WEC-Rückblick 2017: "Rookie" dominiert die GTE Pro

Noch vor zwölf Monaten lag Alessandro Pier Guidi in den Vorbereitungen für ein weiteres Jahr in der zweiten Garde bei Ferrari. Ein Jahr später ist er der erste GT-Weltmeister in der Geschichte der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC).

Im zweiten Jahr des Ferrari 488 GTE dominierte die italienische Marke, als es drauf ankam. Der Le-Mans-Sieg hingegen ging an einen Hersteller, der über weite Strecken Probleme hatte: Aston Martin hat es endlich geschafft.

Somit hat die Saison zwei Sieger. Während die Rennen für Aston Martin üblicherweise aus viel Frust bestanden, liefen die Dunlop-bereiften GTE-Geschosse in Le Mans zur Höchstform auf. Nach unzähligen Versuchen setzten sich die Briten endlich durch. Der Rest der Saison gehörte Ferrari: Die AF-Corse-Mannschaft sicherte dem springenden Pferd den Herstellertitel mit unglaublichen 67,5 Punkten Vorsprung - dem größten seit der WEC-Debütsaison 2012. James Calado und Alessandro Pier Guidi fuhren derweil die erste Fahrer-WM-Krone in der GTE Pro nach Hause.

Knaller noch vor Saisonstart

Dabei kam der GTE-Pro-Einsatz für Pier Guidi ganz unverhofft. Dem italienischen GT-Spezialisten war die Tür ins Profi-Lager bislang immer versperrt gewesen, von ein paar 24-Stunden-Rennen abgesehen. Aufgrund seines Speeds war er stets ein gern gesehener Profi-Fahrer für Pro-Am-Besatzungen im GTE- und GT3-Bereich. Doch dann gelang es Porsche zu Saisonbeginn, Gimmi Bruni aus seinem Ferrari-Vertrag zu lösen. Mit einem Mal stand die ganze GTE-Welt Kopf. Der Wechsel des ehemaligen Formel-1-Piloten zu Porsche war der spektakulärste Transfer seit Bestehen der GTE-Kategorie.

 

#67 Ford Chip Ganassi Team UK Ford GT: Andy Priaulx, Harry Tincknell
#67 Ford Chip Ganassi Team UK Ford GT: Andy Priaulx, Harry Tincknell

Foto JEP / LAT Images

Mit dem etablierten James Calado formte der damals noch 33-jährige Pier Guidi eine schlagkräftige Paarung, die ihren Status sofort mit zwei zweiten Plätzen zu Saisonbeginn unter Beweis stellte. In Spa-Francorchamps kam es dabei sogar zu spektakulären Rennszenen mit dem Schwesterfahrzeug #71 (Rigon/Bird) im Kampf um den Sieg, den diese noch einmal für sich entschieden.

Zunächst sah es so aus, als habe Ferrari mit der Wahl auf Davide Rigon und Sam Bird als Speerspitze die richtige Entscheidung getroffen. In Le Mans schlug bei Pier Guidi und Calado das Pech in Form eines Kühlerproblems in einem Rennen zu, das Ferrari am liebsten vergessen würde. Es sollte sich jedoch als einziger Tiefpunkt der Saison herausstellen. Und je länger die Saison dauerte, umso besser arbeiteten der italienische "Rookie" und das verkannte Formel-1-Talent zusammen.

Drei Siege in vier Rennen ändern alles

Ab dem Nürburgring-Rennen holten Calado und Pier Guidi drei Siege aus vier Rennen, was in der Saison das Ruder völlig herumriss. Sah nach Le Mans alles nach einem Durchmarsch für die Ford-Piloten Andy Priaulx und Harry Tincknell (damals noch unterstützt durch Pipo Derani) in der Weltmeisterschaft aus, wendete sich das Blatt in diesen vier Rennen schlagartig. Nicht nur holte der Ford #67 in diesen vier Rennen nicht mehr als 28,5 Punkte (zum Vergleich: Calado/Pier Guidi: 83 Zähler im selben Zeitraum), auch Rigon/Bird konnten nach einem Getriebeproblem am Nürburgring in diesem Zeitraum nicht mehr als 43 Zähler für sich verbuchen.

