Saisonrückblick WEC LMP1: Das goldene Zeitalter geht weiter

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Saisonrückblick WEC LMP1: Das goldene Zeitalter geht weiter
Sam Smith
Autor: Sam Smith
Übersetzung: Petra Wiesmayer
07.12.2016, 08:36

Vom Schmerz bei Toyota in Le Mans bis hin zur Siegesfeier beim letzten Rennen von Audi, die WEC-Saison 2016 lieferte immer wieder Gesprächsstoff. Sam Smith blickt auf die Saison der Sportwagenserie zurück.

Porsche – Auto #2 mit frühen Erfolgen

In Laufe der FIA World Endurance Championship Saison 2016 gab es kaum Zweifel, dass Porsche einen 2. Titel in Folge sowohl in der Fahrer- als auch der Teamwertung verdient hat.

Der #2 Porsche 919 Hybrid, der von Neel Jani, Marc Lieb und Romain Dumas gefahren wurde, hatte vielleicht auch seine Probleme, aber eine Kombination aus Zuverlässigkeit, 3 starken Ergebnissen in den ersten 3 Rennen und Fehler der Konkurrenz half mit, ihm den Sieg auf einem Silbertablett zu servieren.

Porsche hat seine Krone in der WEC still und leise verteidigt. Sie sind als Favorit in die Saison gestartet, hauptsächlich aufgrund der frühen Entwicklung des Autos 2016 und der Tatsache, dass die Rivalen von Toyota und Audi komplett neue Autos hatten.

Der Kampf 2016 verlief im Großen und Ganzen nach Drehbuch. Porsche war sehr zuverlässig und immer noch sehr schnell, während die neuen deutschen Autos etwas unbeständig und mitunter sogar ziemlich zerbrechlich waren.

Der #2 Porsche startete stark in die Saison, mit maximalen Punkten in Silverstone und den 2. Platz in Spa. Der Ergebnis in England kam erst zustande, nachdem der #7 Audi wegen einer zu starken Abnutzung der Bodenplatte disqualifiziert worden war.

Auf dem Papier war es ein glücklicher "Sieg" für Jani, Dumas und Lieb, hätten sie aber in der letzten Stunde keinen Reifenschaden gehabt, hätte der Kampf mit dem #7-Auto durchaus sowieso zu ihren Gunsten ausgehen können.

Das aufreibende Rennen in Spa hätte Punkte für Platz 2 bringen können, durch ein Problem mit dem Hybrid-System konnte es aber fast das gesamte Rennen nicht mit voller Kraft fahren. In Le Mans wurde eine beinahe fehlerfreie Vorstellung belohnt, nachdem der #5 Toyota böse heimgesucht wurde.

Zu diesem Zeitpunkt schien die Crew des #2 Porsche alles unter Kontrolle zu haben, aber am Nürburgring ging im Juli alles schief und die Saison wurde mittelmäßig. Das Jani-Dumas-Lieb-Trio schien in eine Art "abgesicherten Modus" zu verfallen, mit mittelmäßigen Ergebnissen in COTA (4.), Fuji (5.) und Shanghai (4.).

Beim Finale in Bahrain besserte sich die Lage wieder, zumindest bezüglich der Pace. Eine Berührung zwischen Jani und dem KCMG Porsche 911 RSR in der 2. Stunde ließ sogar befürchten, dass man den Titel noch verlieren könnte. Sie hielten aber durch, und wie ein übergewichtiger, übermüdeter Boxer schafften sie es gerade so bis zur Glocke.

Nach einer Saison, in der ein gewisses Glück dem #2-Auto half, wäre es unfair zu sagen, dass Jani, Lieb und Dumas den Titel nicht verdient hätten. Sie hatten ihn aufgrund ihrer Form zu Beginn der Saison verdient und waren an guten Tagen schneller als ihre Konkurrenten. Je länger die Saison dauerte, desto seltener wurden diese Tage jedoch.

LMP1 World Champion #2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Romain Dumas, Neel Jani, Marc Lieb
LMP1-Weltmeister #2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Romain Dumas, Neel Jani, Marc Lieb

Photo by: Porsche Motorsport

Glück und Pech sind Teil des Langstreckensports, aber das Ungemach, das die Meister des Jahres 2015, Brendon Hartley, Mark Webber und Timo Bernhard, im #1 919 Hybrid erleiden mussten, war schon beinahe grausam.

Die Saison startete mit einer Leistung, die eines Champions würdig war, als Hartley im ersten Stint in Silverstone auf und davon fuhr. Vielleicht war er ein bisschen zu schnell, da die Berührung mit dem Gulf Porsche von Mike Wainwright beide spektakulär aus dem Rennen warf.

Hartley gab seine Fehleinschätzung zu und hätte das Risiko rückblickend auch nicht eingehen müssen, aber derartige Manöver gibt es im Laufe einer Saison Dutzende Male ohne Probleme. Dieses Mal war der Renngott aber nicht auf Hartleys Seite.

