WEC-Rückblick 2017: Porsche siegt und schockiert LMP1-Welt zugleich

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WEC-Rückblick 2017: Porsche siegt und schockiert LMP1-Welt zugleich
Heiko Stritzke
Autor: Heiko Stritzke
23.12.2017, 10:01

Zum vorerst letzten Mal standen sich 2017 in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) zwei Hybridgiganten im Kampf um den WM-Titel gegenüber.

Porsche und Toyota machten mit packenden Rennen mit 1.000 PS schnell vergessen, dass sich mit Audi bereits ein Hersteller zurückgezogen hatte. Am Ende hat Toyota die meisten Rennen gewonnen, doch Porsche die Preise abgeräumt: Der Porsche 919 Hybrid holte den dritten Le-Mans-Sieg und den dritten WM-Titel in Folge.

Natürlich ist die Saison 2017 aber gekennzeichnet vom Porsche-LMP1-Ausstieg. Die Endurance-Königsklasse musste sich noch in der laufenden Saison für die Zukunft neu erfinden. Dass ein Hersteller binnen zwölf Monaten zwei Marken aus einer Meisterschaft abzieht, ist im modernen Motorsport ein beispielloses Ereignis. Ob der Abzug des 200-Millionen-Euro-Krösus am Ende Fluch oder doch ein Segen für die LMP1-Kategorie bedeutet, wird sich noch zeigen müssen.

Unabhängig von diesem traurigen Ereignis, mit der die WEC-Saison 2017 auf ewig verbunden werden wird, gab es mehrere packende Rennen in der Endurance-Königsklasse. Das Racing war auch mit nur vier Hybridboliden stark wie eh und je. Toyota erhielt von Porsche zu Saisonbeginn einen Vorsprung, als in Weissach die Entscheidung fiel, die Saison mit dem Le-Mans-Abtriebspaket zu beginnen. Doch die ersten beiden Rennen sollten zeigen, wie unvorhersehbar die WEC sein kann.

Toyota verschenkt sichere Punkte beim Auftakt

Toyota ging als haushoher Favorit in die 6 Stunden von Silverstone, doch Porsche war trotz Low-Downforce-Paket im kühlen Rennen überraschend konkurrenzfähig. Das führte zu Fehlern bei Toyota: Jose-Maria Lopez, im Nachhinein betrachtet das schwächste Glied in der Kette des Toyotas #7 (Conway/Kobayashi/Lopez), flog in einer ungünstigen Konstellation aus Regen, weißer Linie, defektem Querstabilisator und einem Fahrfehler ab. Zwar konnten die Teamkollegen #8 (Davidson/Buemi/Nakajima) das Rennen gewinnen, doch Toyota vergab wichtige Punkte im WM-Kampf. Lopez wurde für zwei Rennen im dritten Fahrzeug geparkt.

 

In Spa-Francorchamps sollte Porsches Low-Downforce-Konfiguration von der Papierform her weniger problematisch sein als in Silverstone, doch in den Ardennen drehte Toyota auf: Ein überzeugender Doppelerfolg, bei dem Porsche keine Chance hatte, war ein Ergebnis, mit dem man eigentlich in Silverstone gerechnet hatte. Dass letztlich die Nummer 8 gewann, lag daran, dass das schnellere Schwesterfahrzeug gleich zweimal Pech mit FCY-Phasen hatte.

Toyota rückte das Bild mit dem ersten Doppelerfolg seit 2014 wieder halbwegs gerade. Doch Porsche legte schon in den ersten beiden Rennen den Grundstein zum späteren Titel: Bei den beiden problematischen Rennen waren aus eigener Kraft maximal 54 Punkte zu holen. Die beiden 919 Hybrid gingen mit 60 Zählern auf dem Konto nach Le Mans. Und noch schlimmer: Toyota hatte bereits einen Nuller auf dem Konto.

Le Mans stellt die Weichen

Aufgrund der doppelten Punktzahl sollte das 24-Stunden-Rennen wieder für die Weltmeisterschaft vorentscheidenden Charakter haben. Alle sechs LMP1-Fahrzeuge stolperten über sich selbst oder wurden von Konkurrenten entsorgt, sodass bis 70 Minuten vor Schluss ein LMP2 führte. Rund um Mitternacht herum überschlugen sich die Ereignisse, die vor allem Toyota zum Verhängnis wurden. Binnen weniger Stunden waren alle drei Toyota TS050 Hybrid aus dem Kampf um den Sieg abgemeldet, das Le-Mans-Pech schlug erneut zu (mehr dazu heute Nachmittag).

