Kommentar: Das Citroën-Aus als Rückschlag für die WTCC

Citroën zieht sich nach nur drei Jahren werksseitig aus der Tourenwagen-WM (WTCC) zurück. Stefan Ziegler erklärt, warum die Meisterschaft nachhaltig darunter leiden wird und, weshalb Volvo den WM-Titel 2017 schon fast sicher hat.

Es war im Sommer 2013. Damals entschieden die Verantwortlichen über die Zukunft der WTCC. Und sie buhlten um Citroën und Motorsport-Superstar Sebastien Loeb. So sehr, dass Citroën einfach bei jedem Thema auf der Pole-Position stand.

Das neue TC1-Reglement zum Beispiel: Ursprünglich hätte es 2015 eingeführt werden sollen. Doch für Citroën zog man die neuen Regeln um ein Jahr vor. Damit die Marke bis 2015 bloß nicht das Interesse verliert oder gar ein Auto für nur eine Saison bauen muss.

Honda wiederum war 2013 in die WTCC eingestiegen, konnte sein Auto aufgrund der vorgezogenen Regeländerungen aber nach nur einem Jahr endgültig in die Garage rollen. Eine Ohrfeige für den japanischen Hersteller, der das jedoch „zum Wohle der Rennserie“ ohne Meckern hinnahm.

Citroën ist von Anfang an der Platzhirsch

Citroën zeigte andererseits von Anfang an, wer künftig die bestimmende Marke auf und abseits der Rennstrecke sein würde.

Denn die Vorstellung des neuen WTCC-Reglements wurde nicht etwa vom Automobil-Weltverband (FIA) oder von der WTCC selbst vorgenommen. Nein! Citroën verkündete die neuen Regeln – und den Einstieg, alles in einem Aufwasch.

Oh, Überraschung! Citroën hatte bei der Bekanntgabe sogar schon ein fertiges TC1-Auto auf dem Hof stehen.

Die anderen Hersteller hingegen, die zwar ebenfalls in die Diskussionen um das neue Reglement eingebunden gewesen waren, wollten nicht in so viel Vorleistung gehen. Doch den Rückstand, den sie sich dabei eingefangen hatten, holten sie nicht mehr auf.

Citroën hat die WTCC und alle Beteiligten glatt überfahren.

Sportlich, weil der C-Elysee ein absolutes Topauto ohne Schwächen ist und, weil das Fahrzeug vor allem in den Händen von Jose Maria Lopez kaum zu schlagen war.

Und auch beim Auftreten im Fahrerlager setzte Citroën neue Maßstäbe, hatte Zugriff auf ein vergleichsweise gewaltiges Budget und ließ die anderen Werksteams glatt wie Hobbybastler aussehen. Wer die Nummer eins ist, war von Anfang an klar.

Etwas zu viel des Guten?

Das ging jedoch einher mit WTCC-untypischen Entwicklungen. Die Citroën-Garage wurde zur „Sperrzone“ für Zuschauer und Medienvertreter. Und in der „Zeltstadt“ am Nürburgring hielten französische Sicherheitskräfte neugierige Fans vom allzu genauen Bestaunen der Fahrzeuge ab.

Natürlich: Der Erfolg gibt Citroën Recht. Und wahrscheinlich hat es der WTCC gut getan, dass ein Werksteam endlich einmal einen für eine Weltmeisterschaft angemessenen Auftritt hinlegt. Doch Citroën hat es auch ein bisschen übertrieben.

Die Veranstalter haben das stets toleriert. Und sie liefen Gefahr, damit langjährige Partner wie Honda zu verprellen. Mehr noch: Das nahm die Serienleitung sogar in Kauf, solange Citroën nur zufriedengestellt war.

Und jetzt?

Citroën zieht Ende 2016 den Stecker. Just in dem Augenblick, in dem mit Volvo der vielleicht einzige Hersteller in den Startlöchern steht, der Citroën gefährlich werden könnte.

Das klassische Dreijahres-Programm

Ja, es kommt 2016 zum Duell auf der Rennstrecke. Doch ich wage zu bezweifeln, dass Volvo vom ersten Rennen an auf Augenhöhe mit Citroën unterwegs sein wird. Da ist der Erfahrungsrückstand schlicht zu groß.

Für mich deutet daher vieles darauf hin, dass sich Citroën Ende 2016 nach drei Jahren mit jeweils zwei WM-Titeln aus der WTCC verabschieden wird.

Es ist das klassische Programm eines Herstellers: Einsteigen, alles gewinnen und in Grund und Boden siegen, dann aussteigen. Der übliche Dreijahresplan. Auch Chevrolet hatte nach drei ultra-dominaten Saisons von 2010 bis 2012 genug und hörte auf.

Volvo wird Weltmeister 2017 – vielleicht...

2017 ist Volvo mit dem Titelgewinn dran. Denn wer – in der Zeit nach Citroën – sollte die schwedische Marke dann vom Gesamtsieg abhalten?

Honda? Wo man – bei allem Respekt vor der sportlichen Leistung – seit Jahren versucht, den (zu schwachen) Motor aus Japan und das (nicht optimale) Chassis aus Italien zu einer funktionierenden Einheit zu verschmelzen?

Lada? Wo Serienchef Francois Ribeiro gelegentlich wie ein Teamchef Fahrer aus- und einwechselt, wo aber auch die Ressourcen nicht ausreichen, um ganz vorn mitzufahren?

Von den privat eingesetzten RML-Chevrolets brauche ich an dieser Stelle gar nicht erst zu reden.

Aber: Sie alle, die wahrscheinlich bald von Citroën und Volvo und im Jahr darauf nur von Volvo gebügelt werden, haben stets zur WTCC gehalten. Nicht so wie Citroën, die sich erst alles haben zurechtbiegen lassen, ehe sie Knall auf Fall den Rückzieher machen.

Umdenken bei den Verantwortlichen?

Und auch wenn Ribeiro stets betont, dass Hersteller kommen und gehen und er ohnehin keinen Einfluss auf solche Konzernbeschlüsse habe – dieser Ausstieg dürfte ihn schmerzen.

Denn gerade als die WTCC mit Volvo als Neuzugang endlich frischen Wind bekommen hatte, geht ihr nach der Citroën-Ankündigung schon wieder die Luft aus. Kein gutes Omen.

Wer weiß denn schon, wie lange Honda noch maximal die zweite Geige spielen will? Ich sehe vielmehr, dass Volvo Honda von vornerein auf Platz drei verdrängt. Und bei Lada – sorry – weiß man einfach nie, wann nicht plötzlich wieder Schluss ist.

Egal wie es kommt: Ich kann mir gut vorstellen, es fragen sich jetzt gerade ein paar Herren, warum sie Citroën einst so gewaltig den roten Teppich ausgerollt haben, nur um jetzt zu sehen, wie die Marke eben diesen einrollt und damit wegfährt…

Das dürfte beim WTCC-Saisonfinale in Katar am nächsten Wochenende noch für reichlich Gesprächsstoff sorgen!

Euer
Stefan Ziegler

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