Kommentar: Wie geht es weiter mit der Langstrecken-WM (WEC)?

Audi ist weg, Porsche auch bald: Toyota verbleibt nach der Langstrecken-WM (WEC) 2017 als einziges Werksteam in der Rennserie, die eine ungewisse Zukunft vor sich hat.

Denn eine solche Ankündigung, wie sie Porsche nun vorgenommen hat, kennen WEC-Fans bereits aus der Vergangenheit. Nicht mal ein Jahr ist es her, da hat sich Audi aus der Rennserie zurückgezogen.

Die WEC hat das damals in eine schwierige Situation gebracht. Doch es ging weiter. Jetzt aber steht die LMP1-Kategorie vor ihrer bisher größten Aufgabe: Es geht ums Überleben.

Die Alarmglocken hätten schon bei den 24h Le Mans 2017 schrillen müssen. Beinahe hätte dort ein LMP2-Auto den Gesamtsieg eingefahren, nachdem die 5 LMP1-Autos allesamt von der Technik niedergestreckt oder zurückgeworfen worden waren.

Hätte der #2 Porsche der späteren Sieger Timo Bernhard, Earl Bamber und Brendon Hartley nur 5 Minuten mehr in der Box verbracht, als die Frontpartie repariert werden musste, dann hätte Jackie Chan DC Racing einen historischen Gesamtsieg eingefahren. Der Automobile Club de l'Ouest (ACO) hätte dann einiges erklären müssen…

So weit kam es aber nicht. Doch bei gleich 2 LMP2-Teams auf dem Gesamtpodium gingen zumindest überall die Augenbrauen hoch. Viele fragten sich schon damals: Ist die LMP1-Klasse in ihrer jetzigen Form überhaupt zukunftsfähig? Oder geht die Saison 2017 gar als letztes Aufbäumen dieser grandiosen Rennwagen in die Geschichte ein, als letztes "goldenes Sportwagen-Zeitalter der Moderne"?

Podium: race winners Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, Porsche Team, second place Ho-Pin Tung, Oliver Jarvis, Thomas Laurent, DC Racing, third place Mathias Beche, David Heinemeier Hansson, Nelson Piquet Jr., Vaillante Rebellion Racing

Podium in Le Mans 2017

Foto: Nikolaz Godet

Die Jahre 2014 bis 2016 dürften rückblickend sicher als gute Ära der Sportwagen gelten. 3 bis 4 Marken gleichzeitig kämpften in der LMP1-Kategorie um Ruhm und Ehre – und das mit der jüngsten Automobil-Technologie.

Aber irgendwann geht alles einmal zu Ende, wie das Sprichwort lautet. Auch wenn es viele Fans als selbstverständlich hingenommen haben, dass so viele Hersteller gleichzeitig in der Sportwagen-Spitzenklasse vertreten waren.

Doch die Budgets für eine Teilnahme an der LMP1-Kategorie stiegen immer weiter an, lagen zuletzt mindestens auf dem Niveau von Mittelfeld-Teams in der Formel 1. Und dabei erzielt die WEC generell ein geringeres Medienecho als der Grand-Prix-Sport. Überraschend also, dass der Sportwagen-Hype so lange Bestand hatte.

"Es sind Wellen", hatte Anthony Davidson vergangenes Jahr gegenüber Motorsport.com erklärt. Das war lange bevor Audi seinen Ausstieg aus der WEC erklärte.

"Im Sportwagen-Bereich gibt es gute Zeiten, wenn die Hersteller kommen. Wenn sie wieder gehen, kämpfen die Rennserien ums Überleben."

"Das heißt für mich: Ich muss diesen Moment genießen. Ich darf mich glücklich schätzen, als Fahrer für einen Hersteller anzutreten – in einem Wettbewerb zwischen 3 großen Marken, die richtig viel Geld ausgeben."

"Für uns Fahrer ist das klasse, solange es so ist. Doch tief in unserem Inneren wissen wir alle: Es wird nicht immer so sein. Es ist eine Zeitbombe. Die Geschichte zeigt es uns."

#8 Audi Sport Team Joest Audi R18 e-tron quattro: Lucas di Grassi, Loic Duval, Oliver Jarvis, #6 Toyota Racing Toyota TS050 Hybrid: Stéphane Sarrazin, Mike Conway, Kamui Kobayashi, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Mark Webber, Brendon Hartley
#8 Audi Sport Team Joest Audi R18 e-tron quattro, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid

Foto: XPB Images

Und allmählich löst sich die Party auf. Da muss die Frage gestellt werden: Wie geht es mit der WEC weiter?

