglichenheit aufzeigt. Trotzdem wollte man alles verändern. Diese Regelung entbehrt jeder Logik.

Ich gebe nicht auf, aber ich habe meine Zweifel

Nach Ungarn hatten wir etwas Zeit, um uns auf das nächste Rennen in Ochersleben vorzubereiten. Eine andere Piste, die uns theoretisch nicht entgegenkommt. Wir erwarten seitens der einflussreichen Personen in der TCR einige Änderungen. Ich habe im Fahrerbriefing versucht, etwas anzuregen, aber man hat nicht auf mich gehört, was mich ärgert. Wenn das, was sie entscheiden, Gesetz ist, dann werde ich mich halt anpassen müssen. Wenn man den Meistertitel gewinnen will, möchte man aber nicht solche Probleme haben…

Ich nenne nur ein paar Beispiele, um meine Überlegungen zu erklären. An der Strecke sind sie sehr penibel, was etwa die Einhaltung der track limits betrifft – aber bei Missachtung nicht alle werden auf die gleiche Weise bestraft. Einige werden bestraft, bei anderen sieht man darüber hinweg. Im zweiten Rennen, nach der Safety-Car-Phase, ist Vernay sehr weit vor dem anderen Wagen losgefahren und hat sich auf diese Weise gleich von der Gruppe absetzen können. Dies wäre zu ahnden gewesen, was aber nicht passierte.

Budapest, eine wunderbare Stadt mit fantastischen Leuten

Themawechsel. Ich hatte in Ungarn auch viel Spaß. Es ist schön dort. Jedes Mal, wenn ich früher zum Hungaroring kam, habe ich dort gewonnen. Speziell schöne Erinnerungen habe ich aus meiner Zeit in der Mégane Trophy. Unser TCR-Rennen fand am DTM-Wochenende mit vielen Fans statt, doch die meisten begeisterten sich für Norbert Michelisz. Einige kamen auch wegen mir, wollten mich kennenlernen und schenkten mir alkoholische Spezialitäten aus der Region. Ich danke ihnen, sie waren wirklich sehr nett.

Es gab Fans, die extra wegen mir kamen. Leider wurden sie mit ihren Ausweisen nicht hereingelassen, deswegen habe ich sie auf mein Mofa geladen, um die Einlasskontrollen zu umgehen. Das war eine lustige Episode. Wie ihr wisst, lege ich besonderen Wert auf meine Fans, und wenn ich kann, versuche ich sie auf jede Art glücklich zu machen. Es gibt auch ein Bild, das uns alle drei auf dem von mir gefahrenen Mofa zeigt, fantastisch!

Die Atmosphäre war bezaubernd, wie die ganze Stadt Budapest. Das einzige Manko: In meinem Hotel gab es kein Warmwasser. Ich kann euch versichern, dass eine eiskalte Dusche am Morgen nicht gerade das höchste Gefühl war...

Ich bin wirklich froh, dass jemand wie Attila Tassi in Ungarn gewonnen hat. Er ist ein sehr guter Rennfahrer und auch abseits der Piste ein menschlich sehr angenehmer und netter Kerl mit guter Erziehung. Ihn muss man einfach gern haben. Nach seinem schlimmen Unfall in Salzburg war ich sehr beunruhigt, aber er hat ihn heil überstanden. Wenn man dann zurückkehrt und vor den Augen seiner Fans gewinnen kann, dann ist das doch eine wunderschöne Geschichte. Ich habe mich wirklich für ihn sehr gefreut.

 

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Über diesen Artikel
Rennserien TCR
Veranstaltung Hungaroring
Rennstrecke Hungaroring
Fahrer Stefano Comini
Teams Comtoyou Racing
Artikelsorte Kolumne
Tags schweiz
Topic Stefano Comini