Top 10: Die besten LMP1-Fahrer der WEC-Saison 2016

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Top 10: Die besten LMP1-Fahrer der WEC-Saison 2016
Sam Smith
Autor: Sam Smith
Co-Autor: Jamie Klein
Übersetzung: Mario Fritzsche
08.12.2016, 07:10

In der letzten Saison von Audi in der Langstrecken-WM (WEC) waren der Wettbewerb und die Rennen so hart umkämpft wie eh und je. Sam Smith und Jamie Klein beleuchten die 10 Fahrer, die sich 2016 besonders hervorgetan haben.

10.  Oliver Jarvis

#8 Audi Sport Team Joest, Audi R18 e-tron quattro

Oliver Jarvis, Audi Sport Team Joest
Oliver Jarvis, Audi Sport Team Joest

Foto: Audi Communications Motorsport

Jarvis wirkte schon vor Beginn der Saison äußerst angespornt. Mit seiner kompromisslosen Fahrweise tat er sich insbesondere in Spa hervor. Trotz zahlreicher Rückschläge hat der Brite seine Einstellung bis zur letzten Runde seines Stints in Bahrain aufrechterhalten.

In Bahrain freilich war Jarvis klar, dass seine Zukunft alles andere als klar ist. Der Rückzug von Audi kam für alle überraschend. Jarvis aber muss seine in der Saison 2016 gezeigten Leistungen nicht hinterfragen. Schließlich fuhr er gut fuhr wie nie zuvor seit seinem Einstieg ins deutsche LMP1-Team.

Jarvis' erster Stint in Fuji und seine (unbelohnt gebliebene) Fahrt in Mexico City waren Belege dafür, dass der Brite mit Blick auf die Zukunft für jedes Werksprogramm im Motorsport interessant sein muss. Es wäre eine Travestie, sollte er keine weitere Chance auf diesem Level bekommen.

 

9.  Mark Webber

#1 Porsche Team, Porsche 919 Hybrid

Race winner Mark Webber, Porsche Team
Mark Webber, Porsche Team

Foto: Porsche Motorsport

Es ist schon ironisch, dass Webber ausgerechnet inmitten seiner bislang besten Saison im Langstreckensport die Entscheidung traf, seinen Helm zum Saisonende an den Nagel zu hängen. Während Brendon Hartley auf eine schnelle Runde gesehen in der Regel einen Tick schneller war als Webber, waren sich der Australier und sein Schüler aus Neuseeland in den Rennen ebenbürtig.

Selbst in Le Mans – zuvor so etwas wie seine persönliche Achillesferse – war Webber im Rennen genauso schnell wie seine Teamkollegen. Der frühe Boxenstopp des #1 Porsche, um ein Leck im Kühler zu reparieren, machte all die Anstrengungen aber zunichte.

Gegen Ende der Saison war es unübersehbar, dass Webber in den Rennen nicht mehr bis ans absolute Limit ging. Angesichts der Tatsache, wie offen der 40-Jährige über seine im 3. Porsche-Jahr sukzessive nachlassende Motivation sprach, war das aber keine Überraschung.

Nach 4 Siegen bei den 5 vorangegangenen Rennen, brachte Webber den #1 Porsche in Bahrain auf Platz 3 ins Ziel. Damit hat er seine lange und erfolgreiche Karriere ebenso emotional wie passend zu Ende gebracht.

 

8.  Kamui Kobayashi

#6 Toyota Gazoo Racing, Toyota TS050 Hybrid

LMP1 Race winners #6 Toyota Racing Toyota TS050 Hybrid: Stéphane Sarrazin, Mike Conway, Kamui Kobayashi
Kamui Kobayashi, Toyota Racing

Foto: Vision Sport Agency

Kobayashi, der als Nachfolger für den zurückgetretenen Alex Wurz ins LMP1-Programm von Toyota berufen wurde, brauchte nicht lange, um auf Tempo zu kommen. Bis aus dem ehemaligen Formel-1-Piloten, der für Sauber und Caterham fuhr, ein echter Langstrecken-Allrounder wurde, verging jedoch etwas mehr Zeit.

