Kolumne: Goldene Zeiten für die australischen Supercars

Zehn unterschiedliche Sieger, fünf Piloten im Titelkampf und obendrein richtig gutes Racing: Andrew van Leeuwen über die Frage, ob die australischen Supercars ihre beste Saison des vergangenen Jahrzehnts erleben.

Volvo steigt aus. Das Auslandsrennen in Malaysia wurde abgesagt. Auch wenn bei den australischen Supercars nicht alles perfekt läuft, hat die Rennserie in diesem Jahr doch ein ganz großes Plus: das Racing.

 

Und das muss man ganz einfach auch mal sagen: Die Supercars bieten in diesem Jahr herausragend guten Motorsport. Das modifizierte Super-Sprint-Format hat die Action am Samstag im Vergleich zum Vorjahr noch einmal verbessert. Und dank der weicheren Dunlop-Reifenmischungen gibt es nun viel mehr Rad-an-Rad-Duelle.

Außerdem ist das Prodrive-Team ein bisschen abgerutscht, wohingegen Triple Eight Engineering wieder zu alter Form zurückgefunden hat. Sie sind ja nun auch mit drei Autos dabei. Und Scott McLaughlin alleine ist schon eine Schau. Kurzum: Da sind alle Zutaten vorhanden für die spannendste Supercars-Saison des Jahrzehnts!

Blick auf die Punkte

Die Punkte geben uns noch eine viel bessere Auskunft über die aktuelle Situation. Denn nach 15 Saisonrennen sind die Top 5 der Meisterschaft nur durch 171 Punkte getrennt. Das ist knapp weniger als die Hälfte der Punkte, die es pro Rennwochenende maximal gibt.

So eng war es unter dem aktuellen Reglement mit 300 Punkten pro Wochenende noch nie! Und wir sind meilenweit von den Werten entfernt, wie wir sie 2011 und 2012 gesehen haben: Damals trennten die Top 5 zum gleichen Saisonzeitpunkt gewaltige 482 beziehungsweise 514 Punkte.

Vergangenes Jahr waren es 225 Punkte, die zwischen Platz eins und Platz fünf lagen. 2014 betrug der Unterschied zwischen Mark Winterbottom und Jamie Whincup auf Rang fünf 204 Punkte. Das war auch ziemlich eng, aber dazu komme ich gleich…

Tun wir erst noch der Statistik genüge: 2010 waren es 336 Punkte zwischen den Top 5, 2009 betrug der Abstand 627 Punkte und 2008 lagen wir bei 253 Punkten.

2007, mit dem damaligen Formel-1-Punktesystem, dass Alleingänge wie von Russell Ingall und Rick Kelly in den Saisons 2005 und 2006 verhindern sollte, lagen nur 103 Punkte zwischen den Top 5. Aber: Es gab insgesamt nur 1.008 Punkte über die komplette Saison hinweg (jetzt sind es 4.200). Das relativiert die Situation natürlich, denn der Abstand betrug damals 10,2 Prozent der Maximalpunkte, wohingegen es 2016 4,1 Prozent sind.

 

Lassen wir 2007 einmal außen vor, war es schon seit 2006 nicht mehr so eng bei den Supercars. In diesem Jahr fuhr man um ähnlich viele Punkte wie 2016 (nämlich 4.164) und die Top 5 lagen nach 15 Rennen nur durch 165 Punkte getrennt.

Allerdings wurde man damals auch fürs Punktehamstern belohnt und die Abstände waren von keiner großen Bedeutung. Außerdem gab es Streichresultate, die die ganze Angelegenheit noch komplizierter gemacht haben.

Es kommt noch besser!

Zahlen sind aber nur das Eine. Denn 2015 und 2014 waren ja ebenfalls umkämpfte Jahre zu diesem Zeitpunkt der Saisons.

Der große Unterschied ist: 2016 gibt es fünf Fahrer, die sich ernsthafte Chancen auf den Titelgewinn ausrechnen können. Vergangenes Jahr waren Winterbottom und Chaz Mostert schon zu Saisonmitte klar die vorneweg. Und nach Mosterts Crash war nur Craig Lowndes dazu in der Lage, den Kampf an der Spitze einigermaßen spannend zu gestalten.

2014 lag Whincup mit einem Rückstand von 204 Punkten an fünfter Stelle der Tabelle, die Winterbottom anführte. Doch zehn Rennen später war Whincup vorn und sicherte sich ein Rennen vor Schluss den Titel – mit einem Vorsprung von 584 Punkten!

Im so engen Jahr 2010 ging es schon zu Saisonmitte nur zwischen James Courtney und Whincup hoch her. Es war ein Zweikampf um den Titel.

 

Das ist 2016 ganz anders. Whincup, Shane van Gisbergen, Winterbottom, Lowndes und McLaughlin mischen alle ganz vorn mit. Triple Eight Engineering scheint etwas die Nase vorn zu haben, aber unterm Strich haben alle Fünf beste Voraussetzungen, um den Titelkampf bis zum letzten Rennen offenzuhalten.

Es ist doch so: Ausgehend von den wechselhaften Ergebnissen von Townsville, sind der 104-malige Rennsieger Lowndes und Shootingstar McLaughlin die vermeintlich Schwächsten im Spitzenquintett. Und das ist nicht despektierlich gemeint, denn beide haben das Zeug dazu, bis Homebush dabei zu bleiben. Und beide könnten am Ende auch Meister werden.

Noch schöner ist, dass es bei den Top 5 nicht aufhört. Ja, die fünf Spitzenfahrer machen vielleicht den Titel unter sich aus, aber hinter ihnen kommen Will Davison (der rechnerisch ebenfalls noch ein Meisterschaftskandidat ist), Mostert, die beidne Penske-Fords, die Nissan-Jungs und einige weitere, die ebenfalls vorn mitfahren können.

Auf Sicherheit fahren, das geht nicht! Denn ein vorsichtiges Qualifying kann dich schon aus den Top 10 herauswerfen. So einfach, wie es Winterbottom im vergangenen Jahr bei seinem ersten Titelgewinn hatte, wird es 2016 nicht werden.

Das Schlimmste für den weiteren Saisonverlauf wäre freilich, wenn sich die beiden Red-Bull-Fahrzeuge vom Rest absetzen würden. Sollte das passieren, würde der Abstand zwischen den Top 5 natürlich anwachsen. Aber die Aussicht auf ein Teamduell um den Titel zwischen Giz und Whincup hätte auch was…

Klingt ganz nach einer Win-Win-Situation!

Die Supercars sind kein Sport ohne Probleme. Auslandsrennen werden gestrichen, Hersteller laufen davon, Gremien verweigern die Austragung von Stadtrennen – all das sind Herausforderungen, mit denen sich die Veranstalter konfrontiert sehen.

Aber: Das Racing auf der Strecke ist besser denn je!

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Rennserien Supercars
Fahrer Craig Lowndes , Jamie Whincup , Mark Winterbottom , Shane van Gisbergen , Scott McLaughlin
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