WEC-Kolumne von Timo Bernhard: Emotionale letzte Runden für Porsche

In seiner neuen Kolumne für Motorsport.com schreibt Sportwagen-Weltmeister Timo Bernhard über die bewegenden letzten Momente mit Porsche in der WEC.

In Bahrain ging am vergangenen Wochenende eines der erfolgreichsten Kapitel der Porsche-Motorsport-Geschichte zu Ende. Es war ein Wochenende voller Emotionen, auch weil so vieles aus der Anfangszeit wieder hochkam. Ich habe sehr intensive Erinnerungen daran, wie das Programm begann. Es macht mich stolz, von der ersten Stunde bis zur buchstäblich letzten Runde dabei gewesen zu sein.

Es war eine Erleichterung, dass wir in Schanghai schon beide Titel eingefahren hatten. Somit fiel bei unserem letzten Einsatz der WM-Druck weg und mit der 20. Pole-Position und dem Doppelpodium konnten wir für einen würdigen Abschluss einer herausragenden Ära sorgen.

Unsere beiden 919 Hybrid waren beim letzten Rennen mit einer Besonderheit versehen – jedes einzelne Teammitglied war namentlich auf unseren Autos erwähnt. Ich empfand das als eine sehr schöne Geste. Man kann gar nicht genug wertschätzen, dass ein Mannschaftsergebnis aus den Leistungen und der harten Abend jedes einzelnen besteht.

Da das Rennen in Bahrain bereits am Samstag stattfand, hatte das Training schon am Donnerstag begonnen. Im ersten Freien Training haben wir an der Rennabstimmung gearbeitet. Zu Beginn des zweiten führten wir eine Qualifying-Simulation durch. Anschließend fuhr Earl einen Long-Run, um zu sehen, wie die Reifen über eine längere Distanz halten. Im dritten Freien Training am Freitagmorgen fuhr ich eine Qualifying-Simulation mit gebrauchten Reifen und war Schnellster.

Im Qualifying lief es bei uns jedoch nicht ganz glatt. Die Fahrzeugbalance war anders als im Freien Training und passte nicht so richtig. Platz drei schien das maximal Mögliche zu sein. Unterdessen hat Neel mit dem Schwesterauto eine unglaubliche Runde hingelegt und Porsche die 20. Pole-Position gesichert.

Es war etwas Besonderes für mich, beim letzten Rennen mit dem 919 Hybrid Startfahrer zu sein. In der Startaufstellung tummelte sich alles mit Rang und Namen, um den 919 ins Finale zu schicken. Matthias Müller wünschte uns Glück und startete das Rennen mit der grünen Flagge. Als das Programm begann, war er Vorstandsvorsitzender von Porsche. Wir haben diese tollen vier Jahre also auch seinem Mut zu verdanken. Sein Nachfolger, Oliver Blume, fieberte genauso mit uns mit wie unser Entwicklungsvorstand Michael Steiner und Wolfgang Porsche. Das fühlte sich wie ein wunderbares Familientreffen an.

Die Motorsport-Begeisterung in diesem Unternehmen ist wirklich aufrichtig und großartig. Natürlich schwang schon vor dem Start überall etwas Wehmut mit, aber ich wollte das noch nicht an mich heranlassen. Schließlich stand uns noch ein 6h-Rennen bevor, und in dem dichten Verkehr kann man sich keine Konzentrationsschwäche erlauben.

Ich hatte einen guten Start, konnte einen Toyota überholen und mit Neel mithalten. Unglücklicherweise fuhr jemand einen Poller um, der zurück auf die Strecke rollte. Ich war direkt hinter Neel, habe ihn zu spät gesehen, konnte nicht mehr ausweichen und fuhr drüber. Der Poller setzte sich unter dem Auto fest und ich musste an die Box. Die Crew entfernte das Ding und wechselte den Vorderbau. Damit waren wir raus aus dem Kampf um den Sieg. Der extra Boxenstopp kostete fast eine Runde. Aber wir sind damit genauso umgegangen wie mit dem Rückschlag dieses Jahr in Le Mans. Man darf einfach niemals aufgeben!

Das hat sich auch in Bahrain gelohnt. Ich übergab das Auto auf Platz vier liegend an Brendon. Als der Nummer-7-Toyota nach einer Kollision repariert werden musste, rückten wir auf Platz drei vor, und ich übernahm für den letzten Stint von Earl. Weil unser Schwesterauto eine Stop-and-Go-Strafe erhielt, wurde es letztlich sogar Platz zwei für uns.

Die letzten Runden mit dem Porsche 919 Hybrid zu drehen, war sehr emotional. Da wurde das Resultat beinahe Nebensache. In Bahrain ging eine große Ära zu Ende. Sowohl für unser Porsche-LMP-Team als auch für den Langstreckensport insgesamt. Die Zeit der absolut überragenden Wettkämpfe zwischen unterschiedlichen Hybrid-Prototypen auf diesem hohen Niveau ist erst einmal vorbei. Ich kann einfach nur danke sagen für diese tollen Jahre. Ich werde das alles vermissen. Das 919-Programm markiert den Höhepunkt meiner Karriere. Ich freue mich auf die Zukunft!

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung 6h Bahrain
Rennstrecke Bahrain International Circuit
Fahrer Timo Bernhard
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kolumne
Tags abschied, ende, lmp1, porsche, weltmeister