In Le Mans war Kobayashi vom Tempo her voll bei der Musik. Doch eine leichte Kollision mit einem überrundeten Fahrzeug und ein Dreher knapp 4 Stunden vor Schluss verhinderten, dass der #6 Toyota im Kampf um den Sieg beim Saisonhöhepunkt eine Rolle spielte.

Als Toyota das nächste Mal ernsthaft um einen Sieg kämpfte, war Kobayashi konstanter geworden. In Fuji nämlich paarte der Japaner sein Tempo mit der nötigen Ruhe. Sein letzter Stint auf abgefahrenen Reifen bescherte Toyota erstmals seit 2014 einen WEC-Sieg. Dieser Stint Kobayashis vor heimischem Publikum war eines der Highlights der Saison.

Kobayashis Teamkollegen Mike Conway und Stephane Sarrazin sowie Toyota-Teammanager Rob Leupen waren nicht die einzigen, die vom letzten Stint in Fuji schwer angetan waren. Für Kobayashi war es zweifelsfrei der Höhepunkt einer 2. Saisonhälfte, in der er im #6 Toyota üblicherweise der schnellste Fahrer war. In der Saison 2017 wird der Japaner versuchen, darauf aufzubauen.

 

7.  Loic Duval

#8 Audi Sport Team Joest, Audi R18 e-tron quattro

Loïc Duval, Audi Sport Team Joest
Loïc Duval, Audi Sport Team Joest

Foto: Audi Communications Motorsport

Duval fand in diesem Jahr zur gewohnten Form zurück, obwohl er im #8 Audi nicht ganz so zu glänzen vermochte, wie es Lucas di Grassi gelang. Dennoch war es für den Franzosen nach einer schwierigen Saison 2015 so etwas wie eine Rückmeldung.

Insbesondere bei den Nordamerika-Rennen in Mexico City und Austin wusste Duval mit hohem Tempo zu überzeugen. In beiden Rennen lagen er und seine Teamkollegen auf Siegkurs bis ihnen ein Elektrikdefekt beziehungsweise ein Schaden am Radlager einen Strich durch die Rechnung machten.

In Fuji wurde es Duval auferlegt, den Toyota von Kamui Kobayashi einzuholen und zu überholen. Die Tatsache, dass er den Sieg um gerade mal 1,3 Sekunden verpasst hat, sagt aber mehr über die reifenschonende Fahrweise Kobayashis aus als alles andere. Indes legte Duvals erster Stint in Bahrain den Grundstein für einen emotionalen letzten Audi-Sieg zum Abschied.

Mangels LMP1-Cockpit für die Saison 2017 ist Duvals Zukunft offen. Es wäre eine Schande, sollte er keine weitere Möglichkeit bekommen, sein Talent auf der größten Bühne des Langstreckensports unter Beweis zu stellen.

 

6.  Timo Bernhard

#1 Porsche Team, Porsche 919 Hybrid

#1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard
Timo Bernhard, Porsche Team

Foto: Porsche Motorsport

Als ruhige und unaufdringliche Kraft hinter der Entwicklung des Porsche 919 Hybrid war Bernhard in der Saison 2016 so schnell und zuverlässig wie eh und je. Die eine oder andere seiner Vorstellungen in den Rennen mag unauffällig gewesen sein, doch sein Gespür, den Überrundungsverkehr zu meistern, waren herausragend. Sein Tempo in diesem Bereich hat Bernhard im gesamten Saisonverlauf aufrecht gehalten.

Doch es war Bernhards Arbeit hinter den Kulissen, die großen Anteil daran hatte, dass die Crew der Titelverteidiger nach schwachem Saisonstart in Fahrt kam. Von den 5 Rennen im Anschluss an die 24 Stunden von Le Mans gewann der #1 Porsche nicht weniger als 4.

Wenn es einen Fahrer gibt, den jeder gern im Team haben möchte, wenn die Dinge mal nicht so laufen wie geplant, dann ist es ganz sicher Timo Bernhard.