Durch zwei Reifenschäden in Spa (der 2. von einem Karosserieschaden ausgelöst, den das Auto beim 1. Reifenschaden erlitten hatte) hatte das Auto eine ganze Reihe Probleme, die beinahe in einer Disqualifikation geendet hätten. In Le Mans beeinträchtigen Probleme mit der Wasserpumpe das Rennen und die Titelverteidigung war im Prinzip vorbei, als sie 89,5 Punkte hinter ihren Teamkollegen zurücklagen.

Auf diesen Tiefpunkt folgte eine Serie von 4 Siegen und ein paar 3. Plätze in den letzten 6 Rennen. Die Siege am Nürburgring, in Mexiko und COTA waren hart erkämpft und zeigten die Klasse aller 3 Fahrer und ihre Strategie-Crew.

In Shanghai war es etwas einfacher, aber nicht weniger verdient. Hartley, Webber und Bernhard waren stark wie eh und je und insbesondere Webber muss stolz gewesen sein, sich mit so einem Höhepunkt zu verabschieden.

Porsche hatte den 919 Hybrid seit dem Spätsommer 2015 entwickelt und eines der verdeckten Geheimnisse des Pakets ist das komplexe Fahrwerk, das im Oktober letzten Jahres in Monza ausführlich getestet und weiter verbessert wurde.

Was den Erfolg von Porsche umso bemerkenswerter macht, ist, dass das Team unter der Leitung von Fritz Enzinger und Andreas Seidl, vor der Saison ein wichtiges Mitglied verloren hatte, als der Technische Direktor Alex Hitzinger im März ging.

Seidl übernahm, ehrgeizig, wie er ist, zwei Aufgabenbereiche und die Resultate waren bisher gut. Der Test kommt nun, wenn das Team am Auto für 2018 arbeitet, das sich wahrscheinlich entscheidend vom erfolgreichen 919 Hybrid unterscheidet.

#1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Mark Webber, Brendon Hartley
#1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Mark Webber, Brendon Hartley

Photo by: Porsche Motorsport

Toyota – Tränen des Schmerzes, Tränen der Freude

Der stärkste Moment des Jahres und wahrscheinlich des modernen Langstreckensports passierte am Ende der 24 Stunden von Le Mans, als Kazuki Nakajima im Toyota TS050 Hybrid, in Führung liegend, nur etwas mehr als 3 Minuten vor Rennende auf der Start-Ziel-Geraden stehenblieb.

Dieser Moment war unfassbar und so schmerzlich mit anzusehen, da kein Team so etwas verdient. Das Team mit Sitz in Köln schlug mit einem Sieg in Fuji im Oktober aber zurück.

In Paul Ricard kam Toyota mit einem neuen Twin-Turbo V6 an, einer neuen Lithium-Ionenbatterie und einem Upgrade der 8MJ Energierückgewinnungseinheit an. Die ersten Tests waren vielversprechend, aber schon bald wurde klar, dass das glatte Design, auch mit einem Kit für mehr Abtrieb, auf Strecken wie dem Nürburgring nicht konkurrenzfähig sein würde. Und so kam es auch.

Nach einem glanzlosen Debüt in Silverstone kamen die TS050 Hybrid in Spa in Fahrt und schienen auf dem Weg zum Sieg zu sein, bis ein Problem mit dem Motor, das wohl durch die Kräfte ausgelöst wurde, die im Eau Rouge/Raidillon-Komplex einwirken, in einer riesige Enttäuschung endete.

Dieses Gefühl lernten Anthony Davidson, Sebastien Buemi und Kazuki Nakajima 2016 zur Genüge kennen.

Wie es im Langstreckensport oft der Fall ist, schien ein Auto kurioserweise weniger Probleme zu haben als das andere und der #6 Toyota von Mike Conway, Stephane Sarrazin und Kamui Kobayashi hatte nach 73 Punkten in 4 Rennen sogar ein Chance auf den Titel.

Durch eine taktische Meisterleistung gewannen sie die 6 Stunden von Fuji nach einem kurzen Nachtanken und einem Verzicht auf einen Reifenwechsel beim letzten Stopp. Kobayashi zeigte auf alten Reifen eine hervorragende Leistung und es gab am Ende das engste Finish in der Geschichte der WEC.

Während die Crew des #6-Autos den Platz an der Sonne genoss, trauerte die des #5-Autos einer weiteren verpassten Chance nach, da sie seltsamerweise die gesamten 6 Stunden in Fuji zu langsam waren.

Davidson, der das Rennen in Mexiko nach einer Rippenverletzung, die er sich bei einem Testunfall in Magny-Cours im August zugezogen hatte, auslassen musste, brauchte einige Zeit zur Erholung, bis er wieder richtig in Form war. Das Pech, das sie in dieser Saison hatten, war aber der wahre Grund dafür, dass sie das Jahr 85 Punkte hinter ihren Teamkollegen beendeten.

