Fredy Lienhard: Pilot, Sammler und Mäzen

Der grosse Motorsport-Mäzen Fredy Lienhard feiert am 14. September seinen 70. Geburtstag. Wir haben ihn in seinem Museum „autobau“ getroffen, dem wohl schönsten Automobil-Museum der Schweiz.

Am Donnerstag feiert Fredy Lienhard, ehemaliger Sieger der 24 Stunden von Daytona und wichtiger Förderer des Schweizer Automobilrennsports, seinen 70. Geburtstag. Im Hinblick auf dieses Jubiläum hat sich Motorsport.com mit ihm in seinem Museum "autobau“ in Romanshorn im Kanton Thurgau getroffen.

Der Appenzeller trat in verschiedenen Funktionen in Erscheinung, doch heute erinnert man sich an ihn in erster Linie als ehemaligen Rennfahrer und engagierten Sammler. In seinem Museum stehen mehr als 120 Autos, darunter mehrere F1-Wagen und einige der schönsten Ferrari und Porsche, die je das Fliessband verlassen haben.

 

Daneben ist er aber auch ein erfolgreicher Industrieller. Sein Unternehmens Lista, das sich auf Büromöbel und Schubladenschränke spezialisiert hat, ermöglichte es ihm, verschiedene nationale Meisterschaften sowie zahlreiche Piloten – darunter den Porsche-Werkspiloten Neel Jani, der 2016 sowohl die 24 Stunden von Le Mans als auch die Langstrecken-WM für sich entscheiden konnte – finanziell zu unterstützen.

"Den ersten Rennfahrer, den ich unterstützte? Das war Bruno Eichmann, der damals Formel V fuhr“, erzählt er uns bei unserem Besuch in seinem Museum. Er hat es sich im linken Flügel in einem Ledersessel bequem gemacht, direkt oberhalb seiner imposanten Ferrari-Sammlung. "Mein Lieblingsauto im Museum? Der Porsche RS Sypder!“, fügt er an, ohne dass er lange überlegen muss.

Das Rennsport-Virus war ihm von seinem Vater Alfred Lienhard vererbt worden, der in den Fünfzigerjahren mit einem Porsche 356 Pré-A mehrere Bergrennen in der Schweiz bestritten hatte.

 

In einem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Raum zeigt Fredy uns ein Schwarz-Weiss-Foto, auf dem sein Vater beim Bergrennen in Mitholz-Kandersteg zu sehen ist. Daneben entdecken wir auf einem weiteren alten Bild einen Mini, der offenbar im Renntempo durch eine Haarnadelkurve fliegt. "Da bin ich am Steuer“, erklärt er stolz. War das sein erstes Rennen? "Nein, begonnen habe ich mit Seifenkisten!“

Von den Seifenkisten ist er bis heute nicht losgekommen: Er sponsert die Autobau Seifenkisten Derby Schweizermeisterschaft. "Ich unterstütze auch die Schweizer Kart-Meisterschaft“, fährt Lienhard fort. Doch warum ist es ihm überhaupt ein Anliegen, junge Piloten zu unterstützen?

 

"Ich befand mich zu Beginn meiner Karriere in genau der gleichen Situation, als ich 1969 das Lista Racing Team gründete, mit dem ich Formel V-Wagen und Porsches einsetzte“, erklärt er. "Damals waren wir schon zufrieden, wenn wir irgendwie 3'000 Franken zusammenbekamen. Von daher weiss ich, dass jede Art von Unterstützung wertvoll ist.“

 

"Der Automobilrennsport ist nun mal sehr teuer. Doch durch das Geld, das ich investierte, konnte ich für meine Firma Lista neue Märkte erreichen“, fügt er an. "Heute sind unser besten Kunden in Italien und England Ferrari und McLaren!“

Praktisch alle grossen Automobilhersteller verwenden mittlerweile Mobiliar von Lista: Von Audi über Bugatti, Citroën, Ford, Lamborghini, Maserati, Mercedes, Opel, Peugeot, Porsche, Renault, Toyota, Volvo bis hin zu Volkswagen (und vielen anderen). Dazu kommen Formel-1-Teams wie Ferrari und McLaren, aber auch Sauber, um nur drei zu nennen.

 

Überhaupt hat er eine enge Bindung zu Peter Sauber, dem Gründer des gleichnamigen Formel-1-Teams. Das geht soweit, dass der ehemalige Rennstallbesitzer die Sammlung seiner eigenen Rennwagen im Museum von Fredy Lienhard untergebracht hat – im neuen Flügel mit dem Namen "Polygon“, der im Oktober letzten Jahres eröffnet wurde.