 

5.  Sebastien Buemi

#5 Toyota Gazoo Racing, Toyota TS050 Hybrid

Sébastien Buemi, Toyota Racing
Sébastien Buemi, Toyota Racing

Foto: Vision Sport Agency

Buemi fuhr in der Saison 2016 so gut wie nie. Doch wie schon in der vorangegangenen Saison sprang unterm Strich wenig Zählbares für ihn und seine Teamkollegen im #5 Toyota heraus. Wenn anno 2016 bei Toyota etwas schiefging, traf es in der Regel das Auto mit der Startnummer 5. Somit war es keine Überraschung, dass Buemi zuweilen frustriert reagierte.

Es ist dem Schweizer aber hoch anzurechnen, dass er den Glauben an Auto und Team niemals verloren hat. Der Ursprung dafür lag nicht zuletzt in der herzzerreißenden Niederlage in Le Mans. Für Buemi selbst stellte der Titelgewinn in der Formel E einen gewissen Trost dar, während der Schmerz des Le-Mans-Dramas vom gesamten Toyota-Team mit Würde getragen wurde.

Was in Bezug auf Buemi ebenfalls beeindruckend war: die Art und Weise, wie er nach Anthony Davidsons Unfall bei Testfahrten in Magny-Cours innerhalb der #5 Crew das Zepter übernahm. Im Team spricht man von einer zuvor nicht gesehenen Reife Buemis. Mit etwas Glück ist der Schweizer, der einer der besten Allrounder in der WEC ist, zweifelsfrei in der Lage, seine Ergebnisse aus der Saison 2014 zu wiederholen. Damals wurde er bekanntlich Weltmeister.

 

4.  Andre Lotterer

#7 Audi Sport Team Joest, Audi R18 e-tron quattro

Andre Lotterer, Audi Sport Team Joest
Andre Lotterer, Audi Sport Team Joest

Foto: XPB Images

Für Lotterer war die Saison 2016 die erste seiner WEC-Karriere, in der ein Sieg ausblieb. Dies lag jedoch weniger an ihm, als an der Fehleranfälligkeit der radikalen letzten Entwicklungsstufe des Audi R18. Lotterer selbst war nach wie vor der superschnelle und verlässliche Fels in der Brandung der #7 Crew.

Lotterer kann es getrost als Pech bezeichnen, dass in Silverstone (Disqualifikation aufgrund einer zu stark abgenutzten Bodenplatte) und in Mexico City (Crash nach Bremsproblemen) Siege durch die Finger geglitten sind. Im Saisonverlauf schien der #7 Audi derjenige der beiden R18 zu sein, das das Pech magisch anzog. Der Abschied von Renningenieuren Leena Gade nach den 24 Stunden von Le Mans hat hinter den Kulissen sicherlich auch für Unruhe gesorgt, die alles andere als hilfreich war.

Wenn die genannten Rückschläge und die Tatsache, dass er im Titelkampf 2016 schon früh keine Rolle mehr spielte, in Lotterer der Auslöser dafür waren, 2017 für Porsche zu fahren, dann steht eines fest: An der Seite von Neel Jani und Nick Tandy werden wir den dreimaligen Le-Mans-Sieger wieder in absoluter Hochform erleben.

 

3.  Neel Jani

#2 Porsche Team, Porsche 919 Hybrid

Race winners #2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Romain Dumas, Marc Lieb celebrate
Neel Jani, Romain Dumas, Marc Lieb, Porsche Team

Foto: Eric Gilbert

Jani ist in Reihen des Weltmeistertrios von Porsche der Einzige, der seinen Titel verteidigen wird. Das allein sagt viel darüber aus, wie viel der Schweizer teamintern seinen Teamkollegen Romain Dumas und Marc Lieb voraus hat. In den Qualifyings konnte man beinahe darauf wetten, dass Jani den #2 Porsche an oder in der Nähe der Spitze der Zeitenliste platzieren würde. Nicht selten waren es Lieb oder Dumas, die die Durchschnittszeit mit weniger starken Runden in die falsche Richtung korrigierten.

