Kolumne von WEC-Pilot Timo Bernhard: "Ein kalkuliertes Opfer"

Nur 6 Sekunden Rückstand auf den Sieger, und das nach einem 6-Stunden-Rennen: Der Auftakt zur Langstrecken-WM (WEC) 2017 in Silverstone war für Porsche-Fahrer Timo Bernhard und seine Mannschaft ein harter Kampf.

Nach der Vorbereitungsphase in Weissach, den Wintertests und dem Prolog in Monza war die Vorfreude groß, endlich in die Saison zu starten. In unserem Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 2 ist Earl Bamber in diesem Jahr neu an Bord.

Ich kenne ihn schon lange. Earl ist vor drei Jahren in meinem Carrera-Cup-Team in Deutschland gefahren, damals haben wir gemeinsam Rennen gewonnen und die Meisterschaft angeführt. Wir konnten ihn dann leider nicht im Team halten, aber das hatte einen guten Grund: Er war damals schon so stark, dass er direkt zum Werksfahrer befördert wurde.

2015 teilten wir dann als Kollegen die Box, er gehörte zum Porsche-Siegerteam in Le Mans. Inzwischen hat er sich noch weiter entwickelt, und ich bin überzeugt, dass Brendon und ich mit ihm an unsere Erfolgsstory anknüpfen können.

Unterschiedliche Aerodynamik-Philosophien

In der WEC-Saison 2017 erlaubt das Reglement nur noch zwei Aerodynamik-Pakete für die Saison. Eine Variante ist natürlich wenig Abtrieb für Le Mans. Die anderen Strecken verlangen mehr Abtrieb.

Porsche hat entschieden, zugunsten der längeren Entwicklungszeit mit dem High-Downforce-Paket bis nach Le Mans zu warten. Insofern waren wir für Silverstone nicht optimal ausgerüstet. Das war quasi ein kalkuliertes Opfer.

Aber es ging dann doch viel besser als erwartet. Zumal beide Autos am gesamten Wochenende völlig problemlos liefen – das ist beim Saisonauftakt auch nicht selbstverständlich. Das Team hat einen super Job gemacht.

Schon die Trainings am Freitag verliefen sehr positiv. Es war trocken, und wir haben konsequent an der Rennabstimmung gearbeitet.

Brendon und ich haben am Samstag die Qualifikation übernommen und hatten beide keine perfekte Runde. Ich hatte auf meiner ersten Runde einen kleinen Fehler und musste einen neuen Anlauf starten, da lieferte der Reifen aber nicht mehr seine Leistungsspitze. So wurde es für uns am Ende die 2. Startreihe und Platz 4.

Spannung bis zum Schluss!

Ein volles Haus an der Strecke am Ostersonntag sorgte für eine tolle Stimmung. Brendon verbessert sich gleich nach dem Start vom 4. auf den 3. Platz und konnte das Tempo der führenden Toyotas gut halten. Er übergab mir das Auto für den 2. Stint auf dem 2. Platz.

Bei meinem 1. Stopp entschied das Team, wegen einsetzenden Regens auch gleich auf Intermediate-Reifen zu wechseln. Es war bei den wechselnden Bedingungen nicht ganz einfach für mich, einen guten Rhythmus zu finden, aber ich konnte am führenden Toyota dranbleiben. Der Wechsel zurück auf Trockenreifen hat den 2. Teil meines geplanten Doppelstints von 29 auf 12 Runden verkürzt.

Bei Brendon, der einen tollen letzten Stint fuhr, haben wir zum Schluss auf einen Reifenwechsel verzichtet, um beim Stopp Zeit zu sparen. So konnte Brendon die Führung übernehmen. Allerdings waren seine Reifen halt nicht mehr auf der Höhe. Im engen Fight mit Sebastien Buemi im Toyota musste er sich 7 Runden vor dem Ziel geschlagen geben und kam als 2. ins Ziel.

Aufgrund der Aero-Situation waren Performance und Ergebnis deutlich besser als erwartet. Und ein Abstand von nur 6 Sekunden zwischen zwei stark unterschiedlichen Fahrzeugkonzepten nach 6 Stunden Renndauer – das ist unglaublich und genau das, was der Langstreckensport braucht.

Das Ergebnis gibt uns viel Mut für den nächsten Lauf in Spa-Francorchamps, denn dort sollten wir mit unserem Le-Mans-Aeropaket besser zurechtkommen.

Das Ziel? Der 1. Saisonsieg für Porsche! Und das Duell mit Toyota verspricht eine mega spannende Weltmeisterschaft!

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung 6h Silverstone
Rennstrecke Silverstone Circuit
Fahrer Timo Bernhard
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kolumne
Tags auftakt, lmp1, porsche, porsche 919, porsche 919 hybrid, prototyp, silverstone, sportwagen, wec