Kolumne von Timo Bernhard: „Am Ring war die Hölle los“

Porsche-Werksfahrer Timo Bernhard schreibt in seiner neuesten Kolumne für Motorsport.com über die Rückkehr zu alter Stärke am Nürburgring und über die einmalige Atmosphäre seines Heimrennens.

Liebe Leser von Motorsport.com,

am Nürburgring war am vergangenen Wochenende die Hölle los. Es waren so viele Fans dort, das war absolut großartig! Ich bin sehr stolz auf den deutschen Motorsport. Die Fans haben gezeigt, dass sie den Rennsport richtig lieben und leben. Es war super zu erfahren, wie viele eben doch die WEC und die Sportwagen-Szene verfolgen. Danke dafür! Denn das ist ja leider nicht so einfach. Alle Rennen live und komplett gibt es nur gegen Gebühr auf der WEC-App.

Auf meiner Heimstrecke zu gewinnen, war unglaublich schön und macht mich (fast) sprachlos. Der Nürburgring ist für mich „The Heart of German Racing“, hier zu fahren, ist jedes Mal toll für mich. Ich bin nicht allzu weit weg davon aufgewachsen und war schon als Kind dort.

Natürlich schwingen auch immer die Erinnerungen an Erfolge mit. Die fünf Siege beim 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife gehören zu meinen Karriere-Highlights.

2015 war es ausgerechnet auf dem Ring, dass Brendon, Mark und ich unseren ersten WEC-Sieg mit dem Porsche 919 Hybrid holten. Logo, den wollten wir wiederholen!

Wir sind das Wochenende entspannt angegangen. Es ist bei uns eine schöne Tradition, dass wir Fahrer einmal im Jahr das ganze Team zum Essen einladen. Diesmal hatten wir uns ein Barbecue auf der Ranch von Frikadelli Racing ausgedacht. Wir hatten Glück mit dem Wetter und eine super Atmosphäre bei Sabine Schmitz und Klaus Abbelen mit ihrem ganzen Zoo.

Der Grand-Prix-Kurs ist eine Strecke alten Schlages, ganz natürlich eingebettet in die Hügel der Eifel. Halt so, wie das vor 20 Jahren üblich war, und ich glaube das alleine ist schon ein Garant für Fahrspaß und spannende Rennen.

 

Dabei ist der Ring keine einfache Strecke. Man muss unbedingt einen guten Rhythmus finden und immer schön im Fluss bleiben. Man darf die Kurven nicht einzeln betrachten, sondern muss immer einen gesamten Abschnitt im Blick haben, weil viele Kurven unmittelbar zusammenhängen. Das ist eine schwierige und superschöne Herausforderung für einen Fahrer.

Mit unserem neuen Highdownforce-Aeropaket ist es für uns in den ersten beiden Trainings gut gelaufen, wir konnten unser Abstimmungsprogramm wie geplant absolvieren. Bei den Rundenzeiten hat man schon gesehen dass alle drei Hersteller verdammt eng beieinander liegen.

Vor dem Qualifying hatte es sich so richtig eingeregnet. Aber dann war für den Großteil der Session doch trocken. Auf meinen beiden Runden hatte ich leider etwas Verkehr mit LMP2-Fahrzeugen. Mark erwischte zum Schluss zwar eine freie Runde, aber dann begann es leider in der letzten Schikane zu regnen.

Es war etwas eine Lotterie mit dem Zeitfenster. Audi erwischte es am besten, und für uns war es am Ende Startplatz drei für das Rennen.

Am Renntag zeigte sich die Eifel mit gutem Wetter und vollen Tribünen. Der Start ist für mich gut gelaufen, ich konnte direkt auf Platz zwei vorfahren und den führenden Audi unter Druck setzen. Wir hatten einen guten Zweikampf. Ich konnte mich sogar an ihm vorbeischieben, musste dann aber aufgrund des Verkehrs bremsen, und da war er wieder vorne.

 

Beim Boxenstopp konnten wir uns dann an die Spitze setzen. Danke an unsere schnelle Crew!
Kurz darauf gab es aber Probleme für Brendon: sinkender Reifendruck, ein schleichender Plattfuß. Deshalb haben wir den nächsten Stopp rasch vorgezogen. Wir hatten Glück: Die Aktion hat uns keinen Extra-Stopp gekostet.

Es war ein extrem enges Rennen. Harte Arbeit für jeden von uns und eine super Show – Motorsport vom Feinsten. Ich übernahm unser Auto für den letzten Stint und hatte das Vergnügen, als Sieger ins Ziel zu fahren. Es war ein Hochgenuss!

Wir wissen, dass wir aufgrund der glücklosen ersten drei Rennen in der Fahrer-WM nicht mehr viel ausrichten können. Aber es war so wichtig für uns, jetzt mal wieder ein Erfolgserlebnis zu haben. Wir sind alle drei Porsche-Fahrer mit Leib und Seele und stolz auf die Punkte für die Konstrukteurs-WM!

Euer
Timo Bernhard

 

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung Nürburgring
Rennstrecke Nürburgring
Fahrer Mark Webber , Timo Bernhard , Brendon Hartley
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kommentar
Tags langstrecken-wm, nurburgring, porsche, porsche 919 hybrid, prototyp, sportwagen, wec