 

3. GTE-Pro: #63 Corvette Racing-GM Chevrolet Corvette C7.R: Jan Magnussen, Antonio Garcia, Jordan Taylor
3. GTE-Pro: #63 Corvette Racing-GM Chevrolet Corvette C7.R: Jan Magnussen, Antonio Garcia, Jordan Taylor

Foto JEP / LAT Images

Nun waren Calado/Pier Guidi plötzlich die Titelfavoriten. Die direkten Konkurrenten kamen zu diesem Zeitpunkt dann auch nicht mehr aus dem Ganassi-Lager. Es handelte sich um die konstanteste Paarung der ganzen Saison: Richard Lietz und Fred Makowiecki hatten sich mit zahlreichen unspektakulären Ergebnissen ihrerseits im WM-Kampf in Stellung gebracht. Am Ende der Saison sollten sie sechs Podiumsplätze aus neun Rennen geholt haben und waren nie schlechter als Sechste.

Dreikampf um den Titel

Dass es nicht zum Titel reichte, ist zu einen dem fehlenden Highlight der Porsche-Piloten und zum anderen der Stärke zu verdanken, die Calado und Pier Guidi die ganze Saison über hinlegten. Neben Le Mans verpassten sie nur in Mexiko das Podium, wo es ebenfalls technische Probleme gab. Unterm Strich standen sie bei allen Rennen, in denen der Ferrari 488 GTE ohne Probleme lief, auf dem Podest - inklusive drei Saisonsiegen. Dagegen stach nicht einmal mehr die Konstanz der Manthey-Mannschaft #91.

In Schanghai bäumte sich Ford noch ein letztes Mal auf: Priaulx und Tincknell wahrten ihre Titelchance durch einen Sieg - auch dank des Rammstoßes von Jose-Maria Lopez gegen den Porsche #91. Ferrari konnte sich derweil über den fünften Herstellertitel in sechs Jahren freuen.

So kam es zu einem Dreikampf in Bahrain zwischen Calado/Pier Guidi, Lietz/Makowiecki und Priaulx/Tincknell. In der Wüste war AF Corse über alle Zweifel erhaben und fuhr einen ungefährdeten Doppelerfolg ein, während Ford nur in der Anfangsphase stark war und Porsche zu Beginn auf den falschen Reifen setzte. Nur die 488er waren die ganze Distanz über stark.

 

#92 Porsche Team, Porsche 911 RSR: Michael Christensen, Kevin Estre
#92 Porsche Team, Porsche 911 RSR: Michael Christensen, Kevin Estre

Foto Porsche Motorsport

Estre und Christensen laden alles Pech auf sich

Porsche konnte in der WEC im ersten Jahr des Mittelmotor-Porsche 911 RSR im Gegensatz zur IMSA SportsCar Championship kein Rennen gewinnen. Das lag unter anderem am unfassbaren Pech des Duos #92 (Estre/Christensen), die gleich vier Nuller in der Saison zu verbuchen hatten. Der bitterste Ausfall war zweifellos derjenige in Schanghai, als man auf Siegkurs lag. Beim Saisonauftakt fing der 911 RSR spektakulär auf der Fahrbahn Feuer. Porsche änderte daraufhin die Auspuffanlage, wobei auch der Schalldämpfer über Bord ging. Ab Le Mans gab es daher einen infernalischen Sechszylindersound.

Trotz allen Pechs fällt die Bilanz positiv aus. "Wir waren in fast allen Rennen gut konkurrenzfähig. Oft hat halt noch ein ganz kleines bisschen gefehlt", bemerkt Porsche-GT-Projektleiter Marco Ujhasi. "Aber man darf nicht vergessen, dass wir mal eben die Erfahrung von 30 Jahren über Bord geworfen haben und nach dem Konzeptwechsel jetzt erst wieder entsprechende Grundlagen schaffen müssen."