Es ist schon bezeichnend, dass die einzige Pole-Position für den #2 Porsche in der Saison 2016 bei dem Event zustande kam, bei dem im Qualifying nicht die durchschnittliche Rundenzeit zweier Fahrer herangezogen wird: den 24 Stunden von Le Mans. Die Zeit, die Jani am Mittwochabend für sich und seine Kollegen in den Asphalt an der Sarthe brannte, war beeindruckend, wenngleich sie an seine eigene Rekordrunde aus dem Jahr zuvor nicht herankam.

Ebenso eindrucksvoll wie Janis Qualifying-Runde in Le Mans war sein letzter Stint im dortigen Rennen. Den Abstand auf den führenden #5 Toyota wusste der Schweizer rapide zu verkürzen, bevor ihn ein schleichender Plattfuß wieder zurückwarf. Was folgte, war die dramatische Verlangsamung des japanischen Autos in Führung liegend.

Für den #2 Porsche mögen sowohl der Sieg in Le Mans als auch der am grünen Tisch erhaltene Sieg in Silverstone mit etwas Glück zustande gekommen sein. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass allen voran Jani ein hochverdienter Weltmeister ist. Es wird faszinierend sein zu beobachten, wie sich der Schweizer im Vergleich mit seinen neuen Teamkollegen Andre Lotterer und Nick Tandy behaupten kann.

 

2.  Brendon Hartley

#1 Porsche Team, Porsche 919 Hybrid

#1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Brendon Hartley
Brendon Hartley, Porsche Team

Foto: Porsche Motorsport

Hartley gab in der Saison 2016 dank einer effektiven Kombination aus schierem Tempo und metronomischer Konstanz den Ton an. Zudem fuhr er abgesehen von Silverstone quasi fehlerfrei. Das machte ihn zur Messlatte in Reihen des gesamten Porsche-Teams. Die entsprechenden Lobeshymnen auf den jungen Neuseeländer wurden nicht zuletzt von Teamkollege und Mentor Mark Webber angestimmt.

Hartley 1. Rennstunde in Silverstone und seine Vorstellungen am Nürburgring, in Mexico City, in Austin und in Shanghai gehörten zu den Highlights der WEC-Saison. Abgesehen von den über alle Zweifel erhabenen fahrerischen Fähigkeiten hat Renningenieur Kyle Wilson-Clarke bei Hartley auch eine deutliche Verbesserung in puncto effektiver Kommunikation notiert.

Dank seiner im Verlauf der Saison 2016 gesammelten Erfahrungen hat Hartley mit seinen 27 Jahren beste Chancen, in die Fußstapfen der ganz großen Langstrecken-Piloten zu treten.

 

1.  Lucas di Grassi

#8 Audi Sport Team Joest, Audi R18 e-tron quattro

Lucas di Grassi, Audi Sport Team Joest
Lucas di Grassi, Audi Sport Team Joest

Foto: Audi Communications Motorsport

Genau wie Hartley, so wuchs auch di Grassi in seiner 3. WEC-Saison über sich hinaus. Dank seiner Kombination aus furchterregendem Tempo, technischer Versiertheit und der Gabe, eine siegversprechende Position im Rennen zu zementieren, ist der Brasilianer auf wie neben der Strecke der Profi schlechthin.

Leider trat das wahre Potenzial des eindrucksvollen Audi R18, Jahrgang 2016, nie ans Tageslicht. Doch di Grassi war stets in der Lage, das Auto bis an die Grenze auszuquetschen. Das machte ihn mit Abstand zum besten der 6 Audi-Fahrer in der abgelaufenen Saison.

Di Grassis Duell mit Sebastien Buemi in Spa zählte zu den Highlights der Saison. Der Autor dieses Textes kann beim Verfassen dieser Zeilen noch immer das Echo seiner inneren Schreie hören, die auftraten, als di Grassi in Blanchimont bei einer Geschwindigkeit von über 290 km/h sein atemberaubendes Überholmanöver gegen Buemi vollführte.

Das Manöver in Spa allein war Beweis dafür, mit welcher Hingabe und mit welchem Glauben an sich selbst di Grassi die gesamte Saison 2016 absolviert hat.

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