"In diesem Flügel sind neben einem guten Dutzend F1-Wagen auch zwei Renner von Neel Jani ausgestellt, ein Formel Renault 2.0 und das Auto, mit dem er 2008 den Weltmeistertitel in der A1 GP eingefahren hat“, ergänzt Lienhard. "Während der Eröffnungsfeier kam seine Mutter zu mir, um sich zu bedanken. "Dass mein Sohn heute dort ist, wo er ist, hat er nicht zuletzt Ihnen zu verdanken“, meinte sie, und das war ein Kompliment, das mich sehr stolz machte. Ich freue mich jedes Mal, wenn einem der Piloten, die ich unterstütze, der Schritt in den Profisport gelingt!“

 

Podium LMP2: les vainqueurs Fredy Lienhard, Didier Theys et Eric van de Poele
Podium LMP2: les vainqueurs Fredy Lienhard, Didier Theys et Eric van de Poele

Photo de: Linda Mansfield

Ausser Neel Jani gelang das auch Rahel Frey, Nico Müller und Simona de Silvestro – Frey und Müller mit Audi in der DTM, de Silvestro mit Nissan in der australischen Tourenwagenmeisterschaft. Ihr IndyCar ist übrigens ebenfalls im autobau zu bestaunen. "Simona de Silvestro ist wahrscheinlich diejenige, die ich am meisten unterstützt habe“, fügt er an.

Dann holt er aus einem der Lista-Möbel, die ihm sein ganzes Vermögen eingebracht haben, einige der zahlreichen Sponsoring-Dossiers heraus, die er im Jahr 2001 bekam. Auf einem davon ist folgender Übertitel zu lesen: "Neel Jani, 18 Jahre, Vize-Europa-Meister der Formel Renault“, direkt darunter ein Bild, das Jani in Estoril zuoberst auf dem Podest zeigt, flankiert von Lewis Hamilton und José Maria Lopez.

 

Einige Jahre später sollten diese drei Piloten in ihren jeweiligen Kategorien den WM-Titel einfahren – Jani in der WEC, Lopez in der WTCC und Hamilton in der Formel 1. Auch Neel Jani hat im Verlaufe seiner Karriere mehrfach F1-Luft geschnuppert, zuerst bei Sauber, wo er verschiedentlich Aero-Tests durchführte, und danach in der Saison 2006 als dritter Pilot bei Toro Rosso – zu einem Zeitpunkt, als die dritten Piloten noch regelmässig am Freitag eingesetzt wurden. "Neel hätte es mit Sicherheit auch in der Formel 1 schaffen können. Er war einfach nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort“, sagt Lienhard mit leichtem Bedauern.

 

Hätte vielleicht Peter Sauber mehr aus dem grossen Talent von Neel Jani machen und ihm eine Chance geben müssen? "Ich hätte an Peters Stelle mit Sicherheit einiges anders gemacht, doch im Allgemeinen ziehe ich meinen Hut vor dem, was er auf die Beine gestellt hat“, gibt er sich diplomatisch. "Heute ist sein Team das viertälteste der Formel 1, hinter Ferrari, McLaren und Williams. Das ist doch fantastisch, oder? Ganz zu schweigen von seinem Sieg mit Mercedes bei den 24 Stunden von Le Mans.“

 

"Und überhaupt, auch wenn Jani in der Formel 1 nie wirklich Fuss fassen konnte, so hat er doch bei Porsche im Langstreckensport eine schöne Karriere gemacht“, gibt er zu bedenken. Schliesslich war es Lienhard selber, der dem amtierenden WEC-Meister die Tür zu Porsche öffnete, indem er ihm mehrfach Testfahrten mit seinem privaten Porsche Spyder RS LMP2 ermöglichte.

Heute ist dieser Porsche Spyder RS Fredy Lienhards Lieblingsauto. Er hat einen ganz besonderen Platz in seinem Museum – ganz in der Nähe des Dallara-Judd, dem Siegerauto der 24 Stunden von Daytona 2002. 

 

 Motorsport.com kann einen Besuch im autobau in Romanshorn nur wärmstens empfehlen. Es ist jeden Mittwoch von 16 bis 20 Uhr und jeden Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet. Private Besichtigungen können an jedem Wochentag gebucht werden.

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Über diesen Artikel
Rennserien Historisch
Veranstaltung Besuchen Sie die "Autobau“ Museum in der Schweiz
Unterveranstaltung Besondere Veranstaltung
Fahrer Fredy Lienhard , Neel Jani , Bruno Eichmann , Simona De Silvestro , Rahel Frey , Nico Müller , Alfred Lienhard
Teams Sauber , Jenzer Motorsport , Horag Racing
Artikelsorte Interview
Tags schweiz, thurgau