WEC-Kolumne von Timo Bernhard: "Vom Regen in die Traufe"

Porsche-Werksfahrer Timo Bernhard schreibt in seiner Kolumne für Motorsport.com über das jüngste Rennen der Langstrecken-WM (WEC) 2017 in Japan und seine dortigen Erlebnisse.

In Fuji ging es für uns sprichwörtlich vom Regen in die Traufe. Das Wetter rund um den Mount Fuji ist um diese Jahreszeit häufig wechselhaft, und am vergangenen Wochenende hatte der Wettergott wirklich alle Türen und Pforten geöffnet: Dauerregen, Unterbrechungen und Neutralisationsphasen beeinflussten den Rennverlauf und am Ende entschied die rote Flagge.

Die Rennsportkultur in Japan und die Sachkundigkeit der Fans sind klasse. Man sieht die verrücktesten Verkleidungen, witzige Hüte, bunte T-Shirts und Flaggen, und wir haben auch wieder viele schöne handgearbeitete Geschenke und Plakate bekommen. Die anspruchsvolle Strecke verlangt dem Fahrzeugsetup allerhand ab, denn für die mit 1,5 Kilometern extrem lange Gerade einerseits und die 16 Kurven andererseits muss man einen Kompromiss finden. Für die Gerade will man minimalen Luftwiderstand, für die Kurven aber ausreichend Anpressdruck. Die Sektoren eins und zwei sind sehr schnell. Nicht nur die längste Start-Ziel-Gerade der Saison, auch die Bergab-Passage nach Kurve 6 geht mit Vollgas. In Sektor drei hingegen sind reihenweise enge Kurven miteinander verknüpft. Dieser Abschnitt ist auch entscheidend für den Reifenverschleiß.

Fuji von Anfang an ein schwieriges Pflaster

Innerhalb des Reglements können zwei Aero-Pakete pro Saison verwendet werden: das Le-Mans-Paket für geringen Luftwiderstand und eines für hohen Anpressdruck. Das Team hatte sich entschieden für Fuji das High-Downforce-Paket einzusetzen und dieses innerhalb der vorgegebenen Möglichkeiten auf mittleren Abtrieb zu trimmen. Das war angesichts der Wettersituation natürlich die richtige Entscheidung.

Der erste Trainingstag gestaltete sich mehr als schwierig. Innerhalb nur weniger Stunden fiel die Temperatur um 15 Grad und das Training war gezeichnet von Nebel und Regen. Aufgrund der durchweg nassen Bedingungen mit teilweise sehr starkem Regen konnten wir unser normales Programm nicht durchziehen. Ich bin im zweiten Training etwas später auf die Strecke gegangen und wollte eine schnelle Runde fahren, um die Linie zu checken – aber da stand schon zu viel Wasser auf der Strecke und ich hatte einen heißen Moment mit Aquaplaning. Deswegen bin ich gleich wieder hereingekommen, um nichts zu riskieren. In dem Training haben wir eigentlich nichts gelernt. Außer, dass man mit einem Prototypen unter diesen Bedingungen nicht fahren sollte.

Das Wetter hatte sich auch am Samstag nicht wirklich gebessert und das dritte Training war mehr als eine Herausforderung. Für das Qualifying hat das Team einige Änderungen an beiden 919 Hybrids vorgenommen, die super funktioniert haben. Earl und Brendon waren im Qualifying im Einsatz und konnten trotz der widrigen Bedingungen das Potenzial des Autos abrufen. Die beiden haben alles geben und uns die Pole-Position und damit einen zusätzlichen Punkt für die WM-Wertung gesichert.

Kein Rennglück für Porsche in Japan

Earl fuhr seinen ersten WEC-Start im 919 hinter dem Safety-Car. Als am Ende der fünften Runde das Rennen freigegeben wurde, verteidigt er solide die Führung. Am Ende der 28. Runde kam das Safety-Car wegen Nebels erneut raus und Earl hatte bereits zwölf Sekunden Vorsprung auf den Nummer-8-Toyota. Wären wir, auf welcher Position auch immer, vor dem Nummer-8-Toyota ins Ziel gekommen, hätten wir den WM-Fahrertitel in der Tasche gehabt. Aber es kam anders: Nach 39 Runden wurde das Rennen mit der roten Flagge unterbrochen. Unser Auto hatte zu dem Zeitpunkt als einziger der vier LMP1 noch nicht getankt. Das war ein Poker: Es hätte ja auch passieren können, dass nicht mehr neu gestartet wird. Doch kurz vor 13 Uhr ging das Rennen hinter dem Safety-Car weiter. Jetzt musste Earl sofort zum Tanken reinkommen, und damit waren natürlich Plätze verloren.

Nachdem ich das Auto von ihm auf Position vier übernommen hatte, konnte ich die Reifen nicht auf Temperatur bringen. Ich fuhr im dichten Verkehr in der Gischt und hatte kaum Sicht – ich konnte nicht viel tun, um die Reifen aufzuwärmen. Dann hat mich der führende Nummer-8-Toyota überrundet und direkt anschließend kam das Safety-Car wieder raus. Das lief unglücklich für uns. Ich übergab das Auto an Brendon und zwei Runden später gab das Safety-Car das Rennen wieder frei. Der weitere Verlauf war geprägt von erneuten Gelbphasen bis dann schlussendlich das Rennen nach 114 Runden abgebrochen wurde. Brendon hatte bis dahin keine Chance mehr, sich zurückzurunden und war bei der roten Flagge zum Nachtanken an der Box. So landeten wir am Ende auf Platz 4.

Es war ein sehr schwieriges Rennwochenende für das gesamte Team, aber jeder hat fokussiert gearbeitet und sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Mit den vielen Drehungen und Wendungen wäre alles möglich gewesen, aber Glückwunsch an Toyota zum Doppelsieg.

Wir führen weiterhin sowohl die Hersteller- als auch die Fahrerwertung an. Ganz klar: In Schanghai haben wir den nächsten Matchball, und diesmal wollen wir ihn verwandeln. Die Strecke sollte uns besser liegen, da wollen wir ein richtig gutes Rennen abliefern und die Mission Titelverteidigung fortsetzen.

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung 6h Fuji
Rennstrecke Fuji International Speedway
Fahrer Timo Bernhard
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kolumne