Wenn 2016 etwas schiefging, denn waren in der Regel die Herren Buemi, Nakajima und Davidson die Leidtragen.

Die nächste Saison wird für Toyota gewaltig. Le Mans wird seine Schatten ab Neujahr voraus werfen und 2017 muss ihr Jahr sein. Der Rückzug von Audi wird dabei etwas helfen, aber Porsche wird einen Hat-Trick und 19. Sieg bei dem französischen Klassiker anstreben.

#5 Toyota Racing Toyota TS050 Hybrid: Sébastien Buemi, Kazuki Nakajima, Anthony Davidson
#5 Toyota Racing Toyota TS050 Hybrid: Sébastien Buemi, Kazuki Nakajima, Anthony Davidson

Photo by: XPB Images

Audi – Siegreicher Abschied übertüncht magere Saison

Der Moment, in dem Audi seinen Abschied aus dem Langstreckensport verkündete, wird in Zukunft wohl als der Moment angesehen werden, der eine Ära definierte. Die entscheidende, schnelle und brutale Entscheidung wurde vom Vorstand getroffen, schmerzte an der Strecke aber am meisten.

Eine ganze Generation Fahrer, Ingenieure, Mechaniker und Fans kannte nichts anderes, als Audi im Sportwagensport. Jetzt waren sie weg und die Lücke, die sie zurücklassen, kann nicht verdeckt werden, geschweige denn gefüllt.

Das Jahr begann mit großem Optimismus. Jörg Zanders kantiger und fesselnder R18 raubte allen beim ersten Anblick den Atem, als er beim Prolog in Paul Ricard letzten März vorgestellt wurde: Er war mehr ein Raumschiff als ein Rennwagen; ein so gewagtes Meisterstück, dass es undenkbar war, dass er so schnell sein konnte, wie er aussah.

Wenn die Bedingungen stimmten, war er aber ein wahres Fluggerät und eines, das die Fahrer auch gerne um die Strecken jagten. Er schien jede Menge Grip zu haben, zumindest auf den Strecken mit viel Abtrieb.

Leider waren die Vorzeichen bei einer Konfiguration für wenig Luftwiderstand und besonders in Le Mans, anders. Komplizierte und rätselhafte Probleme, die Michelin-Reifen im gewünschten Arbeitsfenster zu halten, verdammten das Auto allzu oft zu einer Statistenrolle, auf einer Bühne, auf der sie die Hauptrolle hätten spielen sollen.

Das war eine riesige Überraschung, besonders nachdem Lucas di Grassi nur wenige Wochen zuvor beim Testen die schnellste Zeit gefahren hatte. Trotzdem wurden er und seine Teamkollegen Oliver Jarvis und Loic Duval Dritter und führten eine Serie fort, in der seit 1999 jedes Jahr ein Audi auf dem Podium stand. Die Gesichter auf dem Podium sahen aber wenig freudig aus.

In Le Mans verlor das #8-Auto wegen kleinerer Probleme, wie einer losen Tür und dem Wechsel einer beleuchteten Startnummer, Zeit, etwas, das bezeichnend für das Jahr von Audi war. Während man sich während der Joest-Geschichte des Teams im Rennsport kaum jemals Gedanken um technische Probleme machen musste, waren solche Dinge 2016 fast an der Tagesordnung.

Siege in Mexico City und Austin und eine Chance auf den Titel rannen ihnen aufgrund derartiger Probleme wie Sand durch die Finger.

Das soll nicht heißen, dass die Leistung von Audi 2016 unterdurchschnittlich war, das wäre zu viel gesagt. Abgesehen von Le Mans und Shanghai fuhr immer ein Audi um den Sieg mit und bei 2 Rennen (3 wenn man Silverstone mitzählt) führte das auch zum Erfolg.

Trotzdem war es extrem frustrierend, dass der Audi in diesem besonderen Jahr nie sein volles Potenzial zeigen konnte; ganz besonders, da ihr hochentwickelter Bruder, der 2017 hätte zum Einsatz kommen sollen, vielleicht nie das Tageslicht erblicken wird.

Zumindest hat sich Audi im vergangenen Monat in Bahrain standesgemäß verabschieden können – wie passend war es, dass eine Ära beispielloser Exzellenz und sportlichen Triumphs passenderweise mit einem Triumph endete.

#8 Audi Sport Team Joest Audi R18: Lucas di Grassi, Loic Duval, Oliver Jarvis
#8 Audi Sport Team Joest Audi R18: Lucas di Grassi, Loic Duval, Oliver Jarvis

Photo by: Audi Communications Motorsport

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Rennserie WEC
Teams Team Joest , Porsche Team Shop Now , Toyota Racing
Autor Sam Smith
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