Bei den 24h Le Mans 2017 hat der ACO seine Vision für die LMP1-Regeln nach 2020 vorgestellt. Aber der vielgepriesene Plugin-Hybrid schien nur ein verzweifelter Versuch zu sein, um die Gunst der Hersteller zu werben, die sich für einen Einstieg in die Formel E interessierten.

Ja, es wurden auch Maßnahmen zur Kosteneinsparung verkündet. Doch nicht in dem Umfang, den es gebraucht hätte, um wirklich eine neue Marke anzulocken. Vor allem nicht, wenn die LMP2-Klasse so schnell ist, dass schon ein kleiner Fehler beim größten Rennen des Jahres ausreicht, um dich richtig zu blamieren.

Und jetzt steigt Porsche aus. Niemand drängt in die WEC. Damit verbleibt Toyota als einziger Hersteller in der LMP1-Klasse. Mit dabei sind sonst nur ein paar private Projekte, die mehr oder weniger realisierbar zu sein scheinen.

Klar: Toyota hat nach wie vor den Anreiz, endlich den lange ersehnten Le-Mans-Sieg zu erzielen, dem die Marke schon seit Jahrzehnten hinterherfährt. Aber was wäre ein Triumph gegen eine solch ausgedünnte Konkurrenz denn schon wert?

Toyota muss in Kürze also eine wichtige Entscheidung treffen. Das Ergebnis könnte sein: Der letzte verbliebene LMP1-Hersteller könnte sich ebenfalls aus der WEC zurückziehen. Und dann hat der ACO ein ziemlich großes Problem.

#7 Toyota Gazoo Racing Toyota TS050 Hybrid: Mike Conway, Kamui Kobayashi, Jose Maria Lopez
#7 Toyota Gazoo Racing, Toyota TS050 Hybrid: Mike Conway, Kamui Kobayashi, Jose Maria Lopez

Foto: JEP / LAT Images

Die große Hoffnung ist freilich, dass es genug private LMP1-Projekte gibt, die für ein stattliches LMP1-Starterfeld sorgen würden. Anschließend müsste es darum gehen, für die WEC-Saison 2019 weitere Teams zu einer Teilnahme an der LMP1-Kategorie zu bewegen.

Möglich ist aber auch, dass ein dünnes LMP1-Feld mit kaum erprobten Fahrzeugen von den LMP2-Rennwagen vorgeführt würde.

Der ACO kann aber andererseits auch nicht einfach die LMP1-Klasse streichen und die LMP2-Kategorie zur neuen Spitzenklasse erklären. Auch da gäbe es Stolperfallen. Viel Geld wäre bei der Vorbereitung der Saison 2018 sinnlos verprasst worden. Und aufgrund des Einheitsmotors würde die LMP2-Kategorie auch kaum neue Hersteller anlocken.

Immerhin: Die GTE-Klasse boomt. Zumindest in dieser Kategorie sollte es der WEC gelingen, den WM-Status – der Automobil-Weltverband (FIA) schreibt dafür mindestens 2 Hersteller vor – aufrechtzuerhalten. Aber die GTE-Sportwagen können kaum als Galionsfiguren für die WEC herhalten. Nicht, solange noch schnellere Prototypen in der Rennserie am Start sind.

Und so wirft der ACO sicher den einen oder anderen neidischen Blick auf die andere Seite des Atlantiks. Dort gab es zuletzt große Schlagzeilen: Penske und Joest, Sportwagen-Teams mit großer Historie, haben sich für den Einstieg in die US-amerikanische IMSA-Sportwagen-Meisterschaft entschieden und werden dort die Einsätze von Acura und Mazda vornehmen.

In der DPi-Klasse der IMSA, wo seit 2017 schon Cadillac und Nissan fahren, sind 2018 damit 4 Hersteller vertreten. Das unterstreicht, wie clever dieses Regelwerk gestaltet ist. Hersteller können dort für einen Bruchteil der Kosten eines LMP1-Projekts ihre Autos an den Start bringen.

Es wäre nicht die schlechteste Idee, DPi-Fahrzeuge in der WEC zuzulassen. Das könnte zumindest eine Übergangslösung sein. Und anschließend könnte sich der ACO damit beschäftigen, wie sich das DPi-Konzept mit den LMP1-Autos, die in den kommenden Jahren zu erwarten sind, in Einklang bringen ließe.

Die große Sportwagen-Zeit der WEC scheint zu Ende zu gehen. Doch wenn sich die WEC jetzt der DPi-Revolution anschließt, die kostengünstige Motorsport-Programme auf hohem Niveau ermöglicht, dann könnten die nächste "goldene Ära" bereits wieder bevorstehen.

Start action
IMSA-Start in Mosport

Foto: Michael Tan

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Rennserien WEC
Teams Porsche Team , Toyota Racing
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