 

#8 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050 Hybrid: Anthony Davidson, Sébastien Buemi, Kazuki Nakajima
#8 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050 Hybrid: Anthony Davidson, Sébastien Buemi, Kazuki Nakajima

Foto Rainier Ehrhardt

Letztlich war der Porsche-Sieg das Ergebnis einer Tatsache, die sich wie ein laufendes Band durch die Saison zog: Wenn Porsche ein Problem zu beklagen hatte, konnte man den Schaden in der Regel minimieren, während es bei Toyota einen deutlich größeren Schaden anrichtete. So gelang es Porsche, trotz eines zwischenzeitlichen Defekts am Fahrzeug #2 (Bernhard/Bamber/Hartley) den Sieg in einem bizarren 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2017 nach Hause zu fahren. Toyota hatte einen ähnlichen Defekt bei der #8 und fuhr nur Rang fünf ein - 34 Punkte Verlust auf einen Schlag.

Die Ausnahme dieser Regel stellt der bittere Ausfall des Porsches #1 (Jani/Lotterer/Tandy) wenige Stunden vor Schluss in Le Mans dar. Dieser sollte das Schicksal der bei Saisonstart als "Dreamteam" gefeierten Paarung aus dem schnellen Technikspezialisten Neel Jani, Vollgastier Andre Lotterer und Regenkönig Nick Tandy für die ganze Saison besiegeln. Nach Le Mans wurde die #1 zum Wasserträger für die #2 und die Traumpaarung blieb sieglos.

Nürburgring und Mexiko: Porsche fährt davon

Le Mans stellte in zweierlei Hinsicht die Weichen für den Ausgang der Weltmeisterschaft: Zum einen hatten beide Hersteller bereits nach drei Rennen ihren Favoriten auf den Fahrertitel, zum anderen läutete das Langstreckenrennen auf dem Circuit de la Sarthe ein drei Läufe andauerndes Tal der Tränen für Toyota ein. Bei den folgenden Rennen auf dem Nürburgring und in Mexiko war Toyota chancenlos. In der Eifel aufgrund eines technischen Defekts in der Einführungsrunde bei der #8 und wegen eines gebrochenen Unterbodens an der #7, im Autodromo Hermanos Rodriguez aufgrund der Übermacht von Porsche.

 

#2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy
#2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy

Foto JEP / LAT Images

Nach Einführung des High-Downforce-Pakets schien das Porsche LMP Team endgültig unbesiegbar zu sein. Trotzdem entschied man sich zu unpopulären Teamorder-Maßnahmen. Während man am Nürburgring noch versuchte, die Stallregie mittels eines längeren Tankstopps zu verstecken und dafür reichlich Häme kassierte, machte man es in der Folge öffentlich. Die Fahrer der #1 nahmen es gelassen: Teamorder gehöre eben im Langstreckensport dazu, sagte Andre Lotterer. Glücklich dürfte aber keiner der drei sein - vor allem Lotterers Karriere bleibt vorerst ohne Sieg für Porsche.

Toyotas letztes Aufbäumen

Als die Weltmeisterschaft eigentlich schon entschieden schien, zeigte sich ein stark verbessertes Toyota-Team ab Austin. Zwar fuhr Porsche einen erneuten Doppelerfolg beim vorerst letzten WEC-Rennen auf dem Circuit of the Americas ein, doch Toyota war in der texanischen Hitze über weite Strecken auf Augenhöhe.

Die Nachricht vom Porsche-Ausstieg hatte gleichermaßen dazu geführt, dass der 919 Hybrid nur noch mäßig weiterentwickelt wurde, während Toyota noch einmal Vollgas gab und alle Ressourcen in das 2017er-Auto steckte. Porsche hatte den schnelleren LMP1-Boliden gebaut, doch Toyota holte auf.

 

#7 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050-Hybrid: Mike Conway, Kamui Kobayashi, Jose Maria Lopez, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy
#7 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050-Hybrid: Mike Conway, Kamui Kobayashi, Jose Maria Lopez, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy

Foto JEP / LAT Images

Im letzten Saisondrittel wendete sich das Blatt. Auf asiatischem Boden hatte Toyota mit dem überarbeiteten TS050 Hybrid das schnellere Auto und feierte drei Siege in Folge, um das Sieg-Duell noch mit 5:4 für sich entscheiden. Ein Hattrick der #8 bescherte Anthony Davidson, Sebastien Buemi und Kazuki Nakajima einen neuen WEC-Rekord von fünf Saisonsiegen.

Natürlich konnte es an den Titelgewinnen für Porsche nichts mehr ändern: Bereits in Schanghai waren der Herstellertitel und die Fahrer-WM für Timo Bernhard, Earl Bamber und Brendon Hartley entschieden. Für Bernhard und Hartley ist es Titel Nummer zwei nach 2015, für Bamber der erste. Porsche holte zu dritten Mal in Folge beide WM-Titel nach Weissach und verabschiedet sich aus der LMP1-Szene. Nach nur vier Jahren rollt der 919 Hybrid ins Museum.

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Rennserie WEC
Autor Heiko Stritzke
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