Kolumne von Timo Bernhard: „Eau Rouge in jeder Runde ein Adrenalin-Kick“

Porsche-Fahrer Timo Bernhard schreibt in seiner Kolumne bei Motorsport.com über das actionreiche WEC-Rennwochenende in Spa-Francorchamps und warum er schon jetzt nur noch an Le Mans denkt!

Liebe Leser von Motorsport.com,

der zweite WM-Lauf in Spa-Francorchamps war für unser Porsche-Team ein Wechselbad der Gefühle. Und das bei konstant strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen, was ja eher untypisch ist für diese Rennstrecke in den Ardennen. So ungewöhnlich, dass tatsächlich niemand mit Asphalttemperaturen um die 50 Grad gerechnet hatte. Das hat unseren Reifen zu schaffen gemacht, war aber am Ende nicht unsere größte Sorge. Doch der Reihe nach…

In Spa hatten wir erstmals an einem Rennwochenende unser Aerodynamikpaket für Le Mans im Einsatz. Es ist ausgelegt für möglichst geringen Luftwiderstand auf den langen Geraden des Circuit de la Sarthe und bietet im Umkehrschluss weniger Abtrieb in den Kurven. Bei unserem Test in Spa Ende März waren wir noch in anderer Konfiguration unterwegs gewesen und hatten auch weniger schönes Wetter gehabt. Die damals gewonnenen Erkenntnisse waren also nicht mehr wirklich aussagkräftig.

 

In den freien Trainings gab es entsprechend viel Abstimmungsarbeit zu leisten. Unser Porsche 919 Hybrid hat problemlos funktioniert. Wir waren am Donnerstag das schnellste Auto auf der Strecke und am Freitag im Qualifying konnten wir uns über die erste Pole-Position der Saison freuen.

In der WEC zählt ja immer der Durchschnitt aus der jeweils schnellsten Runde von zwei Fahrern. Diesmal waren Brendon und ich im Einsatz. Unser Kiwi legte eine super Runde vor. Ich wusste also, was ich fahren muss. Es hat geklappt, und wir haben uns den ersten WM-Punkt in der neuen Saison gesichert.

Ein guter Auftakt in Spa-Francorchamps

Brendon startete das Rennen am Samstag und baute einen soliden Vorsprung auf. Nach 23 Runden war ich dann im Auto. Ich kam als Zweiter hinter Sebastien Buemi aus der Box, weil man bei Toyota auf einen Reifen- und Fahrerwechsel verzichtet hatte. Ein purer Tankstopp geht natürlich viel schneller. Aber mein Speed war gut und ich wusste, dass ich ihn mir früher oder später schnappen kann.

Wir hatten einen guten, harten Fight durch La Source und Eau Rouge mit wechselnden Positionen. Eau Rouge ist auf jeder Runde ein Adrenalin-Kick. Man sticht in diese Senke, spürt die Kompression, und die Kurve steht wie eine Wand vor einem. Im Zweikampf ist das natürlich noch einmal extremer.

 

Dann kam der Wendepunkt, der uns das Rennen kostete: Ich muss in der letzten Schikane über ein herumliegendes Teil gefahren sein. Dort hatte es zuvor Unfälle gegeben. In der letzten Kurve spürte ich den Druckverlust im vorderen linken Reifen. Leider zu spät, um noch in die Boxengasse einzubiegen. So musste ich die volle sieben Kilometer lange Runde mit dem sich auflösenden Reifen fahren.

Flanken- und Laufflächenstücke haben Karosserieteile zerschlagen, deshalb haben wir beim Boxenstopp die Fahrzeugnase gewechselt. Mark übernahm das Steuer, aber schon einige Runden später musste auch er wieder in die Box – erneut war der linke Vorderreifen kaputt. Und nicht nur das: Das Vorderachsgetriebe war nun auch hinüber – eine Folge der unterschiedlichen Drehzahlen der beiden Vorderräder bei der Fahrt mit den kaputten Reifen.

Bildergalerie: Timo Bernhard in Spa

Über anderthalb Stunden haben unsere Jungs fieberhaft gearbeitet, um unsere Nummer 1 wieder flottzumachen. Sie haben es in buchstäblich letzter Minute geschafft. Denn um gewertet zu werden, muss ein Fahrzeug 70 Prozent der Renndistanz zurücklegen. Weil es später auch noch eine Safety-Car-Phase gab, wurde das super knapp, hat aber am Ende auf die Runde genau gereicht. Eine Punktlandung, die uns noch wichtige Punkte beschert hat.

Mit über 50 Runden Rückstand auf den Führenden ging Mark wieder ins Rennen. Danach fuhr ich noch einen Stint, und Brendon den Schluss. Er kam schließlich auf Platz 26 in der Gesamtwertung und Rang vier in der Hybrid-Klasse ins Ziel.

Und jetzt: Le Mans!

Generell konnte man sehen, dass wir, Audi und Toyota mit unseren hochkomplexen Hybrid-Prototypen alle am Limit operieren. Im Porsche-Team hatten wir ja nicht nur Rennpech mit unserem Auto, das Schwesterauto mit der Nummer 2 hat sich mit einem Hybridproblem durch das Rennen geschleppt, ist aber trotzdem noch Zweiter geworden.

 

Natürlich ist es enttäuschend mit zwei so schwierigen Rennen und nur 1,5 Punkten in die Saison zu starten. Aber: Wir hätten mit unserem Porsche 919 Hybrid auf jeden Fall das Tempo zum Gewinnen gehabt.

Und jetzt fokussieren wir uns voll und ganz auf den Saisonhöhepunkt in Le Mans. Dort stehen neben Ruhm und Ehre auch die doppelten Punkte auf dem Spiel – das Blatt kann sich also auch für die WM jederzeit wenden.

Euer
Timo Bernhard

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC , Le Mans
Veranstaltung Spa-Francorchamps
Unterveranstaltung Nach dem Rennen, Samstag
Rennstrecke Spa-Francorchamps
Fahrer Mark Webber , Timo Bernhard , Brendon Hartley
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kommentar
Tags kolumne, le mans, porsche, spa, wec