Reduziertes Reifenkontingent trifft Aston Martin hart

Aston Martin haderte wiederum mit den Dunlop-Reifen, die nicht so konstant über die Distanz waren wie diejenigen von Michelin. Die Reduktion auf vier Reifensätze erwies sich für die Briten als verheerend. Das neue Vantage-Modell wird daher 2018 wieder auf Michelin-Reifen rollen. Obschon sich im letzten Jahr des Vantage GTE immer wieder Speed in den Qualifyings abzeichnete, kamen in den Rennen nur selten starke Ergebnisse zustande. Auf den reifenschonenden Strecken von Le Mans und Mexiko waren die Prodrive-Boliden plötzlich wieder konkurrenzfähig und siegten prompt.

 

GTE-Pro-Sieg für #97 Aston Martin Racing Aston Martin Vantage: Darren Turner, Jonny Adam, Daniel Serra
GTE-Pro-Sieg für #97 Aston Martin Racing Aston Martin Vantage: Darren Turner, Jonny Adam, Daniel Serra

Foto JEP / LAT Images

Marco Sörensen und Nicki Thiim waren über weite Strecken der Saison die schnelleren Aston-Martin-Paarung, doch den großen Preis räumten Darren Turner, Jonny Adam und Daniel Serra ab: In einem der denkwürdigsten Le-Mans-Finals aller Zeiten rang das Aston-Martin-Trio die Corvette #63 (Magnussen/Garcia/Taylor) nieder, die aufgrund eines Reifenschadens noch bis auf Rang drei zurückfiel.

In der GTE Pro steht für die WEC-Saison 2018 Zuwachs parat: Dann wird BMW mit dem M8 GTE antreten und auf dem Vier- einen noch engeren Fünfkampf machen.

GTE Am: Favoriten setzen sich durch

Kam der GTE-Am-Titel in der Saison 2014 für Aston Martin noch unter etwas kontroversen Umständen zustande, als der eigentliche Amateur bei mehreren Rennen fehlte, gibt es diesmal nichts zu rütteln: Paul Dalla Lana hat es endlich geschafft und sich nach unzähligen Versuchen den Titel in der Amateurklasse geholt - gemeinsam mit seinen langjährigen Weggefährten Mathias Lauda und Pedro Lamy.

 

#98 Aston Martin Racing Aston Martin Vantage: Paul Dalla Lana, Pedro Lamy, Mathias Lauda
#98 Aston Martin Racing Aston Martin Vantage: Paul Dalla Lana, Pedro Lamy, Mathias Lauda

Foto JEP / LAT Images

Die Paarung war als Favorit in die Saison mit einem dünn besetzten Feld von in der Regel fünf Autos gegangen. Doch über die neun Rennen wuchs ein Konkurrent heran: Die von Patrick Dempsey geförderte Proton-Mannschaft kam mit dem 2015er-Porsche 911 RSR bestens zurecht und avancierte mit zwei Siegen am Nürburgring und in Mexiko zum ernsthaften Titelanwärter. Doch im Schlussspurt hatte Aston Martin Racing den längeren Atem und sicherte sich mit zwei souveränen Siegen in Schanghai und Bahrain beide Titel.

Den größten Aufreger der Saison gab es gleich beim Saisonauftakt in Silverstone: In einem dramatischen Finish kollidierten die späteren Meister drei Kurven vor Schluss mit dem Spirit-of-Race-Ferrari #54 (Flohr/Castellacci/Molina). Den Sieg schnappte sich so die Clearwater-Mannschaft #61 (Mok/Sawa/Griffin). Spirit of Race musste bis zum Abbruchrennen in Fuji warten, um den verlorenen Sieg nachzuholen. Somit fuhren vier von fünf GTE-Am-Teams Siege ein.

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Rennserien WEC , Le Mans
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Tags 24 stunden von le mans, 24h von le mans, aston martin, corvette, ferrari, ford gt, gte pro, porsche, review, rückblick, wec 2017